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Pax tecum – Wenn der Papst über Frieden spricht

vor 2 Stunden in Kommentar, 2 Lesermeinungen
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Frieden ist unendlich wichtig, weil der Mensch nur im Frieden wirklich blühen kann. Pax vobis waren die ersten Worte, die Leo XIV. zur Welt sprach. Seitdem wird er nicht müde, vom Frieden zu reden.Der Montagskick von Peter Winnemöller


Rom (kath.net)

Den Herrschern der Welt geht der Papst mit seiner Rede über den Frieden gewaltig auf den Senkel. Donald Trump möchte nur zu gerne weiter ungehindert auf dem Iran herumbomben. How dare you, Pope Leo? Putin ist nicht katholisch, der hat seinen eigenen Patriarchen, der ihm den Krieg in jeder Form gerecht redet. Was kümmert ihn der Papst? Der Westen mit seinem teils berechtigten, teils naiven Einsatz für die Ukraine ignoriert den Papst und seine Mahnung ebenso. Von den unendlich vielen kleinen Kriegen weltweit redet kaum jemand. Und dann ist es gerade ein Halbsatz in der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV., der vor allem in akademischen Kreisen für heftigen Schluckauf gesorgt hat. Die Sache mit dem gerechten Krieg ist etwas, mit dem radikal pazifistische Kreise in der Kirche schon immer zu kämpfen hatten. Jetzt auch der Papst? Soll es denn nicht mehr gerechtfertigt sein, sich gegen einen Aggressor zu wehren?

Jagen wir, bevor wir uns dem Krieg nähern, ganz benediktinisch erst einmal dem Frieden nach. In Magnifica Humanitas Nr. 35 lesen wir nämlich eine sehr spannende Definition von Frieden: „Im Pontifikat des heiligen Paul VI. kommt ein Verständnis von Frieden auf, das nicht nur Abwesenheit von Krieg meint, sondern im Prozess einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung Gestalt annimmt. In Populorum progressio beschreibt er diese Entwicklung als Übergang von weniger menschlichen zu menschlicheren Lebensbedingungen und versteht sie als einen Prozess, der ‚jeden Menschen und den ganzen Menschen‘ betrifft, also alle Dimensionen der Person und alle Völker ohne Ausnahme.“ Das ist kein philosophischer Babybrei, das ist durchaus harte Kost. Es liegt hier eine tief in die christliche Anthropologie hinein reichende Idee von Frieden vor. Es ist die Entwicklung eines Friedensbegriffs, der seine wahre und vollkommene Verwirklichung erst nach der Parusie im vollendeten Gottesreich erleben wird. Und dennoch bleibt es Auftrag für uns hier und heute. Es ist das innerste Wesen des christlichen Lebens, dass das Reich Gottes, welchem wir entgegen gehen, unsere Welt längst berührt hat. Mit der Geburt und der Erlösungstat des Menschensohnes hat das Ende der Welt begonnen. Damit hat aber auch das Gottesreich schon seinen Anfang genommen. Das beginnende Reich Gottes greift in unsere Wirklichkeit hinein. Wie die Enden von zwei Seilen, die ein geschickter Seiler verspleißt, so ist das Reich Gottes in der Welt bereits eine Wirklichkeit, die schon da ist und noch verborgen bleibt. Der Friede ist ein Auftrag an uns. Am Ostertag trat Jesus in die Mitte seiner Jünger, so beten wir in der Liturgie – und leiten damit was ein? Den Friedensgruß.

Friede betrifft jeden Menschen, das heißt jeden Menschen, der gelebt hat, der lebt, der leben wird. Frieden betrifft den ganzen Menschen, das heißt es betrifft seine Vergangenheit, seine Gegenwart, seine Zukunft und in allen diesen Zeiten auch alle seine Begegnungen und alle seine Einsamkeiten. Der Frieden ist christlich gedacht zuerst ein geistliches Geschehen, denn wenn der Mensch nicht mit sich im Frieden ist, kann es die Welt niemals sein. Damit ist aber auch etwas Wesentliches über den Frieden und seine Wirklichkeit ausgesagt, das sich im Volksmund so ausdrückt: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Und weil auch der Papst in unserer Welt lebt, kommt er in Nr. 192 zu der Aussage: „Heute ist es – unbeschadet des Rechts auf legitime Verteidigung, die im engsten Sinne zu verstehen ist – wichtiger denn je, die Überwindung der Theorie des ‚gerechten Krieges‘ zu bekräftigen, die allzu oft herangezogen wird, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen. Um Konflikte zu bewältigen, verfügt die Menschheit über Mittel, die weitaus wirksamer sind und geeigneter, das menschliche Leben zu fördern, wie zum Beispiel den Dialog, die Diplomatie und die Vergebung. Der Rückgriff auf Stärke, Gewalt und Waffen zeugt von einer Beziehungsarmut, die stets verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung hat.“


Damit ist zuerst einmal festzustellen, dass der Papst selbstverständlich der Ansicht ist, dass jedes Volk das Recht hat, sich gegen einen Aggressor zu wehren. Der Papst schafft auch – allen Unkenrufen zum Trotz – nicht die kirchliche Lehre von gerechten Krieg ab. Es geht ihm, so sagt er es wörtlich, darum, die Überwindung der Theorie vom gerechten Krieges zu bekräftigen, insofern sie herangezogen wurde, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen. Man würde den Papst radikalpazifistisch überinterpretieren, wollte man ihm an dieser Stelle die Abschaffung der Lehre vom gerechten Krieg unterstellen, was in einem ersten Reflex auf diese Passage verständlich ist. Es geht dem Papst im Kern weniger um eine Lehre vom Krieg als vielmehr um die Entwicklung einer universalen Friedensethik im Angesicht der Herausforderungen durch Systeme autonomer Intelligenz und alles vernichtender Waffentechnologie, die den Krieg so wesentlich verändern werden, dass er mit menschlicher Alltagserfahrung überhaupt nicht mehr zu begreifen ist.

Dennoch scheint es – nicht zuletzt wegen des Diskurses um diesen einen Halbsatz – unbedingt notwendig, der Lehre vom gerechten Krieg noch einmal nachzugehen und ihre Genese aufzuzeichnen. Die Vorgeschichte der scholastischen Lehre, auf die wir uns beziehen, geht auf Augustinus im 4. und 5. Jahrhundert zurück. Er versuchte, drei Überzeugungen miteinander zu verbinden. Christus fordert Feindesliebe, Vergebung und Gewaltverzicht. Der Staat hat die Pflicht, Unschuldige zu schützen und schweres Unrecht einzudämmen. Krieg bleibt immer Folge der gefallenen, von Sünde geprägten Welt. Augustinus folgert daraus, dass bestimmte Kriege erlaubt sind, wenn sie nämlich auf Anordnung einer rechtmäßigen Autorität geführt werden, ein schweres Unrecht abwehren oder ahnden und auf die Wiederherstellung des Friedens zielen. Wir sehen schon bei Augustinus, dass der Krieg immer den Frieden als Ziel haben soll. Der Krieg ist ein Übel, das endlich zu sein und den Frieden anzustreben hat. Die klassische scholastische Form der Lehre vom gerechten Krieg finden wir bei Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert. Bemerkenswert ist, dass Thomas die Frage nach dem Krieg im Zusammenhang mit der Liebe behandelt. Krieg ist für den Aquinaten nur dann überhaupt denkbar, wenn er letztlich dem Frieden und dem Gemeinwohl dient. Thomas nennt drei notwendige Voraussetzungen.

Nur die rechtmäßige Autorität darf den Krieg anordnen. Der Privatfehde oder dem Rachefeldzug erteilt er damit eine deutliche Absage. Es muss ein wirkliches Unrecht vorliegen, später wird dieses Kriterium enger auf die Abwehr eines schweren Angriffs und die Wiederherstellung verletzten Rechts bezogen, auf den die rechtmäßige Autorität mit keinem anderen Mittel als mit Krieg antworten kann. Das Ziel muss die Wiederherstellung des Friedens, der Schutz des Guten oder die Abwehr des Bösen sein. Ein Krieg kann schon bei Thomas trotz rechtmäßiger Autorität und eines gerechten Anlasses durch die schlechte Absicht der Handelnden ungerecht werden. Lüge oder der Bruch eines gegebenen Wortes ist bei Thomas auch im Krieg nicht erlaubt.

Im 16. und frühen 17. Jahrhundert entwickelten Francisco de Vitoria, Francisco Suárez und andere Vertreter der Schule von Salamanca die Lehre weiter. Hintergrund waren die Entdeckung Amerikas, die spanische Eroberungspolitik und die Entstehung dauerhafter Beziehungen zwischen souveränen Staaten. Technische Fortschritte verändern nicht nur den Krieg, sondern auch das Denken der Kirche über den Krieg. Das ist an dieser Stelle wichtig zu bemerken, denn mit Schusswaffen und Kanonen hat der Krieg ein anderes Gesicht bekommen. Die Verschärfung der Lehre stellt fest, dass weder die heidnische Religion noch die Weigerung, das Christentum anzunehmen, noch der Wunsch nach territorialer Vergrößerung einen Krieg rechtfertigten. Suárez systematisierte diese Überlegungen noch weiter. Der Krieg erschien bei ihm gewissermaßen als äußerstes öffentliches Rechtsmittel in einer Welt, in der es noch keine übergeordnete, durchsetzungsfähige internationale Autorität gab. Wer nach den Wurzeln der UN sucht, findet sie exakt hier. Eine internationale Autorität zum Zweck der Friedenssicherung ist ein zutiefst christlicher Gedanke. Aus dieser Tradition entwickelten sich die später drei Rechtsbereiche rund um den Krieg: Ius ad bellum, das Recht beziehungsweise die moralischen Voraussetzungen, zu den Waffen zu greifen. Ius in bello, die Regeln des sittlich erlaubten Handelns während des Krieges. Und in neuerer Zeit zusätzlich Ius post bellum, die Verpflichtungen zu Friedensschluss, Wiederaufbau, Wiedergutmachung und Versöhnung. Wir befinden uns in einer vorindustriellen Zeit. Mit der Industrialisierung der Gesellschaft wird auch der Krieg zu einem industriellen Geschehen. Auch hier verändert der Krieg, wie nach Erfindung der Schusswaffen, erneut sein Gesicht. Johannes XXIII. erklärte 1963 in Pacem in terris, im Atomzeitalter sei es vernunftwidrig, Krieg noch als geeignetes Mittel zur Wiederherstellung verletzten Rechts anzusehen. Damit erfolgte keine vollständige Aufhebung des Verteidigungsrechts, wohl aber eine Absage an Krieg als normales Instrument staatlicher Politik. Die industrielle Revolution des Krieges machte den Krieg zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Der Katechismus der katholischen Kirche verwendet den Begriff der „berechtigten Verteidigung mit militärischer Gewalt“. Dazu müssen nach KKK Nr. 2309 vier Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein: Der Schaden, den der Angreifer verursacht, muss sicher, schwerwiegend und von Dauer sein. Alle anderen Mittel zur Beendigung des Unrechts müssen sich als undurchführbar oder wirkungslos erwiesen haben. Es muss eine ernsthafte Aussicht auf Erfolg bestehen. Der Waffeneinsatz darf keine Übel und Schäden hervorrufen, die schwerer sind als das zu beseitigende Übel. Dazu kommen die klassischen Voraussetzungen aus der Scholastik, nämlich der rechtmäßigen öffentlichen Autorität und der rechten, auf Schutz und Frieden gerichteten Absicht. Wer das entscheidet, darf nicht beliebig urteilen, sondern ist an das natürliche Sittengesetz, das Völkerrecht und das humanitäre Kriegsvölkerrecht gebunden. Die Kirche greift hier Institutionen und Rechtskörper auf und bindet sie in die Friedensethik ein, die bei Suarez noch Ideen waren.

Papst Franziskus erklärte in Fratelli tutti, moderne Waffen, globale Abhängigkeiten und die kaum kontrollierbaren Folgen militärischer Gewalt machten es heute „sehr schwierig“, die früher entwickelten Kriterien eines gerechten Krieges noch anzuwenden. Hier ist die Brücke zwischen Leo XIV. und der Scholastik. Auch Papst Franziskus schafft die Lehre vom gerechten Krieg nicht ab, sondern er stellt in Frage, ob sie überhaupt noch anwendbar sei. Gleichwohl zitierte auch Papst Franziskus ausdrücklich die fortbestehende Katechismuslehre von der legitimen Verteidigung in Fratelli tutti.

Damit sind wir ausgehend von der Antike schließlich bei Papst Leo XIV. angekommen. In seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2026 spricht er von einer „unbewaffneten und entwaffnenden“ Friedenspolitik. Er unterscheidet ausdrücklich zwischen dem Prinzip legitimer Verteidigung und einer politischen Logik, die Aufrüstung, Abschreckung und Kriegsvorbereitung zum Normalzustand macht. Im Rückblick kann man sagen, dass wir im Kalten Krieg mit dem Gleichgewicht des Schreckens das Glück hatten, dass sich zwei rational agierende Supermächte als einzige ernstzunehmende Atommächte gegenüberstanden. In einer multilateralen Welt mit unberechenbaren Despoten, die den Finger auf dem roten Knopf haben, wächst die Gefahr einer nuklearen Katastrophe ins Unermessliche. Atomwaffen, militärische Nutzung Künstlicher Intelligenz und Verlagerung von Entscheidungen über Leben und Tod auf Maschinen revolutionieren den Krieg in nie gekannter Weise. Hier ist der Link zwischen Papst Franziskus und der späteren Enzyklika Magnifica Humanitas mit seinem Postulat, die Lehre von gerechten Krieg zu überwinden.

In einer Welt in der Krieg, auch der gerechte Krieg am Ende zu einer universalen Vernichtung oder zu einer technologischen Verstetigung des Krieges ohne Ende – der Film Matrix lässt grüßen – führen kann, führt jede Logik des Krieges in eine Unlogik des Menschlichen. Mit Populorum progressio ist der Frieden immer ein Schritt von einer weniger menschlichen zu einer menschlicheren Gesellschaft. Und weil auch der Papst als geistlicher Sohn des Augustinus um die gebrochene Natur des Menschen weiß, geht es dem Papst nicht darum, die Lehre vom gerechten Krieg per Dekret abzuschaffen, sondern es geht ihm darum, sie zu überwinden. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass das Konzept vom gerechten Krieg in Zeiten KI-gestützter Waffensysteme einfach nicht mehr trägt. Das bedeutet, es ist ein Signal, etwas Besseres anzustreben. Zur Konfliktbewältigung sind dem Papst zufolge Dialog, Diplomatie und Vergebung deutlich besser geeignet. Doch auch der Papst wird darum wissen, dass dies ein Ideal ist, das immer wieder an der gebrochenen Natur des Menschen seine Grenze findet.


Bild: Der Krieg kann postindustriell und postmodern Dimensionen annehmen, wodurch Teile der Welt anschließend mehr bewohnbar sind. Foto: Peter Winnemöller mit AI erstellt.


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Lesermeinungen

naiverkatholik vor 38 Minuten: Leibliches Wohl auch im Blick Jesu

@ Stefan Fleischer

...in einer Nebenspur, vielleicht auch Hauptspur hat Jesus sich etwa bei den Kranken (nur ein Beispiel) auch um das leibliche Wohl gekümmert

Stefan Fleischer vor 1 Stunden: Der Weg in eine bessere Welt

In meine Notizen habe ich heute Mogen notiert:
Christus ist nicht gekommen, um eine bessere Welt zu schaffen, sondern um jeden Einzelnen aus seinen Sünden zu erlösen. Dass dies der Weg in eine bessere Welt ist, sollte eigentlich klar sein.

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