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Angeklagt, weil er einen schismatischen Bischof nicht rehabilitierte: Armeniens Patriarch Karekin II

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Armeniens Patriarch wurde vor Gericht gestellt - Christen aus aller Welt zeigen sich solidarisch - Von Michael Hesemann


Linz (kath.net) Seit Armenien 301 n.Chr. als erste Nation der Welt den christlichen Glauben annahm, hat sein Volk ein vielfaches Martyrium durchlitten. Gleich mehrfach wurde seine Heimat von Feinden überrannt, von Türken, Persern und Russen besetzt. Die osmanischen Sultane befahlen brutale Massaker, die laizistischen Jungtürken verübten an den Armeniern den ersten Völkermord der modernen Geschichte mit 1,5 Millionen Todesopfern. Westarmenien wurde damit ausgelöscht, während Ostarmenien, das zunächst Provinz des Zarenreiches war, zur Sowjetrepublik erklärt und vom Kommunismus drangsaliert wurde. Erst der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991, die Ausrufung der Republik Armenien, brachte der leidgeprüften Nation und ihrer siebzehn Jahrhunderte alten Kirche eine Zeit der Ruhe, der Selbstbestimmung und der Wiederentdeckung ihrer Identität und ihres so tief verwurzelten Glaubens. Jetzt aber steht Armenien vor seiner größten Prüfung. Denn bisher waren es immer die innere Geschlossenheit und der sinnstiftende Glaube, die den Armeniern die Kraft gaben, ihrem oft tragischen Schicksal zu trotzen und selbst so himmelschreiende Verbrechen wie den Genozid von 1915-18 gemeinsam zu durchleiden, ohne an ihrem Schicksal zu zerbrechen.

Die vielleicht größte Krise der so dramatischen Geschichte Armeniens, deren Zeugen wir gerade werden, ist zugleich ein direkter Angriff auf seine Einheit und Identität. Denn dieses Mal kommt der Feind aus dem Inneren und es ist ihm bereits gelungen, die Armenier zu spalten; jetzt macht er sich daran, sie von ihren Wurzeln, ihrer christlichen Identität, zu trennen. Dass dabei auch die Verfassung des Kaukasusstaates de facto außer Kraft gesetzt wird, ist dem Spalter egal. Denn er hat sich gerade erst durch eine nach Ansicht zahlreicher Beobachter manipulierte Wahl für weitere fünf Jahre das Amt des Ministerpräsidenten gesichert.

Volkstribun gegen Patriarch

Nikol Paschinjan organisierte 2018 die „samtene Revolution“ in Armeniens Hauptstadt Jerewan, die das Ziel hatte, die bisherige prorussische Regierung zu stürzen und durch eine prowestliche zu ersetzen, und die von den USA, der EU und der Soros-Foundation auch finanziell unterstützt wurde. Der ehemalige Journalist und Gegner gesellschaftlicher Konventionen verstand es, sich als Volkstribun zu geben und Stimmung gegen die Eliten des Landes zu machen. Als Aserbaidschan 2020 seinen Angriffskrieg gegen die armenische Enklave Berg-Karabach startete, fand er erst markige Worte, dann, nachdem er alle neuen und ehemaligen Verbündeten von Washington bis Moskau brüskiert hatte, gab er klein bei. Wehrlos sah er zu, wie Aserbaidschan die Enklave Arzach besetzte, 150.000 Armenier vertrieb und ihr kulturelles Erbe, Klöster, Kirchen und andere Zeugnisse aus 5000 Jahren Geschichte, vernichtete. Der Völkermord von 1915-18 hatte seine Fortsetzung gefunden und die Welt schwieg, weil Armeniens Ministerpräsident es ebenfalls tat. Auf die historischen Parallelen angesprochen, bestritt Paschinyan sogar, dass die systematische Ermordung von 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich überhaupt ein Völkermord war, was längst von 34 Nationen einschließlich dem Heiligen Stuhl (2015) und dem Deutschen Bundestag (2016) anerkannt worden war. Er musste sich deshalb vorwerfen lassen, türkische und aserbaidschanische Positionen zu übernehmen – und die ureigensten Interessen des armenischen Volkes, ja die Historizität seines Schicksals, zu verraten.  

Wer dazu nicht schwieg, war der Vater des armenischen Volkes, sein Patriarch, oder, wie es in seiner Kirche heißt, „Katholikos“ Karekin II. Karekin hatte 1975 in Bonn Theologie studiert und drei Jahre lang die armenische Gemeinde in Köln geleitet, was ihn bis heute prägt. Als er 1999 mit nur 48 Jahren zum 132. Katholikos aller Armenier gewählt wurde, setzte er auf den ökumenischen Dialog speziell auch mit Rom. Johannes Paul II. (2001) und Franziskus (2016) besuchten ihn in Armenien, zu Benedikt XVI. unterhielt er ein geradezu freundschaftliches Verhältnis, Papst Leo empfing ihn in Castelgandolfo und Rom. Als Karekin II. den kulturellen Genozid in Arzach anprangerte und Paschinjan wegen seines Schweigens kritisierte, geriet er in das Schussfeld des zunehmend diktatorischer agierenden Ministerpräsidenten.

Obwohl die armenische Verfassung eine Trennung von Staat und Kirche vorschreibt, begann Paschinjan, der Kirche Reformen zu diktieren. Die Liturgie solle gekürzt werden, zu Anfang die Nationalhymne gespielt, die Fahne am Altar aufgestellt, das Bild des Ministerpräsidenten aufgehängt werden. Vor allem aber forderte der Ministerpräsident die Absetzung des Patriarchen, dem er abwechselnd mit den absurdesten Vorwürfen bombardierte und, als Zeichen seiner Verachtung, nur mit seinem bürgerlichen Namen ansprach. Dass er als Patriarch regelmäßigen Kontakt zu den armenischen Diaspora-Gemeinden in Russland, den USA und Deutschland unterhält, wurde ihm bereits als eine Form von Landesverrat oder Agententätigkeit ausgelegt. Kontakte zur christlich orientierten politischen Opposition wiederum waren für Paschinyan Anlass, dem Katholikos zu unterstellen, er plane einen Staatsstreich gegen ihn.


Bischöfe werden inhaftiert

Das alles könnte man als tragikomische Absurdität abtun, wenn der Ministerpräsident nicht längst zu handfesteren Mitteln gegriffen hätte. Als besorgte Bischöfe wie Erzbischof Bagrat Galstanyan, dessen Diözese nach Paschinyan Plänen Land an Aserbaidschan abtreten sollte, oder Erzbischof Mikael Adjapahyan zu friedlichen Protesten aufriefen, wurden beide kurzerhand verhaftet, Letzterer sogar zu zwei Jahren Haft verurteilt. Einer der größten Wohltäter der Kirche, der armenische Milliardär Samvel Karapetyan, wurde ebenfalls verhaftet, weil er Paschinyans Angriffe auf die Kirche kritisierte; jetzt droht seinen Firmen die Enteignung und Verstaatlichung. 

Zeitgleich gelang es Paschinyan, eine Handvoll karrieresüchtiger armenischer Kleriker auf seine Seite zu ziehen. Der prominenteste von ihnen war der ehemalige Bischof Gevorg Saroyan, den der Ministerpräsident zu Karekins Nachfolger erkoren hatte. Als Saroyan die geforderten Reformen seinem diözesanen Klerus aufzwingen wollte, setzte Karekin II. ihn kurzerhand ab. Saroyan klagte, ein Gericht gab ihm auf Druck des Ministerpräsidenten recht und wollte den Patriarchen zu seiner Wiedereinsetzung zwingen. Diesen Eingriff in die innersten Angelegenheiten der Kirche ließ Karekin II. nicht zu. Daraufhin ließ Paschinyans Staatsanwalt ihn anklagen, untersagte ihm, das Land zu verlassen – an einer Synode im österreichischen St. Pölten im Februar 2026 konnte er nur per Videoschaltung teilnehmen, überhaupt nur zwei armenischen Bischöfen war die Ausreise erlaubt worden – und zerrte ihn am gestrigen 7. August 2026 zusammen mit sechs Bischöfen seiner Kirche vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft argumentiert, dass die Entscheidung, Saroyan nicht wieder als  Bischof einzusetzen, Missachtung eines Gerichtsbeschlusses sei. Die Armenisch-Apostolische Kirche vertritt jedoch die Auffassung, dass die Ernennung, Entlassung und Disziplinierung von Bischöfen ausschließlich in ihre interne Zuständigkeit falle – ein Recht, das durch ihre verfassungsmäßige Autonomie und ihre kirchliche Ordnung garantiert sei und daher außerhalb der Zuständigkeit der zivilen Regierung liege. Dieses Recht ist im Übrigen in der ganzen zivilisierten Welt zementiert. Kein amerikanisches oder europäisches Gericht käme auch nur auf die Idee, Papst Franziskus die Exkommunikation von Bischof Vigano oder Papst Leo der Bischöfe der Piusbruderschaft zu untersagen – das sind innere Angelegenheiten der Kirche und nicht Sache eines Staates.

Solidaritätskundgebungen aus der ganzen Welten 

Die empörten Reaktionen aus der ganzen Welt ließen daher nicht lange auf sich warten. Auch Papst Leo XIV.  zeigte sich besorgt über die Lage in Armenien. Die beiden anderen Patriarchen der Armenisch-Apostolischen Kirche, der Patriarch von Kilikien, Aram, und der Patriarch von Jerusalem, Nourhan Manukyan, verurteilten beide mit heftigen Worten die „politische Verfolgung“ ihres Amtsbruders, dem sie ihre volle Solidarität zusicherten. Der syrisch-orthodoxe Patriarch Ignatius Rephaim II. erklärte sich ebenfalls solidarisch mit Karekin II. Der Generalsekretär des Weltrates der Kirchen (WCC), Jerry Pillay, kritisierte Paschinyans „Angriff auf die Religionsfreiheit, die Heiligkeit des Gottesdienstes und die Autonomie religiöser Institutionen“. Der armenisch-apostolische Pfarrer von Stuttgart, Diradur Sardaryan, brachte es auf den Punkt, als er auf „Facebook“ schrieb: „Die Regierung Armeniens entfernt sich jeden Tag mehr und mehr von der Demokratie. Ein Gericht, das erkennbar den Zielen der Regierung dient, ist kein Werkzeug des Rechtsstaats, sondern der Herrschaftssicherung. Eine Regierung, die den geistlichen Repräsentanten ihres Volkes öffentlich demütigt und vor ein solches Gericht stellt, gewinnt keinen Rechtsstreit. Sie untergräbt ihre eigene Legitimität. Macht, die sich nicht selbst begrenzt, verspielt am Ende genau die Autorität, in deren Namen sie auftritt.“ Auch sämtliche armenischen Diaspora-Organisationen, ob aus den USA, Frankreich oder Deutschland, drückten Karekin II. ihre „volle und totale Unterstützung“ aus, wie es der „Rat der armenischen Organisationen in Frankreich“ formulierte: „Selbst während der Jahrzehnte der sowjetischen Herrschaft, als der Kirche ihr Eigentum entzogen wurde, sie unter ständiger Überwachung stand und unerbittlicher Verfolgung ausgesetzt war, gingen die Behörden nicht so weit, den Katholikos aller Armenier anzuklagen“.

Ein „Tag der Schande“

Trotzdem erschienen Karekin II. und die sechs zusammen mit ihm angeklagten Bischöfe zu ihrem Gerichtstermin, der nur wenige Minuten dauerte. Denn der mit der Verhandlung beauftragte Richter Hakom Manukian, erklärte sich kurzerhand für befangen und lehnte damit den Vorsitz der Verhandlung ab, die jetzt erst einmal auf einen noch ungewissen Termin verschoben ist. Vor dem Gericht wurde der Patriarch von tausenden gläubigen Armeniern und dutzenden Oppositionspolitikern begrüßt, die „Eure Heiligkeit“ skandierten und die armenische Version von „Tu es Petrus“ anstimmten. „Heute ist ein Tag der Schande“, erklärte die Parlamentsabgeordnete Marianna Ghahramanian: „Heute steht der Katholikos aller Armenier, unser geistlicher Vater, das Oberhaupt unserer Kirche, vor Gericht. Das ist eine Schande und etwas Unerhörtes!“

Umso peinlicher ist das Schweigen in den Reihen der westlichen Politik. Hier scheinen wirtschaftliche und politische Interessen die Augen und Ohren zu verschließen. Wer als strategischer Partner des kollektiven Westens gilt, darf offenbar tun, was man einem Gegner sofort vorwerfen würde. Doch ein Recht, das nur nach politischem Nutzen gilt, ist kein Recht mehr, sondern ein Werkzeug der Macht. Zumindest jeder anständige Christ sollte Unrecht erkennen, wo Unrecht geschieht. Und darum ist es auch für uns Katholiken eine moralische Pflicht, uns solidarisch hinter Karekin II., den Freund vierer großer Päpste, zu stellen!

 Fotos oben: links Patriarch Karekin II. und Papst Leo XIV; rechts Autor Michael Hesemann mit Karekin II. (c) Michael Hesemann

 


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