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Wahrheit ist heilsrelevant

vor 59 Minuten in Kommentar, keine Lesermeinung
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„Die Versuchung unserer Zeit besteht nicht nur darin, den Glauben verständlich zu machen“, sondern „darin, den Glauben zu entschärfen. Das ist etwas völlig anderes“. Von Diakon Ulrich Franzke


Essen (kath.net/uf) Seit meiner Weihe zum Diakon im Jahr 2015 durfte ich fast 150 Taufen spenden und zuvor die Taufgespräche führen. Dabei ist mir etwas aufgefallen, das zunächst nebensächlich wirkt, in Wahrheit aber tief reicht: Immer mehr Eltern können das Apostolische Glaubensbekenntnis nicht mehr mitsprechen. Manche geraten bereits beim Vaterunser ins Stocken. Noch bemerkenswerter ist jedoch etwas anderes: Viele beklagen das sogar selbst. Nicht selten sitzen katholische Großeltern oder Paten daneben und können ebenfalls nur bruchstückhaft mitsprechen. Dreimal haben Eltern sogar eigens ein kleines Taufheftchen erstellt, auch damit das Glaubensbekenntnis während der Feier überhaupt mitgesprochen werden konnte. Das ist nicht lächerlich. Es tut weh. Denn daran zeigt sich, wie das Glaubenswissen über Generationen hinweg langsam zerfallen und verdunstet ist. Nicht plötzlich. Nicht durch offenen Bruch. Sondern leise. Fast geräuschlos.

Und doch war das Glaubensbekenntnis für die Kirche niemals liturgisches Beiwerk. Es war nie bloß eine religiöse Zusammenfassung oder eine Art spirituelle Grundstimmung. Das Credo entstand aus dem Taufbekenntnis der frühen Christen – und damit aus der Frage nach Wahrheit und Heil.

Heute scheint genau dieser Zusammenhang verlorenzugehen. Viele Menschen erleben Glaubensunterschiede nur noch als unterschiedliche „religiöse Geschmacksrichtungen“. Hauptsache, man glaubt „irgendwie“. Genau das hätte die Kirche über viele Jahrhunderte hinweg niemals gesagt – vermutlich bis weit in die Neuzeit hinein nicht und in dieser „Unschärfe“ wohl auch noch vor wenigen Jahrzehnten kaum.

Denn die alten Glaubensbekenntnisse entstanden nicht, weil Theologen Freude an komplizierten Formulierungen hatten. Sie entstanden, weil die Kirche überzeugt war, dass Wahrheit heilsrelevant ist. Deshalb rang sie um Worte. Deshalb kämpfte sie um Formulierungen. Deshalb genügte irgendwann kein schlichtes „Ich glaube an Jesus Christus“ mehr. Die Kirche musste präzisieren: Wer ist dieser Christus eigentlich?

Ist er wahrer Gott? Ist er nur das höchste Geschöpf? Ist er ein Mensch mit besonderer Sendung? Ist Gott einer? Oder drei? Und wenn drei: drei Götter oder drei Personen in einem Gott? Hinter diesen Fragen stand keine akademische Spitzfindigkeit. Dahinter stand die ganz einfache Überzeugung: Wenn Christus nicht wahrer Gott ist, rettet er nicht.

Der Arianismus etwa behauptete, Christus sei nicht wirklich Gott, sondern das höchste von Gott geschaffene Wesen. Eine Art überragendes Geschöpf zwischen Gott und Mensch. Verwandte Vorstellungen tauchten später immer wieder auf – etwa die Idee, Jesus sei nur ein besonderer Mensch gewesen, der von Gott gewissermaßen „adoptiert“ worden sei. Das mag zunächst wie eine nebensächliche theologische Feinheit wirken. Tatsächlich aber verändert es das gesamte Christentum. Denn wenn Christus nur Geschöpf ist, dann tritt Gott am Kreuz nicht selbst in das Leiden und in den Tod hinein. Dann bleibt zwischen Gott und Mensch letztlich doch ein unüberwindbarer Abstand.


Andere gingen in die entgegengesetzte Richtung. Der sogenannte Modalismus wollte die Einheit Gottes retten und erklärte Vater, Sohn und Heiligen Geist lediglich zu verschiedenen Erscheinungsweisen desselben Gottes. Gott wäre dann nicht wirklich dreifaltig, sondern würde nur verschiedene Masken tragen. Der Vater wäre dieselbe Person wie der Sohn – nur unter anderem Namen. Auch das zerstört letztlich die Wirklichkeit der Offenbarung. Denn dann betet der Sohn nicht wirklich zum Vater, sondern führt Selbstgespräche. Dann wird die Beziehung innerhalb der Trinität zur bloßen Inszenierung. Wieder andere verstanden die Dreifaltigkeit so, dass faktisch drei Götter übrigblieben. Genau gegen diesen Tritheismus musste die Kirche ebenfalls präzisieren: nicht drei Götter, sondern ein Gott in drei Personen.

Und genau deshalb entstanden jene Formulierungen, die heute viele nur noch heruntersprechen wie liturgische Pflichtgymnastik: „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater.“ Das sind keine poetischen Ausschmückungen. Das sind Grenzziehungen. Fast jedes dieser Worte entstand im Kampf gegen einen konkreten Irrtum.

Heute dagegen wird das Glaubensbekenntnis vielerorts nur noch „geträllert“. „Gott ist dreifaltig einer“ – irgendwie. Kaum jemand scheint noch zu fragen, was das eigentlich bedeutet – und was verloren geht, wenn diese Präzision verschwindet. Drei Personen? Eine Natur? Was heißt überhaupt „Person“ in Bezug auf Gott? Warum musste die Kirche darum jahrhundertelang ringen? Und warum starben Christen lieber, als genau diese Wahrheiten preiszugeben?

Selbst liturgisch zeigt sich diese Entwicklung. Das Messbuch sieht an Sonntagen und Hochfesten grundsätzlich das große Glaubensbekenntnis vor – das Nicäno-Konstantinopolitanum oder, ersatzweise, das Apostolische Credo. Und doch wird vielerorts lieber auf kurze Liedformen ausgewichen. Aus jahrhundertelang erkämpfter dogmatischer Präzision wird religiöse Kurzlyrik. Das ist praktisch. Aber es verändert etwas. Denn ein „Gott ist dreifaltig einer“ ersetzt eben nicht jene sprachliche Genauigkeit, um die die Kirche einst gegen Arianismus, Modalismus und Tritheismus gerungen hat. Vielleicht, weil sie etwas verstanden hatte, das uns zunehmend verlorengeht: Wahrheit ist heilsrelevant.

Genau deshalb wurde das Glaubensbekenntnis im Lauf der Jahrhunderte immer präziser. Das Athanasianische Glaubensbekenntnis, das Athanasianum, gehört bis heute zum gültigen Glaubensgut der Kirche, auch wenn es im liturgischen Alltag praktisch kaum noch vorkommt. Es wirkt auf viele heute geradezu verstörend. Nicht nur wegen seiner Genauigkeit, sondern wegen seines Ernstes. Dort heißt es gleich zu Beginn: „Wer also selig werden will, muss vor allem den katholischen Glauben festhalten. Wer ihn nicht unversehrt und unverletzt bewahrt, wird ohne Zweifel ewig verloren gehen.“

Ein solcher Satz ist heute kaum noch sagbar. Nicht nur außerhalb der Kirche. Oft nicht einmal mehr innerhalb. Viele reagieren darauf spontan mit Abwehr: zu exklusiv, zu hart, zu unbarmherzig. Doch genau darin zeigt sich, wie weit wir uns bereits entfernt haben von dem Denken, aus dem die Glaubensbekenntnisse überhaupt entstanden sind. Die Kirche formulierte ihre Dogmen nicht deshalb so präzise, weil sie Menschen ausschließen wollte. Sie formulierte sie präzise, weil sie überzeugt war, dass Wahrheit und Heil zusammengehören. Wer Christus falsch versteht, versteht nicht irgendein theologisches Detail falsch. Er versteht Gott falsch. Und wer Gott falsch versteht, versteht am Ende auch Erlösung falsch. Es ging der Kirche nie bloß um religiöse Theorie, sondern um die Frage, ob der Mensch den Weg zum Heil findet – oder sich gerade durch einen falschen Gottesglauben von ihm entfernt.

Deshalb formuliert das Athanasianum fast unerbittlich weiter: „Wir verehren den einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit, ohne die Personen zu vermischen und ohne das Wesen zu trennen.“ Ohne Vermischung. Ohne Trennung. Genauigkeit bis hinein in einzelne Begriffe.

Und vielleicht liegt genau hier auch das eigentliche Problem unserer Zeit. Denn selbstverständlich muss die Kirche in jeder Epoche neu sprechen lernen. Sie hat immer Begriffe ihrer Zeit aufgenommen: griechische Philosophie, römisches Denken, mittelalterliche Scholastik. Das Christentum war nie weltlos. Aber es war auch nie einfach identisch mit dem Geist seiner Zeit.

Der Apostel Paulus formuliert es unmissverständlich: „Gleicht euch nicht dieser Welt an.“ (Röm 12,2) Genau diese Spannung scheint heute vielerorts verlorenzugehen. Denn die Versuchung unserer Zeit besteht nicht nur darin, den Glauben verständlich zu machen. Verständlichkeit wäre notwendig. Die eigentliche Versuchung besteht darin, den Glauben zu entschärfen. Das ist etwas völlig anderes.

Nicäa war keine Abschwächung des Glaubens, sondern Präzisierung. Viele heutige Entwicklungen dagegen wirken wie das Gegenteil: Dogmatische Klarheit erscheint peinlich. Grenzziehungen gelten schnell als unpastoral. Lieber spricht man allgemein von einem Gott der Liebe, der letztlich alle irgendwie annimmt. Und genau dadurch verändert sich fast unmerklich das gesamte Glaubensklima.

Wenn Wahrheit nicht mehr heilsrelevant ist, verlieren plötzlich auch andere Dinge ihren Ernst: die Sonntagspflicht, die Beichte, die Vorstellung schwerer Sünde, die Heilsbedeutung der Taufe, die Mission, die Realpräsenz Christi in der Eucharistie, ja sogar das Glaubensbekenntnis selbst. Dann wird das Credo zur religiösen Geräuschkulisse. Man spricht es noch, aber man ringt nicht mehr darum. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Krise: Nicht dass viele Menschen den Glauben nicht mehr erklären können, sondern dass weithin das Bewusstsein verlorengegangen ist, warum die Kirche überhaupt Jahrhunderte um diese Wahrheiten gekämpft hat.

Die frühen Christen waren bereit, Verfolgung, Spott und Tod auf sich zu nehmen, weil sie überzeugt waren, dass es eben nicht gleichgültig ist, wer Christus ist. Heute scheint bereits die Vorstellung anstößig, dass falscher Glaube überhaupt Folgen haben könnte.

Und vielleicht muss man die Frage inzwischen vorsichtig stellen dürfen: Was geschieht mit einer Kirche, die zentrale Wahrheiten zwar formal noch bewahrt, sie praktisch aber kaum noch auszusprechen wagt? Was geschieht mit Hirten, die jede Zumutung vermeiden möchten? Geschieht das wirklich nur aus Sorge, Menschen zu verlieren? Oder manchmal auch aus Angst, selbst an Zustimmung, Ansehen und gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit zu verlieren? Wird der Glaube dadurch wirklich verständlicher – oder nur undeutlicher?

Katholisch war nie einfach „irgendwie religiös“. Katholisch war immer der Anspruch, dass Wahrheit nicht beliebig ist. Auch dann nicht, wenn sie unbequem wird. Oder anders gesagt: Die Glaubensbekenntnisse entstanden nicht aus theologischer Rechthaberei. Sondern aus der Überzeugung, dass Wahrheit heilsrelevant ist.


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