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Treffen mit der Roma-Gemeinschaft

14. September 2021 in Aktuelles, 2 Lesermeinungen
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Franziskus: ich lade alle ein, über die Ängste hinauszugehen, über Verletzungen der Vergangenheit, mit Zuversicht, Schritt für Schritt: bei ehrenhafter Arbeit, in der Würde, das tägliche Brot zu verdienen, im Bereichern des gegenseitigen Vertrauens


Rom (kath.net) „Es ist nicht einfach, die anderen wertzuschätzen; oft sieht man in ihnen Hindernisse oder Gegner, und man urteilt über sie, ohne ihre Gesichter und ihre Geschichten zu kennen“.

"Wem gehört die Zukunft? Den Kindern. Sie sind es, die uns die Richtung weisen: ihre großen Träume dürfen nicht an unseren Schranken zerbrechen. Sie wollen gemeinsam mit den anderen heranwachsen, ohne Hindernisse und Ausschließung. Sie verdienen ein eingegliedertes Leben in Freiheit. Sie sind es, die weitblickende Entscheidungen anstoßen sollen, die nicht sofortige Zustimmung suchen, sondern auf die Zukunft von allen achten. Für die Kinder sind mutige Entscheidungen zu treffen: für ihre Würde, für ihre Erziehung, damit sie gut verwurzelt in ihren Ursprüngen, zugleich aber ohne Einschränkung ihrer Möglichkeiten heranwachsen können."

Am Nachmittag verließ Papst Franziskus das Priesterseminar in Košice, um nach Luník IX zu fahren, einem der 22 Stadtteile, in dem die größte Roma-Gemeinschaft der Slowakei lebt. Dort traf er um 16 Uhr die Roma-Gemeinschaft auf dem Platz vor dem Salesianerzentrum.

Bei seiner Ankunft wuurde er am Eingang des Zentrums von dem Direktor, drei Brüdern und zwei Roma-Kindern empfangen. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Direktor des Zentrums und dem Zeugnis eines Roma-Mannes und einer Roma-Familie in der Arbeitswelt, hielt Papst Franziskus seine Ansprache.

kath.net veröffentlicht die Ansprache von Papst Franziskus bei der Begegnung mit der Roma-Gemeinschaft, Stadtteil Luník IX von Košice:

Guten Tag, liebe Brüder und Schwestern,

Ich danke euch für den herzlichen Empfang und für eure lieben Worte. Ján hat daran erinnert, was der heilige Papst Paul VI. einmal zu euch gesagt hat: »Ihr steht in der Kirche nicht am Rand … Ihr seid im Herzen der Kirche« (Homilie, 26. September 1965). Niemand darf sich in der Kirche fehl am Platz oder beiseitegeschoben fühlen. Das ist nicht nur eine Redensart, sondern ein Merkmal von Kirche-sein. Denn Kirche-sein bedeutet als von Gott Zusammengerufene zu leben, sich als Stammspieler im Leben zu fühlen und zur gleichen Mannschaft zu gehören. Ja, denn Gott möchte uns so haben, jeder verschieden, aber alle um ihn vereint. Der Herr sieht uns im Miteinander.


Und er sieht uns als Söhne und Töchter: er hat den Blick eines Vaters, den Blick der Vorliebe für jedes seiner Kinder. Wenn ich diesen Blick auf mir annehme, lerne ich auch die anderen richtig zu sehen: ich entdecke, dass neben mir weitere Kinder Gottes stehen, die ich als Geschwister anerkennen kann. Das ist die Kirche, eine Familie von Brüdern und Schwestern mit dem gleichen Vater, der uns Jesus als Bruder gegeben hat, damit wir verstehen, wie sehr er die Geschwisterlichkeit liebt. Und er möchte, dass die ganze Menschheit eine weltweite Familie wird. Ihr hegt große Liebe und Respekt für die Familie, und ihr schaut von dieser Erfahrung her auf die Kirche. Ja, die Kirche ist ein Haus, sie ist euer Haus. Deshalb – ich möchte es euch von Herzen sagen – seid willkommen, fühlt euch immer zuhause in der Kirche und habt keine Angst, darin zu wohnen. Keiner halte euch oder jemand anders von der Kirche fern!

Ján, du hast mich mit deiner Frau Beáta begrüßt: gemeinsam habt ihr den Traum der Familie euren großen Verschiedenheiten in Herkunft, Sitten und Gebräuchen vorgezogen. Mehr als viele Worte ist eure Ehe ein Zeugnis dafür, wie das konkrete Miteinander viele Stereotypen einstürzen lassen kann, die sonst unüberwindlich scheinen. Es ist nicht einfach, sich über die Vorurteile hinwegzusetzen, auch unter Christen. Es ist nicht einfach, die anderen wertzuschätzen; oft sieht man in ihnen Hindernisse oder Gegner, und man urteilt über sie, ohne ihre Gesichter und ihre Geschichten zu kennen.

Doch hören wir, was Jesus im Evangelium sagt: »Richtet nicht!« (Mt 7,1). Das Evangelium darf nicht versüßt, nicht verwässert werden. Richtet nicht, sagt uns Christus. Wie oft sprechen wir jedoch nicht nur ohne Fundament oder nach dem Hörensagen, sondern halten uns sogar für gerecht, wenn wir harte Richter über andere sind. Nachsichtig mit uns selbst und unbeugsam gegenüber den anderen. Wie oft sind die Urteile in Wirklichkeit Vorurteile, wie oft etikettieren wir! Das heißt mit Worten die Schönheit der Kinder Gottes, die unsere Geschwister sind, zu verunstalten. Die Wirklichkeit des Anderen kann man nicht auf die eigenen vorgefertigten Modelle reduzieren. Man kann die Menschen nicht schematisieren. Um sie wirklich zu erkennen, muss man sie vor allem anerkennen: anerkennen, dass ein jeder in sich die unzerstörbare Schönheit der Kinder Gottes trägt, in der sich der Schöpfer spiegelt.

Liebe Brüder und Schwestern, zu oft seid ihr schon Gegenstand von vorgefassten Meinungen und erbarmungslosen Urteilen, von diskriminierenden Stereotypen, von diffamierenden Worten und Gesten geworden. Damit sind wir alle ärmer geworden, ärmer an Menschlichkeit. Das, was uns hilft, um die Würde wiederzuerlangen, ist von den Vorurteilen zum Dialog überzugehen, von der Verschlossenheit zur Integration. Doch wie kann man das machen? Nikola und René, ihr habt uns dabei geholfen: eure Geschichte der Liebe hat hier begonnen und ist dank der Nähe und der Ermutigung, die ihr erhalten habt, gereift. Ihr habt euch verantwortlich gefühlt und eine Arbeit angestrebt; ihr habt euch geliebt gefühlt und seid mit dem Wunsch gewachsen, euren Kindern einmal etwas Besseres zu geben.

Damit habt ihr uns eine wertvolle Botschaft gegeben: wo es die Sorge um die Person gibt, wo es seelsorgliche Arbeit gibt, wo es Geduld und Konkretheit gibt, da gibt es auch Früchte. Nicht sofort, es braucht Zeit, aber sie kommen. Urteile und Vorurteile vergrößern nur die Abstände. Auseinandersetzungen und starke Worte helfen nicht. Gettoisierung von Menschen bringt keine Lösung. Wenn man die Eingeschlossenheit schürt, bricht früher oder später Wut aus. Der Weg für ein friedvolles Zusammenleben ist die Integration. Es ist ein organischer, langsamer und vitaler Prozess, der mit dem gegenseitigen Kennenlernen beginnt, mit Geduld fortschreitet und die Zukunft im Auge behält.

Und wem gehört die Zukunft? Den Kindern. Sie sind es, die uns die Richtung weisen: ihre großen Träume dürfen nicht an unseren Schranken zerbrechen. Sie wollen gemeinsam mit den anderen heranwachsen, ohne Hindernisse und Ausschließung. Sie verdienen ein eingegliedertes Leben in Freiheit. Sie sind es, die weitblickende Entscheidungen anstoßen sollen, die nicht sofortige Zustimmung suchen, sondern auf die Zukunft von allen achten. Für die Kinder sind mutige Entscheidungen zu treffen: für ihre Würde, für ihre Erziehung, damit sie gut verwurzelt in ihren Ursprüngen, zugleich aber ohne Einschränkung ihrer Möglichkeiten heranwachsen können.

Ich danke denen, die diese Arbeit der Integration weiterführen, die nicht nur viel Mühe mit sich bringt, sondern zuweilen sogar Undank und Unverständnis, manchmal sogar innerhalb der Kirche. Liebe Priester, Ordensleute und Laien, liebe Freunde, die ihr eure Zeit aufbringt, um euren Brüdern und Schwestern eine integrale Entwicklung anzubieten, danke! (...) Danke, Pfarrer Peter, dass du uns von den Seelsorgezentren erzählt hast, wo ihr nicht soziale Versorgung, sondern persönliche Begleitung leistet. Geht auf diesem Weg weiter, der nicht vorgibt, alles sofort geben zu können, sondern prophetisch ist, weil sie die Letzten mit einbezieht, Geschwisterlichkeit stiftet und den Frieden aussät. Habt keine Angst, zu denen hinaus- und entgegenzugehen, die an den Rand gedrängt sind. Es wird euch bewusstwerden, dass ihr Jesus entgegengeht. Er wartet auf euch dort, wo es Zerbrechlichkeit gibt, nicht Komfort; wo es um Dienst geht, nicht um Macht; wo man seinen Körper hingibt, nicht wo man sich selbst bewundert. Dort ist er.

Und ich lade alle ein, über die Ängste hinauszugehen, über die Verletzungen der Vergangenheit, mit Zuversicht, Schritt für Schritt: bei ehrenhafter Arbeit, in der Würde, das tägliche Brot zu verdienen, im Bereichern des gegenseitigen Vertrauens. Und mit dem Gebet des Einen für den Anderen; denn dies ist es, das uns Orientierung und Kraft gibt. Ich ermutige euch, ich segne euch und ich bringe euch die Umarmung der gesamten Kirche. Danke.

VIDEO - Papst Franziskus /Slowakei - Košice - Begegnung mit der Roma-Gemeinschaft

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Lesermeinungen

Norbert Sch?necker 14. September 2021: über Kulturen

Jede Kultur hat spezifische Vorteile und Nachteile und auch so manche wertfreien Eigenheiten. Das gilt für unsere mitteleuropäische Kultur, das gilt auch für die Kultur der Roma, die sich auch in Mitteleuropa manche Eigenheiten bewahrt hat (eine große Leistung übrigens!).
Es ist auch eine große Leistung, wenn Menschen verschiedener Kulturen es schaffen, miteinander konfliktfrei zu leben.
Es kann aber auch angebracht sein, anderen Kulturen deren Schwächen und Fehler zu zeigen. Bei den Roma fällt mir da die immer noch weit verbreitete Zwangsehe minderjähriger Mädchen ein. Das ist aber nur dann ethisch haltbar, wenn man bereit ist, auch selbst Kritik zu ertragen. Man denke an das Gleichnis vom Balken und dem Splitter im Auge.
Randbemerkung: der versuchte Genozid an den Roma durch die Nazis sollte auch nicht vergessen werden! Er war zahlenmäßig geringer, aber inhaltlich genauso schlimm wie der Holocaust.

Chris2 14. September 2021: Je, es ist gut

und eine zivilisatorische Leistung, Vorurteile zu hinterfragen und ggf. zu überwinden. Gerade als Christen sollten wir dem Einzelnen möglichst immer positiv gegenübertreten, ohne dabei leichtfertig zu sein. Doch alle nichtlinken Vorurteile einfach generell als unzutreffend zu canceln und zu brandmarken, ist ebenfalls ein und (vor allem für sich selbst) gefährliches Vorurteil. Allerdings eines ohne jede Substanz, allein eine idologisch motivierte Aussage (vgl. auch die verlinkte Doku). Merke: "Wer behauptet, er habe keine Vorurteile, hat die meisten" (Fazit einer einstündigen DLF-Sendung zum Thema vor etwa 20 Jahren)...

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