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Gegen Agenden und Aktivismus: das Kardinalskollegium hält inne

vor 34 Stunden in Aktuelles, 7 Lesermeinungen
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Leo XIV.: consistorium - consistere. Kein Expertenteam, sondern Glaubensgemeinschaft: über Sinn und Grenze kirchlicher Macht. Warum kirchliche Leitung aus dem Innehalten vor Gott hervorgehen muss. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) Die Liturgie der heiligen Messe mit den zum außerordentlichen Konsistorium versammelten Kardinälen stellte zu Beginn das Wort aus dem ersten Johannesbrief in den Mittelpunkt: „Geliebte, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott“ (1 Joh 4,7). Papst Leo XIV. machte deutlich, dass diese Aufforderung den geistlichen Horizont der Versammlung eröffnete. Das Konsistorium sei ein „Moment der Gnade“, in dem die Einheit im Dienst an der Kirche sichtbar werde.

Der Papst erläuterte den Begriff Consistorium von seiner sprachlichen Wurzel her. Er erinnerte daran, dass er von consistere stamme und „Halt machen“ bedeute. In diesem Sinn hätten alle Anwesenden „angehalten“, um hier zu sein: Sie hätten ihre Tätigkeiten unterbrochen und auch wichtige Verpflichtungen abgesagt, um gemeinsam zu prüfen, „was der Herr zum Wohl seines Volkes von uns verlangt“. Leo XIV. bezeichnete dieses bewusste Innehalten als eine „bedeutungsvolle, prophetische Geste“, gerade in einer hektischen Gesellschaft. Es erinnere daran, wie notwendig es sei, in jeder Lebensphase innezuhalten, um zu beten, zuzuhören und nachzudenken, damit sich der Blick auf das Ziel kläre und man nicht Gefahr laufe, „blindlings zu laufen oder vergeblich in die Luft zu schlagen“, wie der Apostel Paulus mahne (vgl. 1 Kor 9,26). Der Papst machte zugleich unmissverständlich deutlich, dass das Konsistorium nicht dem Vorantreiben von „Agenden“ diene, weder persönlicher noch solcher einzelner Gruppen. Man sei nicht zusammengekommen, um eigene Projekte durchzusetzen, sondern um Vorhaben und Eingebungen einer Unterscheidung zu unterziehen, die den menschlichen Horizont übersteige, „so hoch der Himmel über der Erde ist“ (Jes 55,9), und die allein vom Herrn komme.

In diesem Zusammenhang verwies Leo XIV. auf die Eucharistie als den eigentlichen Ort dieser Unterscheidung. In ihr sollten alle Wünsche und Gedanken auf den Altar gelegt werden, „zusammen mit der Gabe unseres Lebens“, um sie mit dem Opfer Christi dem Vater darzubringen. Der Papst erklärte, dass sie durch die Gnade gereinigt, erleuchtet, miteinander „verschmolzen und in ein einziges Brot verwandelt“ zurückgegeben würden. Nur so könne man wirklich die Stimme des Herrn hören, indem man sie in der Gabe annehme, die man füreinander sei. Darin liege der eigentliche Grund der Versammlung.


Das Kardinalskollegium beschrieb Leo XIV. nicht primär als ein Expertengremium, auch wenn es reich an Kompetenzen und Begabungen sei. Seine eigentliche Berufung liege darin, eine Glaubensgemeinschaft zu sein, in der die Gaben der Einzelnen dem Herrn dargebracht und von ihm neu geschenkt würden, damit sie gemäß seiner Vorsehung Frucht brächten. Die Liebe Gottes, deren Jünger und Apostel die Kirche sei, bezeichnete der Papst als eine „trinitarische“ und „relationale“ Liebe. Aus ihr gehe jene „Spiritualität der Gemeinschaft“ hervor, aus der die Kirche als Braut Christi lebe und deren Haus und Schule sie sein wolle.

In diesem Zusammenhang erinnerte Leo XIV. an Johannes Paul II., der zu Beginn des dritten Jahrtausends das Wachstum dieser Spiritualität gewünscht und sie als einen „Blick des Herzens auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit […], das in uns wohnt und dessen Licht auch auf dem Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns wahrgenommen werden muss“, beschrieben habe. Das Innehalten des Konsistoriums verstand der Papst daher in erster Linie als einen Akt der Liebe zu Gott, zur Kirche und zu den Menschen der Welt. Dieser Akt lasse sich vom Heiligen Geist formen, zunächst im Gebet und in der Stille, dann aber auch im gegenseitigen Zuhören und im Austausch, durch den die Kardinäle zur Stimme derer würden, die der Kirche in den verschiedenen Teilen der Welt anvertraut seien. Leo XIV. betonte, dass dieser Dienst mit einem demütigen und großzügigen Herzen zu leben sei. Alle Anwesenden seien aus Gnade hier; nichts von dem, was sie einbrächten, hätten sie nicht zuvor als Geschenk empfangen. Es handle sich um Talente, die nicht verschwendet, sondern „klug und mutig“ eingesetzt werden müssten (vgl. Mt 25,14–30).

Zur Vertiefung dieses Gedankens zitierte der Papst den heiligen Leo den Großen. Dieser habe gelehrt: „Überaus kostbar und wertvoll ist es […] in den Augen des Herrn, wenn das ganze christliche Volk zugleich denselben Pflichten nachkommt, wenn sämtliche Stände und Rangstufen […] in demselben Geiste zusammenwirken.“ Dann, so fuhr das Zitat fort, speise man die Hungernden, kleide die Nackten und besuche die Kranken, weil keiner auf das Eigene schaue, sondern auf das, „was dem Nächsten frommt“ (Sermo 88,4). Genau dieser Geist solle das gemeinsame Arbeiten prägen: das Verlangen, dass im mystischen Leib Christi jedes Glied in geordneter Weise zum Wohl aller beitrage (vgl. Eph 4,11–13) und seinen Dienst würdig erfülle, in der Freude, die eigenen Früchte darzubringen und zugleich die Früchte des Wirkens anderer wachsen zu sehen (vgl. Sermo 88,5). Die Kirche habe dieses Geheimnis seit zwei Jahrtausenden in seiner „facettenreichen Schönheit“ verkörpert. Auch die konkrete Versammlung des Konsistoriums gebe davon Zeugnis, in der Vielfalt von Herkunft und Alter und in der Einheit der Gnade und des Glaubens, die alle verbinde.

Der Papst weitete den Blick auf die Situation der Welt. Angesichts der „großen Menge“ einer nach Gutem und Frieden hungernden Menschheit, in einer Welt voller Gegensätze von Überfluss und Elend, Sattheit und Hunger, Kampf ums Überleben und existenzieller Leere, erkannte er sich und die Kardinäle in der Situation der Jünger wieder, denen Jesus sagte: „Gebt ihr ihnen zu essen“ (Mk 6,37). Wie diese fühlten auch sie sich unzulänglich. Doch Jesus stelle die weitere Frage: „Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach!“ (Mk 6,38). Der Papst machte deutlich, dass diese Suche gemeinsam geschehen könne. Nicht immer würden sofort Lösungen gefunden, doch immer könne man einander helfen – und besonders dem Papst helfen –, die „fünf Brote und zwei Fische“ zu finden, an denen es der Vorsehung niemals fehle. Diese seien anzunehmen, zu übergeben, zu empfangen und zu verteilen, bereichert durch den Segen Gottes sowie durch den Glauben und die Liebe aller, damit es niemandem am Nötigen mangele (vgl. Mk 6,42).

Zum Abschluss würdigte Leo XIV. den Dienst der Kardinäle als etwas Großes, zugleich zutiefst Persönliches und Einzigartiges, für alle wertvoll. Die Verantwortung, die sie mit dem Nachfolger Petri teilten, bezeichnete er als schwer und als große Bürde. Abschließend vertraute der Papst die gemeinsame Arbeit und Sendung dem Herrn an, mit Worten des heiligen Augustinus aus den Confessiones: „Vieles gibst du uns, wenn wir beten, und alles Gute, was wir empfangen haben, bevor wir beteten, haben wir von dir empfangen; und auch dass wir diesen Sachverhalt nachträglich erkennen, hast du gegeben […]. Gedenke, o Herr, dass wir Staub sind.“ Daraus erwuchs das abschließende Gebet, das Leo XIV. der Kirche anempfahl: „Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst“.


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Lesermeinungen

Hardenberg vor 18 Stunden: @Fleischer

Synode ist nur das griechische Wort für concilium. Von einer ökumenischen Synode sagt der CIC 1917: Can. 228. § 1. Concilium Oecumenicum suprema pollet in universam Ecclesiam potestate.

Pilgrim Pilger vor 20 Stunden: Sehen und Hören prägen das erste Jahr des Pontifikat von Papst Leo XIV.

Der Heilige Vater überzeugt weiterhin nicht nur durch das was er sagt sondern auch mit seiner Art der Amtsführung als Papst, er beobachtete und hörte welche Vorstellungen und Erwartungen in den außerordentlichen Konsistorium durch die Kardinäle angesprochen wurden. Ich denke das nun eine Zeit des abwägen folgt bevor der Heilige Vater Papst Leo XIV. in der Kirche neue Akzente setzt und somit die Zeit des Übergangs ins neue Pontifikat beendet.

heikostir vor 22 Stunden:

Papst Leo macht seine Sache super!

Er ist kein Wünsche-Erfüller: weder für die sog. "Konservativen", noch für die sog. "Liberalen" oder die sog. "Traditionalisten". Und das ist gut so!!!!

Er steht über den "Parteiungen" und ist der Brückenbauer (Pontifex), der die Dinge immer wieder auf den Punkt bringt. Super!

SarahK vor 26 Stunden: Beim anhören der

fast geweint vor Freude und Hoffnung. Besonders schön finde ich dass er immer wieder in Punkten die Wichtigkeit der Eucharistie hervorhebt und ihre Sinnhaftigkeit. Gott segne ihn! ♥️

Versusdeum vor 26 Stunden: Lieber @Stefan Fleischer

Das ist nicht nur Ihr Verständnis, sondern nach allem, was ich weiß, war dies auch immer das Verständnis der von Gott (Sohn) selbst und auf Petrus und die Apostel gegründete Kirche.

Stefan Fleischer vor 31 Stunden: Nach meinm Verständnis

sind Synoden Beratungsgremien und keine Entscheidungsinstanzen. Die Leitung und Entscheidungskompetenz muss bei den kirchlichen Entscheidungsinstanzen liegen, welche nicht der Synode (oder dem Volk) gegenüber verantwortlich sind, sondern Gott, dem Herrn.
Vgl. Apg 15,22-29 die Apostelsynode:«…Die Apostel und die Ältesten, eure Brüder, grüßen …. Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: …»

Antlitz Christi vor 35 Stunden: Danke, heiliger Vater,

für diese prägnante, tiefsinnige Ansprache.
Möge der Heilige Geist das Treffen aller mit der Fülle seiner Gaben segnen, damit der Wille Gottes in allem erkannt und umgesetzt werden kann.

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