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vor 3 Stunden in Aktuelles, 2 Lesermeinungen
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Leo XIV.: die Lehre von Dei Verbum über Inspiration, Sprache und Auslegung der Schrift. Zur Verbindung von göttlicher Inspiration und menschlicher Autorschaft. Die Bedeutung der Sprache für die Verkündigung des Wortes Gottes. Von Armin Schwibach
Rom (kath.net/as) „Du aber bleibe bei dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast. Du weißt, von wem du es gelernt hast; denn du kennst von Kindheit an die heiligen Schriften, die dich weise machen können zum Heil durch den Glauben an Christus Jesus. Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit“ (2 Tim 3,14-16).
Die Katechese bei der traditionellen Generalaudienz am Mittwoch stand in Fortführung der Reihe über die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils erneut im Zeichen der Konzilskonstitution Dei Verbum über die Göttliche Offenbarung. Papst Leo XIV. legte dar, dass die Konstitution in der Heiligen Schrift, gelesen in der lebendigen Tradition der Kirche, einen privilegierten Raum beschreibe, in dem Gott weiterhin zu den Menschen aller Zeiten spreche, damit sie ihn, indem sie ihm zuhören, erkennen und lieben könnten. Zugleich wurde hervorgehoben, dass die biblischen Texte nicht in einer himmlischen oder übermenschlichen Sprache verfasst worden sind.
Leo XIV. führte aus, dass zwei Menschen, die unterschiedliche Sprachen sprächen, einander nicht verstünden, nicht in Dialog treten könnten und keine Beziehung aufzubauen vermöchten. In manchen Fällen sei das Bemühen, vom anderen verstanden zu werden, ein erster Akt der Liebe. Deshalb habe Gott beschlossen, in menschlichen Sprachen zu sprechen, und so hätten verschiedene Autoren, vom Heiligen Geist inspiriert, die Texte der Heiligen Schrift verfasst. In Erinnerung an das Konzilsdokument wurde hervorgehoben: „Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden, wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme menschlich-schwachen Fleisches den Menschen ähnlich geworden ist“ (Dei Verbum 13). Daraus ergebe sich, dass die Schrift nicht nur in ihrem Inhalt, sondern auch in ihrer Sprache die barmherzige Herablassung Gottes gegenüber den Menschen offenbare und seinen Willen, ihnen nahe zu sein.
Im Verlauf der Geschichte der Kirche sei die Beziehung zwischen dem göttlichen Urheber und den menschlichen Autoren der heiligen Texte untersucht worden. Über mehrere Jahrhunderte hinweg hätten viele Theologen die göttliche Inspiration der Heiligen Schrift verteidigen wollen und dabei die menschlichen Autoren beinahe als passive Werkzeuge des Heiligen Geistes betrachtet. In jüngerer Zeit sei der Beitrag der Hagiographen bei der Abfassung der heiligen Texte neu bewertet worden, sodass das Konzilsdokument von Gott als dem „Hauptautor“ der Heiligen Schrift spreche, zugleich aber die inspirierten Verfasser oder Hagiographen als „wahre Verfasser“ der heiligen Bücher bezeichne (vgl. Dei Verbum 11). In diesem Zusammenhang führte der Papst einen Exegeten des vergangenen Jahrhunderts an, der festgestellt habe: „Das menschliche Wirken auf das eines bloßen Schreibers herabzusetzen, bedeutet nicht, das göttliche Wirken zu verherrlichen“. Leo XIV. hielt fest, dass Gott den Menschen und seine Fähigkeiten nicht entwerte.
Wenn also die Schrift das Wort Gottes in menschlichen Worten sei, dann erweise sich jeder Zugang zu ihr, der eine dieser beiden Dimensionen übergehe oder leugne, als unvollständig. Daraus folge, dass eine angemessene Auslegung der heiligen Texte nicht vom historischen Umfeld getrennt werden könne, in dem sie entstanden seien, und nicht von den literarischen Formen, deren sich die Verfasser bedient hätten. Mehr noch: Der Verzicht auf das Studium der menschlichen Worte, deren sich Gott bedient habe, könne zu fundamentalistischen oder spiritualistischen Lesarten der Schrift führen, die ihren Sinn verfälschten.
Dieses Prinzip gelte auch für die Verkündigung des Wortes Gottes: Wenn diese den Kontakt zur Wirklichkeit verliere, zu den Hoffnungen und Leiden der Menschen, wenn sie eine unverständliche, wenig kommunikative oder anachronistische Sprache verwende, werde sie wirkungslos. In jeder Epoche sei die Kirche dazu berufen, das Wort Gottes in einer Sprache neu vorzulegen, die fähig sei, sich in der Geschichte zu inkarnieren und die Herzen zu erreichen. In diesem Zusammenhang erinnerte Leo XIV. an ein Wort von Papst Franziskus: „Jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf“ (Evangelii gaudium 119).
Ebenso reduktionistisch sei eine Lesart der Schrift, die ihren göttlichen Ursprung vernachlässige und sie als bloß menschliche Lehre verstehe, als etwas, das nur aus technischer Perspektive zu studieren sei, oder als „einen Text nur aus der Vergangenheit“. Vielmehr sei die Schrift, besonders wenn sie im Kontext der Liturgie verkündet werde, darauf ausgerichtet, zu den Gläubigen von heute zu sprechen, ihr gegenwärtiges Leben mit seinen Problemen zu berühren, die Schritte zu erhellen, die zu gehen seien, und die Entscheidungen, die zu treffen seien. Dies werde nur möglich, wenn der Gläubige die heiligen Texte unter der Führung desselben Geistes lese und auslege, der sie inspiriert habe (vgl. Dei Verbum 12).
In diesem Sinn diene die Schrift dazu, das Leben und die Liebe der Gläubigen zu nähren, wie Augustinus in Erinnerung gerufen wurde: „Wer meint, die göttlichen Schriften verstanden zu haben […], wenn er durch dieses Verständnis nicht vermag, das Gebäude dieser doppelten Liebe, zu Gott und zum Nächsten, zu errichten, hat sie noch nicht verstanden“ (De doctrina christiana I, 36, 40). Der göttliche Ursprung der Schrift erinnere zugleich daran, dass das Evangelium, das dem Zeugnis der Getauften anvertraut sei, alle Dimensionen des Lebens und der Wirklichkeit umfasse, sie aber übersteige: Es könne nicht auf eine bloß philanthropische oder soziale Botschaft reduziert werden, sondern sei die frohe Verkündigung des vollen und ewigen Lebens, das Gott den Menschen in Jesus geschenkt habe.
Am Ende der Katechese wandte sich Papst Leo XIV. an die Gläubigen mit der Aufforderung, dem Herrn zu danken, weil er in seiner Güte das wesentliche Nahrungsmittel seines Wortes für das Leben nicht entziehe, und darum zu bitten, dass die eigenen Worte und noch mehr das eigene Leben die Liebe Gottes, von der in der Schrift erzählt werde, nicht verdunkelten.
Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum, begrüße der Heilige Vater mit den folgenden Worten:
Liebe Brüder und Schwestern deutscher Sprache, bitten wir beim Lesen der Heiligen Schrift den Heiligen Geist um sein Licht, damit wir das Wort Gottes immer besser verstehen können und erkennen, was er in den konkreten Situationen unseres Alltags von uns erwartet.
Foto (c) Vatican Media
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Fink vor 1 Stunden: Die liberale Auslegung (Exegese) der Bibel führt zu Glaubensverdunstung, und oft
irgendwann dann zum Glaubensabfall.
Seit der Aufklärung vor 250 Jahren sind immer mehr Menschen (auch Theologen) der Meinung, die
Evangelien seien "reines Menschenwerk". Zugespitzt, es seien ausgedachte Märchen.
Wir brauchen wieder eine "gesunde" Exegese an den Hochschulen, in der Glaubensverkündigung, im Religionsunterricht.
heikostir vor 2 Stunden:
Es freut mich, dass Papst Leo XIV. so explizit auf die Texte des II. Vatikanischen Konzils Bezug nimmt und diese als gemeinsame Grundlage betont.
Denn die Texte des II. Vatikanums werden von verschiedenen Seiten in Frage gestellt:
- da sind schismatisch-sektiererische Gruppen wie die Piusbrüder, die sich als Hüter der Tradition aufspielen, aber einem - wie der heilige Johannes Paul II. feststellen musste - defizitären Traditionsbegriff anhängen und daher spalterisch wirken.
- da sind auf der anderen Seite aber auch selbsternannte Reformgruppen, die de facto eine Kirche nach eigenem Gusto bauen wollen.
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