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„Junge Menschen, die zum Glauben zurückkehren, wollen den ‚vollen fetten Glauben‘“

vor 5 Stunden in Jugend, 3 Lesermeinungen
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Kommentar im britischen „Spectator“ beschreibt, dass sich junge Anglikaner dem halbvergessenen „Book of Common Prayer“ zuwenden, weil sie sich „nach Authentizität und Tradition“ sehnen.


London (kath.net/pl) „Zwei Generationen junger Menschen haben einen kurzen Blick auf unsere ‚jugendfreundliche‘ Kirche geworfen und sich dann abgewendet, und jede neue Generation ist der Religion weniger zugeneigt als die vorherige.“ Darauf macht der anglikanische Pfarrer Marcus Walker in seinem Kommentar in der britischen Wochenzeitung „The Spectator“ aufmerksam. Doch jetzt gebe es „viele Anzeichen dafür, dass junge Erwachsene – und insbesondere junge Männer – wieder vermehrt in die Kirche zurückkehren. Am interessantesten ist dabei, dass diese jungen Menschen sich nach Authentizität und Tradition sehnen“, also „nach einem ‚vollen fetten Glauben‘ [„full-fat faith“], wie viele es nennen“. Sie wollen also "aufs Ganze gehen", wie man sinngemäß übersetzen müsste.

Der anglikanische Priester erläutert dazu als Hintergrund, dass das alte „Book of Common Prayer“* in der anglikanischen Tradition „eine der wichtigsten Ausdrucksformen dieses Glaubens, und obwohl sich dieser Trend sicherlich auch in anderen Traditionen zeigt, kehren viele junge Menschen zum Gebetbuch und zur Sprache der englischen Renaissance zurück“.

Der anglikanische Geistliche berichtet aus seiner eigenen Pfarrei St. Bartholmäus d.Gr. in London, dass hier 2018 „die King-James-Bibel“** und die „Evening Prayers aus dem Prayer Book“ wiedereingeführt wurden, man habe daraufhin „einen rasanten Mitgliederzuwachs erlebt – insbesondere bei den 20- bis 35-Jährigen. Seit Covid-19 haben wir fast 150 Konfirmationen gefeiert, und erfreulicherweise denken nun viele über eine Ordination nach. Und doch dürfte das nach den Ansichten der Weisen der 1960er-Jahre eigentlich nicht passieren. Diese jungen Männer und Frauen hätten niemals in die Nähe einer Kirche kommen dürfen, in der „‚thees‘ and ‚thous‘“** verwendet werden, über Sünde gesprochen wird oder in einem Tonfall gebetet wird, der eher an Shakespeare als an eine Reality-Show erinnert.“


Doch erstaunlicherweise sagen diese jungen Menschen, dass sie genau deswegen kommen würden, so Walker. „Eine kurze Umfrage in unserem WhatsApp-Chat mit rund 100 jungen Erwachsenen bestätigte diese Einschätzung. ‚Gottesdienste nach dem Book of Common Prayer sind wunderschön, weil die Sprache so poetisch ist … Gottesdienste in moderner Sprache fühlen sich an wie die Webseite des britischen Gesundheitssystems‘, sagte eine junge Frau. Ein junger Mann aus der IT-Branche, der mit 22 Jahren zum ersten Mal in die Kirche kam, sagte: ‚Der Abendgottesdienst in der Stadt [unser wichtigstes Outreach-Angebot] richtet sich zwar an junge Leute, aber die Verwendung des Book of Common Prayer (BCP) vermittelte mir das Gefühl: ‚Wir nehmen dich und deinen Glauben ernst‘, anders als andere Initiativen, die sich an der seltsamen und ermüdend herablassenden Vorstellung eines Kirchenbürokraten von ‚Jugend‘ orientieren.“ Ich kann gar nicht genug betonen, wie sehr sich viele darüber ärgern, von der Kirche bevormundet zu werden.‘“

Walker betont, dass er nicht genug betonen könne, „wie wichtig die Auseinandersetzung mit der Sünde ist. Die Erkenntnis der Sünde, nicht das Begehen selbst. Die Prediger der 1960er-Jahre sagten immer, die alten Worte seien viel zu negativ, viel zu menschenfeindlich. Nun, jeder, der die letzten 25 Jahre miterlebt hat, ist der Menschheit gegenüber auch ziemlich skeptisch. Ich glaube, man nennt das ‚Lebenserfahrung‘.“

„Eine Generation, die mit Krieg, Finanzkrisen und Seuchen aufgewachsen ist, findet Trost in dem, was in der Ewigkeit verankert ist“, beschreibt der anglikanische Priester weiter. Und er zitiert ein anderes Gemeindemitglied: „Die Verwendung derselben Worte, die von Mitchristen seit dem 17. Jahrhundert gebraucht werden, bestärkt die Vorstellung, dass wir in lebendiger Gemeinschaft miteinander stehen, selbst wenn Jahrhunderte uns trennen.“

Walker schildert Wachstumserfahrungen anderer anglikanischer Pfarreien, die sich wieder der Liturgie entsprechend dem „Book of Common Prayer“ zugewendet haben.

Dies bedeute, schließt Walker seinen Beitrag ab, „dass eine neue Generation zu erkennen beginnt, dass man dem Göttlichen begegnen kann, ohne in der Sprache einer Personalbesprechung denken zu müssen. Es ist gerade das Anderssein, das uns in eine Welt des Verstehens führt, die wir zu unserer Freude mit unseren Vorfahren und (mit etwas Glück) unseren Nachkommen teilen. Es scheint, als ob die Generation Z allmählich erkennt, wie die Dunkelheit um sie herum erhellt werden kann.“

Anmerkungen:
*Das „Book of Commun Prayer” erschien 1549 erstmals und ist die Liturgieagenda der Anglikaner seit ihrer Reformation. Es gibt verschiedene Neuausgaben, die teilweise auch Anpassungen beinhalteten. Ebenso gibt es Adaptionen für andere kirchliche Traditionen, etwa bei den Episkopalen.
**Die King-James-Bibel wurde 1611 erstmals herausgegeben und hält sich mit verschiedenen moderaten sprachlichen Anpassungen bis heute. Ihre Bedeutung für den englischen Sprachraum ist ungefähr vergleichbar mit dem der Lutherbibel für den deutschen Sprachraum.
***„‚thees‘ and ‚thous‘“ bezieht sich darauf, dass im heutigen Englisch die Anrede der zweiten Person Plural allgemein üblich geworden ist (genaugenommen siezt man sich im Englischen sogar innerhalb der Familie), die alte 2. Person Singular aber nicht mehr aktiv gebraucht wird. Doch in alten liturgischen Texten findet sich die 2. Person Singular weiterhin. Bestes Beispiel dafür mag die klassische Form des Vaterunsers sein:
The Lord’s Prayer
Our Father, who art in heaven,
hallowed be thy Name,
thy kingdom come,
thy will be done,
on earth as it is in heaven.
Give us this day our daily bread.
And forgive us our trespasses,
as we forgive those
who trespass against us.
And lead us not into temptation,
but deliver us from evil.
For thine is the kingdom,
and the power, and the glory,
for ever and ever.
Amen

There is much evidence that young adults – and young men in particular – have been returning to church.

Most interesting of all is that these young people seem to be craving authenticity and tradition – or ‘full-fat faith’, as many are calling it.

In the Church of England, one… pic.twitter.com/RA5qCQDb80

— The Spectator (@spectator) April 2, 2026

 


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Lesermeinungen

Stefan Fleischer vor 2 Stunden: Es zeigt sich immer mehr,

dass die Kirche nicht dadurch attraktiv wird, dass sie die Lehre, ja auch Gott selbst als Gott, immer mehr verharmlost. Der Mensch auch von heute sehnt sich nach einem Gott, der wahrhaft Gott, der Herr, ist, nicht ein zahnloser Papiertiger, einem Gott, der ihn fordert, aber auch fördert und sich ob unseres Bemühens freut, auch dort wo wir als schwache Menschen versagen. Unser katholischer, allumfassender Glaube ist ein Glaube, der dieser Sehnsucht entgegen kommt, sofern wir ihn ganz und ungeschönt annehmen und zu realisieren bemühen.

SpatzInDerHand vor 4 Stunden: Bemerkenswert! "Back to the roots" gibt es also auch in anderen Konfessionen,

und es prägt sich jeweils typisch konfessionell aus. Mir gefällt das! Und solche Christen sind mir in allen Konfessionen deutlich lieber als weichgespülte "Kulturchristen".

pikkuveli vor 5 Stunden: AGB

Das Book of Common Prayer gibt es auch in deutscher Sprache (schon seit über 100 Jahren). Von der neueren Ausgabe des Allgemeinen Gebetbuchs" der winzigen Anglikanische Kirche in Deutschland gibt es nur noch einen kleinen Restbestand. (https://rekd.de/allgemeine-gebetbuch/ - Da kann man hineinschauen.) Die 2. Auflage ist geplant. Kontakt: Bischof Meyer, Büro Richbergstraße 11
34639 Schwarzenborn
Telefon: +49 (0)157-37280923

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