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vor 4 Stunden in Aktuelles, 1 Lesermeinung
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Leo XIV. in Annaba: Die Botschaft an Nikodemus als Schlüssel zur christlichen Existenz. Augustinus und die Gnade der inneren Erneuerung. Die kleine Kirche in Algerien als „Wohlgeruch Christi“ in der Welt. Von Armin Schwibach
Annaba (kath.net/as) In der Augustinusbasilika von Annaba, errichtet am Ort des Wirkens von Augustinus von Hippo, feierte Papst Leo XIV. an dem Tag, der ganz seinem geistlichen Vater gewidmet war, die heilige Messe. In seiner Predigt erschloss der Papst das Geheimnis christlicher Existenz. Ausgehend vom nächtlichen Gespräch Jesu mit Nikodemus entfaltete der Papst das zentrale Motiv der „Neugeburt von oben“ als Ursprung und bleibende Aufgabe der Kirche.
Das Wort Gottes, so hob Leo XIV. hervor, habe die Geschichte durchdrungen und erneuert, und es wirke weiterhin in der Gegenwart. Gerade an diesem Ort, der den Namen des großen Bischofs von Hippo trage, sei die Kontinuität des Glaubens sichtbar geworden: Die Zeiten wandelten sich, doch das Zeugnis der Heiligen bleibe lebendig als Verbindung zwischen Himmel und Erde.
Im Zentrum der Predigt stand der Ruf Christi: „Ihr müsst von oben geboren werden“. Dieser Imperativ erschien nicht als Überforderung, sondern als Gabe göttlicher Freiheit. Der Mensch, so führte der Papst aus, könne sich nicht aus eigener Kraft neu erschaffen, doch Gott selbst schenke die Möglichkeit eines neuen Anfangs. In diesem Zusammenhang verwies er auf das berühmte Gebet des Augustinus, in dem sich die ganze Dynamik von Gnade und Freiheit verdichtet: Gott gebe, was er verlange, und verlange, was er gebe.
Von hier aus öffnete sich der Blick auf die konkrete Gestalt der Kirche. Sie sei der Ort dieser Neugeburt, ein „bergender Schoß“ für die Völker, in dem das neue Leben genährt werde. In Anlehnung an die Apostelgeschichte zeichnete der Papst das Bild der Urkirche nach: eine Gemeinschaft, die „ein Herz und eine Seele“ gewesen sei, geeint nicht durch äußeren Zwang, sondern durch die innere Kraft der göttlichen Liebe. Diese Einheit habe sich auch in der Gütergemeinschaft gezeigt, in einer gelebten Geschwisterlichkeit, die den Besitz in Gabe verwandle. Zugleich betonte der Papst, dass diese Lebensform kein fernes Ideal bleibe, sondern Maßstab jeder echten kirchlichen Erneuerung sei. Reform beginne im Herzen und erfasse dann das Ganze. Sie werde getragen vom Zeugnis der Auferstehung Christi, das die Apostel mit Kraft verkündet hätten. Aus dieser Gewissheit heraus wachse die Nächstenliebe nicht als bloße moralische Pflicht, sondern als Zeichen der bereits geschenkten Erlösung.
In eindringlichen Bildern wandte sich der Papst schließlich an die katholische Gemeinschaft Algeriens. Ihre Präsenz gleiche einem Weihrauchkorn: klein und unscheinbar, und doch fähig, einen Wohlgeruch zu verbreiten, der auf Gott hinweise und den Menschen Trost spende. In einer Welt voller Spannungen sei ihr Leben ein stilles, aber kraftvolles Zeugnis für Versöhnung und Hoffnung.
So erschien die Kirche in Algerien als Erbin einer großen Tradition und zugleich als lebendiges Zeichen der Zukunft: eine Gemeinschaft, die aus der Neugeburt in Gott lebt und gerade in ihrer Demut und Treue die Möglichkeit einer erneuerten Menschheit sichtbar werden ließ: „ Eure Geschichte ist von großzügiger Gastfreundlichkeit und von Standhaftigkeit in Zeiten der Prüfung geprägt: Hier haben die Märtyrer gebetet, hier hat der heilige Augustinus seine Herde geliebt, indem er leidenschaftlich nach der Wahrheit suchte und Christus mit feurigem Glauben diente. Seid Erben dieser Tradition, indem ihr in geschwisterlicher Liebe die Freiheit derer bezeugt, die von oben geboren werden als Hoffnung auf Heil für die Welt“.
kath.net veröffentlicht die Predigt von Papst Leo XIV. bei der Heiligen Messe in der Augustinus-Basilika in Annaba
Liebe Brüder und Schwestern,
das Wort Gottes überdauert die Geschichte und erneuert sie durch die menschliche Stimme des Erlösers. Heute hören wir das Evangelium, die frohe Botschaft für alle Zeiten, in dieser Basilika von Annaba, die dem heiligen Augustinus, dem Bischof des antiken Hippo, gewidmet ist. Im Laufe der Jahrhunderte haben die Orte, die uns beherbergen, ihre Namen verändert, doch die Heiligen sind als unsere Schutzpatrone und treue Zeugen einer Verbindung zwischen Himmel und Erde geblieben. Genau diese Dynamik beleuchtet der Herr in der Nacht des Nikodemus: Das ist die Kraft, die Christus der Schwäche seines Glaubens und der Beharrlichkeit seiner Suche verleiht.
Vom Geist Gottes gesandt, „von dem man nicht weiß, woher er kommt und wohin er geht“ (vgl. Joh 3,8), ist Jesus für Nikodemus ein besonderer Gast. Er ruft ihn nämlich zu einem neuen Leben auf und überträgt seinem Gesprächspartner – und auch uns – eine überraschende Aufgabe: »Ihr müsst von oben geboren werden« (ebd., 7). Dies ist eine Einladung an jeden Mann und jede Frau, die das Heil suchen! In dem Aufruf Jesu hat die Sendung der gesamten Kirche, und damit der christlichen Gemeinschaft in Algerien, ihren Ursprung: von oben, das heißt von Gott, neu geboren zu werden. Mit dieser Perspektive überwindet der Glaube die irdischen Mühen, und die Gnade des Herrn lässt die Wüste erblühen. Und doch bringt die Schönheit dieser Ermutigung auch eine Prüfung mit sich, die uns das Evangelium gemeinsam durchzustehen auffordert.
Denn die Worte Christi besitzen die Kraft einer Verpflichtung: Ihr müsst von oben geboren werden! Dieser Imperativ klingt in unseren Ohren wie ein unmöglicher Befehl. Wenn wir demjenigen, der ihn ausspricht, jedoch aufmerksam zuhören, verstehen wir, dass es sich weder um eine harte Auferlegung noch um eine Zumutung oder gar um eine Verurteilung zum Scheitern handelt. Im Gegenteil: Die von Jesus ausgesprochene Verpflichtung ist für uns ein Geschenk von Freiheit, weil sie uns eine unerwartete Möglichkeit eröffnet: Wir können dank Gott von oben neu geboren werden. Wir müssen dies also gemäß seinem liebevollen Willen tun, der die Menschheit erneuern möchte, indem er sie zu einer Lebensgemeinschaft beruft, die mit dem Glauben beginnt. Während Christus uns auffordert, unser ganzes Dasein von Grund auf zu erneuern, gibt er uns auch die Kraft dazu. Dies bezeugt der heilige Augustinus, der so betet: »Gib, was du verlangst, dann verlange, was du willst« (Bekenntnisse, X,29,40).
Wenn wir uns nun also fragen, wie eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden, in Eintracht und Heil möglich ist, wollen wir daran denken, dass wir damit Gott dieselbe Frage stellen wie Nikodemus: Kann sich unsere Geschichte wirklich ändern? Wir sind doch so sehr von Problemen, Tücken und Plagen belastet! Kann unser Leben wirklich von Neuem beginnen? Ja! Die Zusicherung des Herrn, die so voller Liebe ist, erfüllt unsere Herzen mit Hoffnung. Ganz gleich, wie sehr wir von Schmerz oder Sünde bedrückt sind: Der Gekreuzigte trägt all diese Lasten mit uns und für uns. Ganz gleich, wie sehr wir durch unsere Schwächen entmutigt sind: Eben dann offenbart sich die Kraft Gottes, der Christus von den Toten auferweckt hat, um der Welt das Leben zu schenken (vgl. Röm 8,1). Ein jeder von uns kann die Freiheit des neuen Lebens erfahren, das aus dem Glauben an den Erlöser kommt. Wieder ist der heilige Augustinus uns dabei ein Vorbild: Mehr noch als wegen seiner Weisheit bewundern wir ihn wegen seiner Bekehrung. In dieser Neugeburt, die von den Tränen seiner Mutter, der heiligen Monika, in vorsehungsvoller Weise begleitet wurde, fand er zu sich selbst und rief aus: »Nicht also wäre ich, mein Gott, ja gar nicht wäre ich, wenn du nicht wärest in mir. Oder vielmehr, wär ich nicht, wenn ich nicht wär in dir« (Bekenntnisse, I,2,2).
Das heißt also: Die Christen werden von oben geboren, sie werden von Gott als Brüder und Schwestern Jesu neu geschaffen, und die Kirche, die sie durch die Sakramente nährt, ist ein bergender Schoß für alle Völker der Erde. Wie wir vorhin gehört haben, bezeugt dies die Apostelgeschichte, indem sie von dem Lebensstil berichtet, der die vom Heiligen Geist erneuerte Menschheit auszeichnet (vgl. Apg 4,32-37). Auch heute ist es nötig, diesen apostolischen Maßstab anzunehmen und umzusetzen, indem wir ihn als authentisches Kriterium kirchlicher Reform betrachten, einer Reform, die im Herzen beginnt, damit sie wahrhaftig ist, und die alle betrifft, damit sie wirksam wird.
Denn erstens war »die Menge derer, die gläubig geworden waren, […] ein Herz und eine Seele« (V. 32). Diese geistliche Einheit ist Eintracht (con-cordia): Ein Wort, das die Gemeinschaft von Herzen (corda) treffend bezeichnet, die gemeinsam schlagen, da sie mit dem Herzen Christi vereint sind. Die entstehende Kirche gründet sich also nicht auf einen Gesellschaftsvertrag, sondern auf einen Einklang im Glauben, in den Affekten, in den Vorstellungen, in den Lebensentscheidungen, dessen Mitte die Liebe Gottes ist, der Mensch geworden ist, um alle Völker der Erde zu retten.
Zweitens bewundern wir die materielle Auswirkung dieser geistlichen Einheit der Gläubigen: »Sie hatten alles gemeinsam« (V. 32). Alle haben alles, indem sie als Glieder eines einzigen Leibes an den Gütern eines jeden teilhaben. Niemandem wird etwas vorenthalten, weil alle das ihre miteinander teilen. Indem der Besitz in eine Gabe verwandelt wird, stellt diese geschwisterliche Hingabe keine Utopie dar, außer für miteinander rivalisierende Herzen und für selbstsüchtige Seelen. Demgegenüber vereint der Glaube an den einen Gott, den Herrn des Himmels und der Erde, die Menschen in vollkommener Gerechtigkeit, die alle zur Nächstenliebe auffordert, das heißt, jedes Geschöpf mit der Liebe zu lieben, die Gott uns in Christus schenkt. Deshalb gilt für Christen, vor allem angesichts von Not und Unterdrückung, die Nächstenliebe als grundlegendes Gebot: Wir behandeln unsere Nächsten so, wie wir selbst behandelt werden wollten (vgl. Mt 7,12). Von diesem Gesetz beseelt, das Gott in unsere Herzen einschreibt, wird die Kirche stets neu geboren, weil sie Hoffnung weckt, wo Verzweiflung ist, weil sie Würde verleiht, wo Elend herrscht, weil sie Versöhnung schenkt, wo es Konflikte gibt.
Drittens finden wir im Text der Apostelgeschichte die Grundlage dieses neuen Lebens, das Völker aller Sprachen und Kulturen umfasst: »Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn, und reiche Gnade ruhte auf ihnen allen« (V. 33). Die Nächstenliebe, die sie beseelt, ist mehr ein Zeichen der Erlösung als eine moralische Verpflichtung: Die Apostel verkünden, dass sich unser Leben ändern kann, weil Christus von den Toten auferstanden ist. Die erste Aufgabe der Hirten, der Diener des Evangeliums, besteht daher darin, der Welt mit einem Herzen und einer Seele Zeugnis von Gott zu geben, ohne dass uns die Sorgen durch Angst mürbe machen oder uns der Zeitgeist durch Kompromisse schwächt. Zusammen mit euch, den Brüdern im Bischofsamt, und mit euch, den Priestern, wollen wir diese Mission stets zum Wohl derer erneuern, die uns anvertraut sind, damit die ganze Kirche in ihrem Dienst zu einer Botschaft des neuen Lebens für all diejenigen werde, denen wir begegnen.
Liebe Christen in Algerien, bleibt in diesem Land ein demütiges und treues Zeichen der Liebe Christi. Bezeugt das Evangelium durch einfache Gesten, echte Beziehungen und einen Dialog, den ihr Tag für Tag lebt: Auf diese Weise bringt ihr Wohlgeschmack und Glanz in eure Umgebung. Eure Präsenz in diesem Land lässt an den Weihrauch denken: Ein glühendes Körnchen, das Duft verbreitet, weil es dem Herrn Ehre erweist und vielen Brüdern und Schwestern Freude und Trost schenkt. Dieser Weihrauch ist ein kleines, kostbares Element, das nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, uns jedoch einlädt, unsere Herzen Gott zuzuwenden, indem wir uns gegenseitig ermutigen, in den Schwierigkeiten der heutigen Zeit durchzuhalten. Aus dem Weihrauchfass unseres Herzens steigen nämlich Lobpreis, Segen und Fürbitte empor und verbreiten den lieblichen Wohlgeruch (vgl. Eph 5,1) der Barmherzigkeit, der Almosen und der Vergebung. Eure Geschichte ist von großzügiger Gastfreundlichkeit und von Standhaftigkeit in Zeiten der Prüfung geprägt: Hier haben die Märtyrer gebetet, hier hat der heilige Augustinus seine Herde geliebt, indem er leidenschaftlich nach der Wahrheit suchte und Christus mit feurigem Glauben diente. Seid Erben dieser Tradition, indem ihr in geschwisterlicher Liebe die Freiheit derer bezeugt, die von oben geboren werden als Hoffnung auf Heil für die Welt.
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über weite Strecken fehlt, ist die Tatsache, dass es eine bessere, friedlichere etc. Welt nur geben kann, insofern der Mensch sich aus Sünde und Schuld erlösen lässt, durch das Kreuz und die Auferstehung unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus. «Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.» (Mt 6,33)
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