kath.net katholische Nachrichten

Aktuelles | Chronik | Deutschland | Österreich | Schweiz | Kommentar | Interview | Weltkirche | Prolife | Familie | Jugend | Spirituelles | Kultur | Buchtipp


„Wenn man der Wahrheit einen Namen geben möchte, ist das sicher Gott“

vor 43 Minuten in Interview, 2 Lesermeinungen
Artikel versenden | Tippfehler melden


KATH.NET-Interview mit Angelo Kelly („Kelly Family“) über sein neues Album „Alive“, seine Suche nach der Wahrheit, sein Glaube an Gott, warum er pro-life ist und warum er seit der Covid-Zeit die „Alte Messe“ besucht – Von Linda Noé


Linz (kath.net/ln)
Wir treffen Angelo im Backstagebereich des „Posthof“ in Linz, wo er an diesem Abend bei einem Konzert auf Tournee mit seiner Band sein neues Album vorstellt. Er trägt ein Shirt, auf das die Benedictus-Medaille gedruckt ist, nippt immer wieder an einem Ingwertee, begegnet uns völlig unkompliziert, klug und freundlich. Über eine Stunde nimmt er sich vor seinem Auftritt Zeit, um uns alle Fragen, ohne Plattitüden, aber dafür mit erstaunlicher Ehrlichkeit, zu beantworten.

KATH.NET: Die Texte auf Deinem neuen Album „ALIVE“, das übrigens ein sehr ansprechendes Cover hat, sind tiefsinnig. Du machst Dir über große Fragen Gedanken: Eheprobleme, die Generationen, Versöhnung am Sterbebett, Kriegsverbrechen, den menschlichen Stolz, die Suche nach der Wahrheit, den Kampf um jede Seele… Um mit Pontius Pilatus zu sagen: „Was ist Wahrheit“, wenn ich Dich frage?

ANGELO KELLY: Wenn man der Wahrheit einen Namen geben möchte, ist das sicher Gott. Etwas, was mich immer getrieben hat, mal mehr, mal weniger im Leben, ist die Liebe zur Wahrheit und die Suche danach. Man kann, wo wie ich das sehe, Irrwege gehen, aber wenn man Liebe zur Wahrheit hat, dann findet man aus ihnen auch wieder heraus. Ich glaube nicht daran, dass es verschiedene Wahrheiten gibt. Ich glaube auch nicht, dass es meine persönliche Wahrheit gibt, das ist heute nur in Mode, das so zu sagen. Die Wahrheit ist aber wie die Schwerkraft: das Objektive, das unabhängig von mir ist, ich kann daran nichts ändern. Ich kann nur mich selbst ändern, ob ich mich danach ausrichte und nach ihrer Erkenntnis strebe. Was viele davon abhält, sich auf die Suche nach Wahrheit zu begeben, ist, dass man im Unterbewusstsein weiß, dass es große Veränderungen im Leben bringen wird, und wir Menschen haben immer Angst davor. Aber gerade das hat mich persönlich immer fasziniert. Ich glaube, ein bisschen davon habe ich von meinem Papa bekommen, der aber auch sicherlich, genau wie ich, nicht perfekt war. Er war einfach neugierig und hat das Leben in allen Facetten geliebt, was ja auch eine Art ist, Gottes Werk zu bestaunen.

KATH.NET: Erzähle doch noch weiter über Deine Suche nach Wahrheit – auch Deine Mutter, und die Situation, in der Du geboren wurdest, haben grundlegend damit zu tun?

ANGELO KELLY: Ich erinnere mich an eine Zeit nach 9/11, als es mit dem Irakkrieg losging, und ich mit meinem Bruder Paddy eine Aktion gestartet habe, bei der wir in Köln, wo wir früher gelebt haben, eine Mauer bemalt, und auch andere Leute dazu eingeladen haben. Das sollte so eine Art Peace-Aktion sein. Und es tut ja niemandem weh, es ist alles fein. Aber nach ein paar solchen Aktionen hatte ich schnell das Gefühl: „Irgendwie ist es nicht das Richtige. Es ändert sich nichts.“ Im Gegenteil, ich fühlte mich vielleicht sogar ein bisschen gut dabei, weil ich dachte, ich habe etwas Gutes getan. Aber eigentlich hatte ich überhaupt keine Ahnung, wie es dazu kam, dass Krieg im Irak stattfand.

Diese Peace- und Charity-Aktionen haben mich also nicht glücklich gemacht, das ist nur Lärm, und vielleicht ist es so, dass man sich damit sogar brüstet und profiliert. Generell wurde ich schon sehr allergisch, was so Charity nach außen angeht. Ich hatte auch eine schlechte Erfahrung Ende der 90er. Da hatte ich mit Paddy zusammen einen Song geschrieben, „Children of Kosovo“, der dann Top Ten war und ungefähr eine halbe Million D-Mark Umsatz gebracht hat, die an UNICEF gehen sollten. Das sollte dann Kinderheime in Sarajevo, Kosovo, Bogotá und so weiter unterstützen, es wurde breit beworben, doch wir erhielten von UNICEF nie Transparenz darüber, was mit dem Geld geschah. Das ließ mich erkennen, wie wenig ich eigentlich verstand und wie leicht man instrumentalisiert werden kann. Das war der erste Schockmoment für mich, wo ich merkte: Warte mal, die Leute denken, ich habe mit meinen Geschwistern etwas Tolles gemacht, aber ich habe in Wahrheit keine Ahnung, was. Später dachte ich: „Junge, du warst 16, 17, hast in einem Schloss gelebt und dachtest, nur, weil du ein paar Bilder siehst, kannst du plötzlich ein Lied für Kosovo schreiben.“ Also, es ist ja lieb gemeint, aber du hast null Ahnung, weißt du? In Bezug auf Charity habe ich also für mich gelernt, das nur im Stillen und Geheimen zu machen. Die Gefahr ist enorm, dass man sich damit ein Image pflegt und dass du im besten Fall im Konflikt mit dir selbst bist und dich immer fragen musst: „Wofür mache ich das gerade, wirklich für die Sache oder um mich selbst darzustellen?“ Aber ich würde sagen, sehr, sehr viele Leute sind gar nicht mal im Konflikt…

Ich weiß noch, ich war damals auch unzufrieden mit Bush als Präsident. Ich hatte aber keine Ahnung von Politik, habe mich also informiert und hörte dann über Obama. Das klang alles so gut: „kein Krieg mehr“ und all das. So habe ich auf seiner Homepage ein PDF heruntergeladen, dort habe ich auch gelesen, wie er zu Abtreibung steht. Aus meinem Glauben heraus kann ich das nicht vertreten. Es ist meine persönliche Geschichte: Meine Mutter hat sich, als sie zu mir schwanger war, und bei ihr Brustkrebs entdeckt wurde, entschieden, mich nicht abzutreiben — wir wissen nicht, ob sie nach einer Abtreibung gesund geworden wäre; es hätte sein können, dass sie genauso gestorben wäre. Aber sie hat auf jeden Fall als gar keine Option gesehen, mich abzutreiben, um die Chemotherapie starten zu können; sie machte das erst später, als ich geboren war. Das sehe ich heute nicht als Bürde oder Schuld, sondern als Gnade. Das ist etwas Großartiges, wofür ich so dankbar bin  – so stolz, so eine Mutter zu haben. Also wusste ich, dass ich Obama nicht wählen konnte.

Später habe ich doch noch jemanden entdeckt, der in den Vorwahlen zu den US Präsidentschaftswahlen 2008 war, und der mich sehr, sehr inspiriert hat: Dr. Ron Paul. Ron Paul war zwar kein Katholik  – niemand ist perfekt! (lacht) – aber ein unfassbarer Mann, lange Arzt, hat geholfen viele Babys zur Welt zu bringen, und war parallel im Kongress. Seine Wahlkampagnen haben mich zu vielen Themen gebracht — zur „Austrian School of Economics“ zum Beispiel.

Dann habe ich angefangen, mich über Politik, über Geschichte und auch über Economics zu informieren. Was ist freie Marktwirtschaft, was ist Zentralplanung? Gerade die österreichische Schule, Ludwig von Mises, Friedrich Hayek, solche Leute haben sehr, sehr gute Arbeit gemacht. Die Wurzeln kommen aus der Schule von Salamanca, die 800 Jahre zurückliegt, das waren Mönche in Spanien.

KATH.NET: Wie würdest Du die Musik, die Du heute machst, den Lesern beschreiben? Du hast das Album analog aufgenommen und es klingt daher sehr ehrlich und nahbar, ich habe auch gelesen, dass das die einzige Art und Weise ist, auf die Du noch Musik machen willst. Setzt Du hier bewusst ein Statement zur „Fake“ und getunten Wirklichkeit, in der wir uns heute so oft im Internet befinden?

ANGELO KELLY: „ALIVE“ ist das erste Album von mir seit 14 Jahren, darauf sind von mir komplett selbstgeschriebene Songs, ohne die Familie, sei es meine eigene oder die Kelly-Family, mit der es auch eine kurze Zeit ein Comeback gab. Schade, dass man heutzutage extra sagen muss, dass alle Lieder selbstgeschrieben sind, aber oft ist es so, dass drei, fünf oder zehn Leute an einem Song schreiben. Fand ich immer schrecklich, deswegen habe ich das vermieden. Das andere ist, dass heute natürlich auch vieles mit KI geschrieben wird, sei es Texte, sei es Melodien. In Nashville zum Beispiel, einer Hochburg für Songwriting, sagt man, mindestens 30 Prozent der Songs werden heute mit KI geschrieben. Das ist irre, absolut irre. Ich bin nicht komplett gegen KI, aber ich bin reserviert und schaue mir das in Ruhe an. Wenn man das für gewisse Sachen nutzt, kann es okay sein, aber ich frage mich, was verloren geht im Austausch der menschlichen Expression, sei es in Musik, Kunst – die ja nur eine andere Art von Sprache sind.


Zurück zu meinem Album- stilmäßig würde ich sagen, ich bin ein Kind der Ende 80er, Anfang 90er, aufgewachsen mit Künstlern wie Bruce Springsteen, The Chieftains… Pearl Jam hat mich musikalisch sehr geprägt. Gott sei Dank habe ich damals nicht deren Texte verstanden! Aufgrund dieser Einflüsse ist meine Musik ein Stück weit Rock. Die Kraft in der Rockmusik finde ich schön und interessant und auch nicht konträr zu meinem Glauben. Dann gibt es irische Elemente durch die Instrumente. Meine Band besteht aus sechs Musikern, mit denen ich schon lange arbeite: Mit Matthias schon seit 30, mit Claus und Florian bereits seit über 20 Jahren – und mit Tom, Calum und Adam, die für die irischen Instrumente verantwortlich sind, seit elf Jahren, seit ich mit meiner Familie irische Weihnachtsmusik arrangiert habe. Aber es sind sehr gute Freunde geworden. Das ist wichtig, dass man unterwegs auch eine Art Familie, Gruppe und gute Freunde hat.

KATH.NET: Du gibst auf dem neuen Album auch immer wieder ein sehr klares Bekenntnis zu Christus, ganz deutlich zum Beispiel im Song: „Christ be with me“. Du und Deine Frau Kira, ihr habt vor 20 Jahren eine Bekehrung erlebt. Magst Du erzählen, wie es dazu gekommen ist? Hast Du das gemeinsam mit einigen Deiner Geschwister erlebt, die auch zum Glauben gefunden haben, oder war das mehr ein Prozess mit Deiner Frau gemeinsam?

ANGELO KELLY: Wir hatten als Kelly Family ein sehr abenteuerreiches Leben, aber auch wenn mein Vater großen Respekt vor Priestern hatte, waren wir nicht praktizierende Katholiken. Das ist später erst bei einigen dazu gekommen. Nicht dass jeder denkt, das kam von der irischen Familie und wurde vorgegeben - das wäre sehr klischeehaft.

Anfang der 2000er, würde ich sagen, ging es los. Ich glaube, nach all dem Erfolg, als es langsam weniger wurde, hatten einige von uns Fragen. „Tank leer, und jetzt?“ Das war bei Paddy, Jimmy und bei einigen von uns der Fall. Dann waren wir zum Beispiel in Lourdes per Zufall, das hat uns berührt. Wir haben nicht genau verstanden, warum, aber fühlten uns sehr umarmt. Ein halbes Jahr später war ich mit meiner Frau in Cotignac, einem Pilgerort in Südfrankreich, dort gab es einen wunderbaren Priester, der sehr stark gebetet und Tag und Nacht Menschen geholfen hat. Wenn man nachts um eins in die Kapelle reinging, sah man, wie er vor dem Altar auf den Knien betete. Er hat kaum geschlafen.  Da fing es für uns an mit Rosenkranzbeten und mit der Neugier. Aber es hat Jahre gebraucht... Die ersten Jahre waren wir auch sehr angezogen von Youth-Movements, von vielen Events, die teilweise gut, teilweise okay, teilweise vielleicht nicht gut waren.

Heute, spätestens in den Corona-Jahren, haben Kira und ich uns nach dem Ursprung der Kirche gesehnt; nicht nach der Kirche, die versucht, sich der Welt anzupassen, sondern der Kirche, die zurück zur Quelle geht. Und da ist für uns die "Alte Messe" (die tridentinische, lateinische Messe) das, was uns am meisten gibt. In den Lockdowns in der Corona- Zeit hatten wir das Gefühl, dass das nicht der stärkste Moment der Kirche war, weil die Kirchen geschlossen wurden und man keinen Zugang zu den Sakramenten hatte. Der Glaubensweg ist lang, und jetzt sind wir immer noch Amateure – ich zumindest. In 20 Jahren sagen wir vielleicht, wir sind immer noch am Lernen. Es geht Schicht um Schicht um Schicht. Aber wie schön – das ist ja auch die Suche nach Wahrheit.

Es gab Zeiten, wo Kira viel stärker im Glauben war als ich, weil sie mehr praktizierte. Ich habe mich eher um das Weltliche gekümmert und lebte den Glauben nebenbei. Oder ich dachte, sie hat das im Griff und ich kümmere mich um andere Dinge – das geht aber nicht. Gerade als Vater musst du ein Schutz der Familie sein. Auf die harte Tour habe ich gelernt, dass ich manche Dinge nicht kontrollieren kann: wie sich meine Kinder entwickeln, welche Probleme sie haben oder welche Beziehungen sie eingehen. Für meine eigene Gesundheit war es auch nötig, etwa wegen meiner Alkoholsucht, aus der ich rauskommen musste. Für die Beziehung zu den Kindern, die älter werden – für all das konnte ich nur noch durch Kraft im Glauben finden. Das war sicherlich Gottes Plan, dass Schmerz entsteht und Demut bringt.

Insofern sind die letzten vier, fünf Jahre mein Glaube deutlich stärker geworden; früher war das in Songs schon drin, aber heute hat es eine ganz andere Bedeutung. Ein Song wie „Christ Be With Me“ ist eigentlich ein Exorzismus, er basiert auf dem Gebet des heiligen Patrick.

KATH.NET:  Wie auf Deinem T-Shirt — das hast du öfter an, habe ich gesehen — ist das auch so ein Statement? (Anm. d. Red., Angelo trägt ein Shirt mit darauf gedruckter Benedictus-Medaille)

ANGELO KELLY: Ich ziehe es manchmal an als Schutz – nicht, dass ich vor euch Schutz brauche (lacht) – in dem Fall nicht vor euch, sondern vor mir selbst. Ich rede selten in Interviews über meinen Glauben, weil ich nicht in der Schublade des christlichen Künstlers landen möchte, und weil ich selbst Sorge habe, das Thema totzureden.

In meinen Songs versuche ich wahrhaftig zu sein, nicht gespielt, wirklich mein Herz auszuschütten, und trotzdem authentisch mit Handwerk ranzugehen. „Christ Be With Me“ ist so ein Moment, und ist Frucht eines persönlichen Rückzuges. Ich war drei Jahre nicht auf Tour, war nicht in den Medien und habe mich viel mehr um meine Familie, um meine Gesundheit und um meinen Glauben gekümmert.

KATH.NET: Du sprichst immer wieder auch sehr wertschätzend über Deinen Vater und was er Dir persönlich mitgegeben hat – Weisheit zum Beispiel. Was ist Dir besonders wichtig, Deinen Kindern mitzugeben, oder mitgegeben zu haben?

ANGELO KELLY: Ich glaube, dass frühere Gesellschaften – durch das Christentum geprägt – Prinzipien und Strukturen hatten, die die westliche Welt sehr beeinflusst haben. Die natürliche Struktur des Respekts vor Älteren, vor Autorität… ist heute größtenteils weg, durch kulturellen Marxismus und sehr starken Liberalismus, im Sinne der Dichotomie „Erdrücker“ und „Erdrückter“: Eltern sind die Erdrücker, Kinder die Erdrückten. Daraus entstand die Hippie-Bewegung, Punk, etc. Natürlich gibt es kleine Aspekte darin die wahr sind, aber daraus wird ein Elefant gemacht. Die Früchte sind nicht gut: Menschen sind in der großen Masse unglücklich, brauchen Lärm, Netflix, ständige Ablenkung, weil sie allein mit ihren Gedanken in ein Loch fallen würden. Der Glaube als Zentrum der Gesellschaft wurde herausgenommen; dieses Vakuum wird mit Ablenkung und Konsum gestopft.

Ich habe vielleicht viele Jahre versucht, meinen Kindern etwas beizubringen, aber in den letzten Jahren gelernt, dass ich viel mehr selbst an mir arbeiten muss: als Mann, als Ehemann, als Freund, als Christ. Viel mehr vorleben, weil das größere Früchte bringt, als nur etwas beizubringen, was ich theoretisch weiß, aber nicht konsequent lebe. Also: weniger reden, mehr vorleben. Beides ist wichtig, aber ich glaube, ich habe zu viel geredet und zu wenig vorgelebt. Eines der Dinge, die einen als Vater am meisten verletzen kann, ist das Gefühl, versagt zu haben. Aber du darfst nicht vergessen: Jedes Kind hat seinen eigenen Willen und Charakter und trifft eigene Entscheidungen. Du kannst nicht die Schuld komplett auf dich nehmen. Auf der anderen Seite kannst du daraus lernen und sagen: „Okay, jetzt werde ich ein besserer Mensch und kann noch immer ein Vorbild sein.“ Das hört nie auf.

KATH.NET: Im Laufe der Zeit, wenn Du mit Deiner Herkunftsfamilie „Kelly Family“, Deiner eigenen Familie, oder jetzt mit Deiner Band Musik gemacht hast, wie kann man sich den Unterschied vorstellen?

ANGELO KELLY: Ich würde sagen, es gibt drei Bereiche: meine eigene Musik; die Musik, die ich mit meiner Frau und meinen Kindern gemacht habe; und das kurzzeitige Comeback zwischen 2017 und 2020 mit einigen meiner Geschwister. Da hatte ich selbst die musikalische Leitung, und das Marketing ging durch externe Partner – ein Balanceakt, den ich so nicht nochmal machen würde. Ich sage nicht, dass es falsch war, aber es war gefährlich für mein Heil und meine Gesundheit, weil man Kompromisse eingeht. Diese Kompromisse beinhalten Kommerzialität oder einen Drang nach hohen Zahlen und Geld. Es gab Aspekte, die ich gut fand und die ehrenhaft waren, aber es gab auch Aspekte, die ich heute nicht nochmal machen würde. Die Entscheidung, mit der Kelly Family ein Comeback zu machen, hat mir keiner aufgezwungen. Die Kompromisse nehme ich auf mich – ich hatte aber auch Motivation, etwas aufzubauen, das für meine älteren Geschwister gut ist, eine gewisse Rente sichert und auch den musikalischen Katalog der Kelly Family wieder verfügbar machte, was ja einige Jahre gar nicht der Fall war.

Die Musik mit meiner Frau und meinen Kindern habe ich immer selbst in der Hand gehabt, die Plattenfirma und Veranstalter hatten da nie Einfluss. Selbst Fernseh-Dokus waren immer selbstproduziert; da war nie ein Redakteur bei uns zu Hause. Ich wusste, ich komme irgendwann wieder zu meiner eigenen Musik, weil die Kinder groß werden.

Heute reizt mich nach wie vor die Kunst, das Handwerk, das mir Gott gegeben hat zu entwickeln und fortzuführen. Schön ist, dass ich heute finanziell viel Freiheit habe und eine Tour machen kann, die Profit oder Verlust bringen kann – es wird nicht das Ende sein. Wenn du analog aufnimmst, hast du kaum Möglichkeiten, zu schummeln. In jedem Song war die komplette Band, ein Take, keine Zusatzaufnahmen, kein Autotune, nichts. Ich mache das nicht als Statement gegen KI oder so, sondern weil es mich reizt. Wenn andere das nicht machen, ist das nicht mein Problem – ich mache es so.

Im Songwriting war es in den letzten eineinhalb Jahren eher so, dass ich Lieder, bei denen ich das Gefühl hatte: „Das könnte den Leuten gefallen“, oft beiseitelegte und an etwas anderem gearbeitet habe. Jedes Lied auf dem Album ist ein Lied, hinter dem ich voll und ganz stehe. Wenn ich auf der Bühne stehe und singe, bin ich mit vollem Gefühl da. Mein Ziel ist es nicht „etwas zu machen, um Menschen glücklich zu machen“.  Die Menschen werden auch von McDonald's glücklich (lacht). Du musst versuchen, dein Handwerk zu meistern, authentisch zu sein und immer wieder Gott zu fragen, ob du ein Werkzeug für Ihn sein kannst. Ob du es dann bist, ist ein Mysterium. Das ist nicht in deiner Hand. Gefällt es den Leuten und sie feiern es – super. Wenn nicht – auch ok.

KATH.NET:  Wie wichtig ist Dir die Begegnung mit den Menschen auf Tour?

ANGELO KELLY:  Seit meiner ersten Solo-Tour 2006, also seit 20 Jahren, gehe ich nach jeder Show, außer ich bin krank, nach draußen und mache Fotos mit Leuten, gebe Autogramme – das, was ihnen wichtig ist. Wenn es nach mir ginge, würde ich einfach mit den Menschen reden und ihnen begegnen. Manche brauchen ein Foto quasi als Anhaltspunkt, dabei kann man reden. Ich habe das angefangen und mache es bis heute, weil ich mehr „Gesundheit“ zwischen mich und meinem Publikum bringen wollte.

Mir wurde oft gesagt: „Angelo, du musst dich rar machen, du musst dich mehr wie ein Star verhalten“. Das interessiert mich überhaupt nicht. Wenn du draußen bist und Autogramme gibst, zerbrechen Illusionen – dann begegnet man sich als Menschen. Wenn eine Dame zum Beispiel jahrelang dachte, sie wäre in mich verliebt, dann ist das nach ein, zwei Begegnung nicht mehr so – Projektionen verschwinden. Ich kenne viele Kollegen, die das anders handhaben, und auch in meiner Familie geht man da unterschiedlich damit um. Ich habe mich bewusst entschieden, nahbar zu sein. Ob das gut fürs Business ist, weiß ich nicht, aber das ist mir egal. Das ist mir wichtig. Es ist nicht immer Spaß; manchmal bin ich müde und es kostet Überwindung. Aber sehr oft ist es schön und richtig. Es gibt viele tolle Begegnungen.

Auf der einen Seite bin ich heute dankbarer für das, was ich mache, als früher, auf der anderen Seite bin ich weniger abhängig davon als es einmal war. Ich habe immer wieder dafür gesorgt, dass ich und mein Publikum auch getrennte Wege gehen können; aber man sieht sich und freut sich. Ich schätze Menschen, die mich seit 30, 40 Jahren begleiten und die einen wie eine entfernte Familie sind – das ist schön.

Ich mache meine Musik und meine Touren nicht in erster Linie für die Menschen und werde das nie tun, aber ich genieße den Austausch und den Dialog. Ich hoffe, das klingt nicht konträr, aber es ist wichtig: Ich mache es, weil ich das Bedürfnis habe, auszudrücken, was mich beschäftigt, mein Handwerk zu entwickeln und mit Bandmitgliedern zu musizieren. Dann suche ich den Empfänger. Wenn etwas zurückkommt, ist das noch interessanter. Aber auch ohne das wäre es okay.

KATH.NET: Danke herzlich für Deine Zeit!

Angelo Kelly LIVE: Tourtermine und Tickets für April und  ab September 2026 in Deutschland, Österreich und den Niederlanden auf https://angelokelly.ie/tour

 
 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Ein Beitrag geteilt von kath.net (@kath_net)

 


Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal!

Tweet 




Lesermeinungen

Versusdeum vor 2 Stunden: Ein schönes Glaubenszeugnis,

das auch allen Mut machen könnte, deren Weg durchs Leben nicht immer geradlinig war und ist.
Zur Ritenfrage nur der Appell: Papst Benedikt hatte das "Problem" des Umgangs mit dem "bisher Heiligste[n] und Höchste[n]", das man "plötzlich für verboten ... erklärt" hatte, mit Summorum Pontifikum doch schon längst gelöst (auch, wenn die praktischen Widerstände und zwischen die Beine geworfenen Klötze gerade hierzulande teils erheblich blieben). Ich sehe jedenfalls keinen Grund, nicht zu dieser weisen Lösung zurückzukehren - zum Wohle der betroffenen Gläubigen wie der Kirche insgesamt.

elvis1 vor 3 Stunden: Ein Mann und Künstler...

... der sich Gedanken macht und für seine Familie da ist. Gute Musik macht er auch. Gefällt mir.

Um selbst Kommentare verfassen zu können nützen sie bitte die Desktop-Version.


© 2026 kath.net | Impressum | Datenschutz