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Vom „Seelenamt“ zum „Auferstehungsamt“

vor 3 Stunden in Spirituelles, 1 Lesermeinung
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„Tod, Sterben und Ewigkeit – und das Glaubensgut der katholischen Kirche: Das klingt heute für viele beinahe brutal. Vielleicht auch deshalb, weil unsere Sprache rund um den Tod sich fast vollständig verändert hat.“ Von Diakon Ulrich Franzke


Essen (kath.net/uf) Letztens war eine meiner Töchter zu Besuch bei uns. Als verheirateter Diakon im Zivilberuf habe ich Kinder – was manche Menschen bis heute noch leicht irritiert. Ein Mitbruder erklärte das Wesen des ständigen Diakons einmal so: „Ein halber Priester mit einer ganzen Ehefrau.“ Aber nun zurück zum Besuch meiner Tochter; irgendwann fing sie an zu lachen „Papa, erinnerst Du Dich noch daran, wie wir früher sonntags fernsehen durften? Wir fanden das immer großartig. Bis wir irgendwann merkten, dass es bei uns offenbar nur fünf Filme gab: die fünf Don-Camillo-DVDs. Und später hast Du dann einfach die komplette Miss-Marple-Edition gekauft und wir hatten vier Filme mehr...“ Ja, ich erinnere mich gut daran. Meine Kinder können bis heute ganze Szenen aus Don Camillo mitsprechen.

Eine davon ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: die Sterbeszene mit Fräulein Cristina. Nicht die Geschichte mit der Königsfahne, sondern jene Szene, in der sie mit einer fast irritierenden Selbstverständlichkeit davon spricht, in den Himmel zu kommen. Leicht erschrocken macht Don Camillo das alte Fräulein darauf aufmerksam, dass es Hochmut sei, so zu sprechen.

Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zum alten Requiem. Denn Don Camillos Erschrecken kommt nicht von ungefähr. Hinter ihm steht noch eine Welt, in der Worte wie Hochmut, Sünde, Gericht und Verdammnis nicht als peinliche Relikte einer mittelalterlichen Frömmigkeit galten, sondern als katholisches Glaubensgut – das sie nach dem Katechismus übrigens bis heute sind. Man konnte noch davon sprechen, dass ein Mensch in schwerer Sünde sterben und damit womöglich in jener endgültigen Gottesferne enden kann, die die Kirche Hölle nennt. Denn die Seele löst sich im Tod nicht einfach auf. Sie lebt weiter. Und gerade deshalb wird die Frage unausweichlich, woraufhin sie lebt: auf Gott hin, durch Läuterung auf Gott hin, oder in jener Gottesferne, die sie selbst gewählt und doch nicht mehr heilen kann. Auch über den aktuellen Füllstand der Hölle ließe sich an dieser Stelle noch nachdenken. Doch das wäre ein eigenes Thema.

Tod, Sterben und Ewigkeit – und das Glaubensgut der katholischen Kirche: Das klingt heute für viele beinahe brutal. Vielleicht auch deshalb, weil unsere Sprache rund um den Tod sich fast vollständig verändert hat. Das alte Requiem kannte noch dieses Zittern vor der Ewigkeit: „Welch ein Graus wird sein und Zagen, wenn der Richter kommt, mit Fragen Streng zu prüfen alle Klagen!“ Oder: „Und ein Buch wird aufgeschlagen, treu darin ist eingetragen: jede Schuld aus Erdentagen.“ Und schließlich jener Satz, der vielleicht mehr über das alte katholische Todesverständnis verrät als viele moderne Pastoraltexte zusammen: „Weh! Was werd ich Armer sagen? Welchen Anwalt mir erfragen? Wenn Gerechte selbst verzagen?“

Das ist keine Lust an Angst. Kein geistlicher Sadismus. Es ist die Ahnung, dass der Mensch einst vor Gott steht. Und doch endet selbst das Dies irae nicht in Verzweiflung, sondern in Bitte: „Schuldgebeugt zu Dir ich schreie, tief zerknirscht in Herzensreue: Sel’ges Ende mir verleihe.“ Und aus der Bitte erwächst die Hoffnung!

Früher rang die Liturgie mit der Ewigkeit. Heute ringt man oft vor allem mit der emotionalen Zumutbarkeit des Todes. Mich hat es beinahe erschreckt, dass mir in den Totenbriefen unseres Essener Bistums inzwischen auffallend oft das Wort „Auferstehungsamt“ begegnet. Natürlich findet sich dort auch noch das Wort „Seelenamt“. Und plötzlich beginnt man zu fragen, ob sich hier vielleicht mehr wandelt als nur ein Begriff. Denn „Seelenamt“ klingt anders. Schwerer vielleicht. Unbequemer. Es setzt voraus, dass da überhaupt noch eine Seele ist, für die gebetet werden muss. Dass ein Mensch nach seinem Tod nicht einfach automatisch vollendet ist. Dass die Kirche für ihn eintritt. Fleht. Hofft.


Das Problem liegt dabei selbstverständlich nicht in der Auferstehung selbst. Die Kirche glaubt an die Auferstehung der Toten. Sie bekennt sie im Credo und feiert jede Totenliturgie aus dieser Hoffnung heraus. Aber die Auferstehung der Toten ist nicht dasselbe wie die schon festgestellte Vollendung dieses konkreten Verstorbenen. Genau deshalb betet die Kirche für ihn. Genau deshalb fleht sie um Erbarmen. Das Seelenamt steht also nicht gegen die Auferstehung, sondern hält an der Hoffnung auf Auferstehung unter dem Ernst von Gericht, Läuterung und Gnade fest. Natürlich ist auch das klassische Requiem von der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten getragen. Aber eben nicht als billige Gewissheit, sondern als Hoffnung, die aus Bitte, Reue, Umkehr, Gnade und Erlösungsbedürftigkeit erwächst. Vielleicht liegt genau dort die eigentliche Verschiebung unserer Zeit: dass man die Hoffnung behalten möchte, aber das Zittern davor verliert.

Wenn ich das Wort „Seelenamt“ höre, klingen bei mir sofort andere Worte mit: Seele. Fürbitte. Gericht. Fegefeuer. Läuterung. Hoffnung statt Gewissheit. Und vor allem: viel Gebet. „Seelenamt“ ruft geradezu danach, dass die Kirche um den Verstorbenen ringt und sich ihrer Verantwortung bewusst bleibt. Und es ruft auch mich selbst zum Gebet auf. Manchmal reicht schon dieses eine Wort, damit ich am Abend wenigstens noch die Totenvesper bete.

Und was macht nun das Wort „Auferstehungsamt“ bei mir? Es erzeugt zunächst etwas ganz anderes. Weniger Bitte. Weniger Fürbitte. Weniger dieses innere Ringen um einen Menschen. Stattdessen schwingt dort fast automatisch etwas von Vollendung mit. Von Ankunft. Von bereits erreichtem Ziel. Und vielleicht auch etwas mehr von kirchlichem Wohlfühlfaktor. Fast so, als müsse man über Himmel und Hölle eigentlich gar nicht mehr ernsthaft nachdenken.

Vom Seelenamt zum Auferstehungsamt: Ist das nur eine Sprachverschiebung oder verschiebt sich da auch unser Denken?

Vielleicht wirken solche Begriffe auf den ersten Blick nebensächlich. Vielleicht scheint es kleinlich, sich an einem Wort wie „Seelenamt“ festzuhalten. Aber Sprache ist niemals nur Verpackung. Wörter tragen Denkräume in sich. Und irgendwann beginnt man sich zu fragen, ob mit dem Verschwinden bestimmter Worte nicht auch bestimmte Glaubensvorstellungen langsam verschwinden.

Denn Worte formen Atmosphären. Und Atmosphären formen irgendwann das Denken. Wenn fast nur noch von Vollendung gesprochen wird, aber kaum noch von Gericht, verändert sich etwas. Wenn die Bitte langsam hinter die Gewissheit zurücktritt, verändert sich etwas. Wenn das Flehen um Erbarmen verschwindet und stattdessen beinahe selbstverständlich vom „Angekommensein“ die Rede ist, verändert sich etwas. Vielleicht nicht sofort im Katechismus. Aber in den Köpfen. In Predigten. Bei Beerdigungen. In den stillen Bildern, die Menschen vom Tod in sich tragen. Dogmen sterben selten zuerst auf Papier. Sie sterben sprachlich. Liturgisch. Atmosphärisch.

Mit solchen Sprachverschiebungen habe ich mich auch in meinem Film „Restringierte Sprache, restringiertes Denken – Schöne neue Welt?“ beschäftigt (siehe: https://euxistopie.de/restringierteSprache.html - siehe auch Video unten).

Wo bestimmte Worte verschwinden, verschwinden irgendwann auch die inneren Räume hinter ihnen.

Vielleicht zeigt sich genau das heute besonders deutlich bei vielen katholischen Begräbnissen. Früher stand dort stärker der Verstorbene vor Gott im Mittelpunkt. Heute steht oft stärker der Verstorbene vor den Hinterbliebenen im Zentrum. Früher betete die Kirche für seine Seele. Heute erzählt man häufiger seine Geschichte. Natürlich gab es immer persönliche Worte, Erinnerungen und menschliche Nähe. Das Problem liegt nicht darin, dass Angehörige weinen oder vom Verstorbenen erzählen. Das Problem liegt eher in einer stillen Verschiebung der Gewichte.

Da werden Lieblingslieder gespielt, Fotos eingeblendet und Lebensgeschichten erzählt. Man spricht davon, dass jemand „angekommen“ sei, „im Licht“ lebe oder nun „von oben herab auf uns schaue“. Fast jede Formulierung bewegt sich bereits in einer Sprache der Vollendung. Und manchmal frage ich mich, wann eigentlich zuletzt bei einem katholischen Begräbnis wirklich noch um das Heil eines Verstorbenen gerungen, wirklich gerungen wurde.

Früher rief man Gott an, flehte um Erbarmen. Heute moderiert man Erinnerungsveranstaltungen. Früher betete man für Verstorbene. Heute spricht man fast nur noch über sie. Früher hatte der Tod Gewicht. Heute bekommt er nicht selten Hintergrundmusik. Das klingt härter, als ich es meine. Denn selbstverständlich handeln viele Seelsorger nicht aus bösem Willen. Wahrscheinlich geschieht vieles einfach deshalb, weil unsere gesamte Kultur das Sterben anders wahrnimmt als frühere Generationen. Der moderne Mensch hält kaum noch aus, was die alte Liturgie noch zusammenzuhalten vermochte: Trost und Gericht, Hoffnung und Zittern, Erbarmen und Reue, Liebe und Wahrheit. Vielleicht werden deshalb gerade jene Begriffe sprachlich weichgezeichnet, die früher das katholische Todesverständnis getragen haben.

Und vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Frage: Warum verschwindet die Sprache des Gerichts beinahe vollständig? Warum wirken viele kirchliche Texte heute fast therapeutisch? Warum erscheint dogmatische Klarheit oft peinlich oder unpastoral? Und warum scheint die Kirche ihre letzten Zumutungen sprachlich immer weiter abzudämpfen?

Natürlich tragen dafür nicht nur „die Menschen“ oder „die Gesellschaft“ Verantwortung. Die Sprache der Kirche wird schließlich nicht nur an Küchentischen oder Friedhofsmauern geprägt, sondern auch von ihren Hirten.

Und manchmal frage ich mich, warum viele Bischöfe und Verantwortliche die Härten des Glaubens inzwischen selbst nur noch sehr vorsichtig aussprechen. Vielleicht aus pastoraler Sorge. Vielleicht aus Angst, Menschen zu verlieren. Vielleicht auch deshalb, weil eine Kirche, die gesellschaftlich akzeptiert bleiben möchte, irgendwann beginnt, ihre sperrigen Worte abzuschleifen. Viele Bischöfe stehen heute zudem nicht nur als Hirten, sondern auch als Leiter großer kirchlicher Apparate und weltliche Arbeitgeber in komplexen Spannungsfeldern.

Denn wer heute offen über Gericht, Verdammnis, schwere Sünde oder gar die Möglichkeit des ewigen Verlorengehens spricht, gilt schnell als hart, unbarmherzig oder unmodern. Also wird sprachlich entschärft. Nicht offen geleugnet. Eher langsam geglättet.

In diesem Zusammenhang gewinnt auch das Wort Papst Benedikts XVI. von der „Entweltlichung“ der Kirche eine neue Schärfe. Nicht als Rückzug aus der Welt, sondern als Warnung davor, dass die Kirche ihre innere Fremdheit verlieren könnte. Denn eine Kirche, die sich zu sehr in den Strukturen der Welt einrichtet, beginnt irgendwann auch so zu sprechen wie die Welt. Und genau dort wird es gefährlich. Nicht weil plötzlich neue Dogmen verkündet würden. Sondern weil bestimmte Wahrheiten langsam nur noch gedämpft ausgesprochen werden. Weil die Sprache ihre Schärfe verliert. Weil aus Glaubensgut irgendwann nur noch religiöse Hintergrundatmosphäre wird.

Das ist womöglich die eigentliche Krise: nicht der offene Angriff auf den Glauben, sondern dass er langsam aus der Sprache, aus der Liturgie und schließlich aus dem Denken verschwindet. Und dennoch glaube ich auf keinen Fall, dass Gott seine Kirche verlassen hat. Vielleicht wirkt Gott gerade mitten durch diese Krise hindurch. Vielleicht verliert die Kirche gerade dort an Kraft, wo sie sich zu sehr verweltlicht hat. Vielleicht beginnt eine Kirche, die kleiner, ärmer und „fremder“ wird, irgendwann wieder neu über Himmel, Hölle, Gnade, Umkehr und Erlösung zu sprechen. Vielleicht wird sie gerade dadurch wieder glaubwürdiger. Nicht weil sie über größere Apparate verfügt. Nicht weil sie gesellschaftlich besser anschlussfähig wird. Nicht weil sie gelernt hat, jede Zumutung zu vermeiden. Sondern weil sie wieder Antworten auf jene Fragen sucht, die Menschen seit jeher begleiten: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was bleibt vom Menschen im Tod? Was trägt? Was rettet? Welche Hoffnung darf ich haben? Vielleicht entsteht ihre Kraft am Ende nicht aus ihrer Anpassungsfähigkeit, sondern aus ihrer Fähigkeit, von Wirklichkeiten zu sprechen, die größer sind als alles, was wir denken, planen oder herstellen können.

Gerade weil ich Gericht und Hoffnung ernst nehme, beerdige ich übrigens auch Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Nicht weil ich Kirchenaustritte für belanglos hielte. Sondern weil Gottes Urteil nicht identisch ist mit unseren Verwaltungsgrenzen. Weil Hoffnung nicht dasselbe ist wie billige Heilsgewissheit. Und weil die Kirche gerade dort beten muss, wo sie nicht sicher wissen kann.

Vielleicht liegt genau darin der tiefste Unterschied zwischen einem „Seelenamt“ und einem bloßen religiösen Abschiedsritual: Das Seelenamt ringt noch um einen Menschen. Das Requiem fleht: „Huic ergo parce Deus“ – „Darum verschone ihn, o Gott.“ Und vielleicht ist genau dieses Flehen heute dabei zu verschwinden. Vielleicht beginnt das Wegdriften aus dem Katholischen nicht erst dort, wo Menschen offen widersprechen, sondern dort, wo die Kirche jene Worte nicht mehr auszusprechen wagt, in denen ihr eigener Glaube Gestalt gewonnen hat. Vielleicht ist „Seelenamt“ deshalb mehr als ein alter Begriff. Vielleicht ist es ein kleines letztes Widerlager gegen eine Frömmigkeit, die noch trösten will, aber kaum noch fleht.
Archivfoto (c) kath.net/Petra Lorleberg

 


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Lesermeinungen

Fink vor 1 Stunden: Sterben- Tod- Himmel- Hölle, die "letzten Dinge", die "Eschatologie",

was wird denn im Theologie-Studium darüber gelehrt?
Jedenfalls ist dieses Thema ein "ungeliebtes Kind" der Theologie.
"Auferstehungs-Gottesdienst", das klingt nach Kapitulation, nach "Wir kommen alle alle in den Himmel".
Immerhin ist im neuen Gotteslob der gregorianische Introitus "Requiem aeternam" GL Nr. 512 enthalten. Siehe LINK.
Meine Buchempfehlung zum Thema: "Die letzten Dinge im Licht des Neuen Testaments" von Marius Reiser.

www.youtube.com/watch?v=BxJHWM7pUxQ

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