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Im Sprichwort führen alle Wege nach Rom, in der Philosophie immerhin recht viele zu Gott. Man muss sie nur gehen. Eine Rezension aus dem Buch von P. Recktenwald
Linz (kath.net)
Es gibt Bücher, die man liest, um Antworten zu bekommen, und es gibt Bücher, die man liest, weil sie einen zu den existenziellen Fragen zurückführen. Engelbert Recktenwalds neues Werk gehört zu Letzteren. In einer Zeit, in der viele sich mit schnellen Meinungen zufriedengeben, lädt er ein zu einer Haltung, die selten geworden ist: zum staunenden, ehrlichen, ungeschönten Nach-Denken über Leben, Glück, Moral – und Gott.
Dass diese Einladung von einem Priester und zugleich promovierten Philosophen kommt, der sich seit Jahren auf Vorträgen, in Artikeln und Büchern für eine Renaissance des vernünftigen Glaubens einsetzt, macht sie umso wertvoller. Pater Recktenwald FSSP ist einer dieser Autoren, bei denen man spürt: Er schreibt nicht, um Recht zu behalten, sondern weil er liebt. Mit seinem neuen Buch „Am Ende wartet Gott“ legt er ein Werk vor, das man als eine Einladung begreifen darf: zu einem Denken, das nicht im Zirkel abstrakter Begriffe gefangen bleibt, sondern den Weg zur Wirklichkeit Gottes bahnt. Recktenwald schreibt ganz bewusst nicht mehr nur im Modus des Fachphilosophen, sondern mit der Absicht, einen allgemeinen Leserkreis zu erreichen. Das merkt man dem Buch wohltuend an: Er schreibt in einer Sprache, die einfach ist, ohne vereinfachend zu sein. Seine Kapitel sind kurz, fast meditativ, und führen Schritt für Schritt zu einer Einsicht, die heute viele Menschen verloren haben: Der Sinn unseres Lebens ist nicht selbstgemacht, sondern empfangen.
Philosophische Denker wie Kant, Nietzsche, Scheler, Wittgenstein oder Frankl treten auf – nicht als Gelehrtenzitate, sondern als Gesprächspartner, die dem Leser helfen sollen, die eigene Existenz neu zu betrachten. Zugleich ist die Handschrift des Priesters deutlich: Hinter jeder Analyse scheint ein seelsorgliches Anliegen durch. Recktenwald möchte nicht nur überzeugen, sondern zu einer Begegnung mit dem Gott führen, der uns denkt, liebt und ruft. Viele Kapitel kreisen um die Frage nach Sinn, Moral und Freiheit. In 18 thematisch fokussierten Essays entfaltet Pater Recktenwald weniger einen intellektuellen Weg, als vielmehr eine geistliche Reise: In „Wir suchen am falschen Ort“ zeigt Recktenwald anhand von Edith Stein und Viktor Frankl, dass Sinn nicht „gebaut“, sondern gefunden wird. Der Mensch ist metaphysisch bedürftig: Er hungert nach Bedeutung. Die dramatische Szene aus Die Outsider, die der Autor in „Johnnys Entdeckung“ thematisiert, veranschaulicht, dass selbstlose Liebe ein Glück erzeugt, das Selbstbehauptung nie erreichen kann. Moral ist keine Bürde, sondern eine Tür zur Erfüllung. In den Beiträgen „An das Gute glauben“ und „Das Tier im Menschen“ entfaltet Recktenwald die Würde des Menschen: Wir sind fähig zur Moral, und darin liegt unsere Gottfähigkeit. Nietzsche wird als Gegenposition herangezogen, der zwar das Gewissen bekämpft, aber gerade dadurch seine Realität ungewollt bestätigt.
Es schließt sich ein Beitrag über die Irrwege des modernen Glücksversprechens an. Glück ist niemals primär Gefühl, sondern Frucht gelebter Wahrheit. Der Autor entfaltet sodann in „Der doppelte Ruf“, dass Mensch von zwei Seiten her angesprochen ist: von seinem Gewissen und von Gottes persönlicher Liebe. Beide zusammen zeigen: Der Mensch ist zur Antwort geschaffen. In „Tolkiens christliche Botschaft“ wird die Literatur zur Theologie: Die Welt von „Herr der Ringe“ leuchtet als poetischer Beweis, dass das Herz „weiß“, dass das Gute stärker ist als das Böse. Die folgenden drei Beiträge bilden das dreifache Herzstück des Buches: Liebe ist nicht nur Gefühl, sondern eine Erkenntnisquelle. Wer liebt, sieht tiefer. Moral gründet letztlich nicht in Pflicht, sondern in Gottes Zuwendung. In einem schönen Bild stellt der Autor dann die Frage: Genießt der Mensch nur die Güter dieser Welt oder wird er selbst Quelle von Güte, weil er an Gottes Liebe teilhat? Im Anschluss kommt ein moralphilosophisch brillantes und spirituell existenzielles Kapitel: Ohne Gott werden alle Werte schwebend. Mit Gott werden sie getragen. Sodann geht es um das Gewissen als innerster „Kontaktpunkt“ zwischen Geschöpf und Schöpfer: leise, aber verlässlich. In einem meditativen Kapitel über die Sehnsucht des Menschen geht es nicht nur darum, zu erkennen, sondern erkannt zu sein – und zwar von Gott selbst. In „Realismus trotz Metaphysikabstinenz?“ schaut der Autor retrospektiv auf moderne Philosophie, die Gott ausklammert und daran scheitert, die Wirklichkeit ganz zu deuten. In einem Kapitel der Dankbarkeit würdigt der Autor dann die Rolle großer Denker und Zeugen, die den Weg des Glaubens vorbereitet haben, bevor im nächsten Beitrag eine stille Warnung ergeht: Oft verkleinern wir Gott unbewusst, um ihn „handhabbar“ zu machen. Doch wahrer Glaube wagt die Größe Gottes.
Das Schlusskapitel „Du bist unersetzbar!“ ist ein geistliches Vermächtnis: Jeder Mensch ist ein Gedanke Gottes, einmalig, geliebt und berufen. Immer wieder kehrt Recktenwald zu einem Grundgedanken zurück, den Edith Stein bereits formulierte: „Und das Leben habe ich erst lieben gelernt, seit ich weiß, wofür ich lebe.“ Der Autor macht deutlich, dass dieser Sinn nicht nur gefunden, sondern auch gelebt werden will. Der Mensch ist – so seine schöne Formulierung – metaphysisch bedürftig. Dieses Bedürfnis erfüllt sich am Ende nur dort, wo Liebe unendlich trägt: bei Gott selbst. Darum ist das Buch nicht nur ein philosophisches, sondern auch ein zutiefst geistliches Werk. Es will den Leser nicht bei Argumenten stehenlassen, sondern dorthin führen, wo Denken in Anbetung übergeht.
Im Vergleich zu Recktenwalds früheren Büchern, die stärker akademisch geprägt waren (wie etwa seine Arbeiten zu Kant, Naturrecht und Autonomie), ist „Am Ende wartet Gott“ allgemein zugänglich. Es stellt gleichsam eine „Popularphilosophie des Glaubens“ dar, ohne an Tiefe zu verlieren. Doch wer Recktenwald kennt, wird auch die Kontinuität bemerken: sein Vertrauen in die Vernunft, sein realistisches Menschenbild, sein Ringen um moralische Wahrheit und seinen Blick für die innere Schönheit des Glaubens. Neu ist die Beweglichkeit des Stils: kürzere Kapitel, erzählerische Beispiele, mehr geistlicher Klang. Damit öffnet sich sein Denken einem breiteren Publikum – und wird gerade dadurch besonders fruchtbar. Dieses Buch ist ein Geschenk für alle, die neu über Glauben und Vernunft nachdenken wollen, nach Orientierung in einer zerrissenen Welt suchen, verstehen möchten, warum moralische Wahrheit nicht einengt, sondern befreit, oder einfach ihre Liebe zu Gott intellektuell wie geistlich vertiefen wollen. Im besten Sinne ist dieses Buch ein Begleiter: eines, das Denken weitet und Herzen öffnet.
kath.net Buchtipp
Am Ende wartet Gott. Versuche, die Philosophie zu Ende zu denken
Von Pater Engelbert Recktenwald FSSP
Verlag: Media Maria, Illertissen 2025
ISBN: 9783947931613
160 Seiten
Preis: 19,- Euro
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