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Jüdischer Historiker Wolffsohn sieht Chance für „Vernunftehe“ im Nahen Osten

vor 1 Stunden in Chronik, keine Lesermeinung
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Kritisch setzt sich der Historiker mit dem aktuellen Völkerrecht auseinander. Indem es die Unantastbarkeit staatlicher Souveränität garantiere, legitimierte und zementierte es in der Praxis die Herrschaft repressiver Regime wie die Mullah-Diktatur


Berlin (kath.net/gem/rn)

Trotz massiver Kritik am jüngsten Abkommen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem Iran könnte der Nahe Osten vor einer historischen Neuordnung stehen. Nach Einschätzung des Historikers und Publizisten Michael Wolffsohn in einem Kommentar für die "Welt" basiert diese Entwicklung jedoch nicht auf diplomatischen Annäherungen, sondern auf einer rein pragmatischen Interessengemeinschaft.

Der jüngste Deal zwischen der US-Regierung unter Donald Trump und dem Mullah-Regime im Iran stößt international auf deutliche Kritik. Dennoch bietet die veränderte Lage in der Region laut dem Historiker Michael Wolffsohn erstmals seit Jahrzehnten die reale Chance auf eine strukturelle Neuordnung. Diese sei allerdings das Resultat Machtpolitik und strategischer Notwendigkeiten, nicht eines friedlichen Wandels.

Hinter dem Abkommen stecken nach Wolffsohns Analyse primär wirtschaftliche Interessen der USA. Die Vereinbarungen sehen vor, den Iran, den Libanon und den Gazastreifen mit internationalen Geldern wiederaufzubauen. Während die USA selbst kaum in die entsprechenden Fonds einzahlen dürften, werden US-Unternehmen bei der Auftragsvergabe massiv bevorzugt. Europäische Firmen und andere Staaten, die Trumps Kurs nicht mitgetragen haben, gehen leer aus. Für die betroffene Bevölkerung vor Ort birgt dieser von den USA orchestrierte Wiederaufbau dennoch eine positive Kehrseite: Er verspricht eine erhebliche Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen.


Die strategische Ausgangslage in der Region hat sich durch die jüngsten militärischen Konflikte fundamental verschoben:

Irans Atommacht blockiert: Durch die Bombardements der US-Luftwaffe lagert das angereicherte Uran des Iran tief unter der Erde. Aufgrund einer lückenhaften Luftabwehr kann Teheran die Bergung militärisch kaum einleiten.

Raketenarsenal intakt, aber gehemmt: Obwohl der Iran noch über ballistische Raketen verfügt, wird ein massiver Einsatz gegen Israel oder die Golfstaaten vorerst nicht erwartet. Die Aussicht auf den mit ausländischem Geld finanzierten Wiederaufbau des eigenen Landes wirkt als starker Hemmschuh.

Geschwächte Stellvertreter: Die iranischen Verbündeten – Hamas, Hisbollah und die Huthis – sind zwar nicht zerschlagen, aber militärisch und politisch erheblich geschwächt.

Die massiven iranischen Angriffe auf Saudi-Arabien und die Golfstaaten haben den arabischen Nachbarn vor Augen geführt, dass auf die USA unter Trump nur Verlass ist, solange es Washingtons Eigeninteresse dient.

Daraus resultiert eine historisch beispiellose, funktionale Allianz: Die sunnitisch-arabischen Staaten, Ägypten und Jordanien kooperieren im Rahmen der seit 2022 bestehenden „Middle East Air Defence“ de facto mit Israel und den USA. Nach dem Sturz der Assad-Diktatur im Dezember 2024 beteiligen sich mittlerweile auch Syrien und die libanesische Regierung an dieser informellen Kooperation gegen den Iran und die Hisbollah. Wolffsohn spricht in diesem Zusammenhang von einer „Vernunftehe“, die bereits vor Trump begann und nun trotz seiner unberechenbaren Politik Bestand hat.

Kritisch setzt sich der Historiker mit dem aktuellen Völkerrecht auseinander. Indem es die Unantastbarkeit staatlicher Souveränität garantiere, legitimierte und zementierte es in der Praxis die Herrschaft repressiver Regime wie der Mullah-Diktatur oder die Unterdrückung durch die Hisbollah im Libanon. Hier fordert Wolffsohn eine Reform zum Schutz von Menschenwürde und Freiheit.


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