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Zur gegenwärtigen Krise des Begriffs und zu einer katholisch-ostkirchlichen Perspektive. Essay von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
Eichstätt (kath.net) Teil 2
III. Eine aus der Tradition gewonnene Perspektive für Ost und West
Die bisherigen Überlegungen führen zu einer doppelten Einsicht. Einerseits kann die katholische Kirche auf Synodalität nicht verzichten, ohne einen wesentlichen Teil ihrer apostolischen und altkirchlichen Überlieferung zu vernachlässigen. Andererseits wäre es ebenso traditionswidrig, Synodalität zu einem umfassenden Verfassungsprinzip auszubauen, das die sakramentale Struktur der Kirche, die Verantwortung des Bischofsamtes oder den Petrusdienst relativiert.
Eine zukunftsfähige Lösung kann deshalb weder in der Rückkehr zu einem möglichst zentralisierten Kirchenmodell noch in der Übertragung parlamentarischer Beteiligungsformen auf die Kirche liegen. Sie müsste jene Communio-Grundstruktur neu zur Geltung bringen, die Ost und West im ersten Jahrtausend miteinander teilten und die das Zweite Vatikanische Konzil in wesentlichen Elementen wieder freigelegt hat.
Dabei geht es nicht um eine romantische Rekonstruktion der alten Kirche. Die politischen, kulturellen und kirchenrechtlichen Bedingungen haben sich grundlegend verändert. Wohl aber lässt sich aus der Tradition eine Grammatik kirchlicher Gemeinschaft gewinnen, die auch heute tragfähig sein kann.
Ihr Grundsatz lautet: Einheit ohne Zentralismus, Synodalität ohne Parlamentarismus, Primat ohne Isolation und Teilhabe ohne Auflösung der sakramentalen Ämter.
1. Ausgangspunkt: die Kirche als eucharistische Communio
Ausgangspunkt einer solchen Perspektive muss die Ortskirche sein. Sie ist nicht lediglich Verwaltungseinheit der Universalkirche. Wo der Bischof mit Presbyterium, Diakonen und Gottesvolk die Eucharistie feiert, ist die Kirche Christi wirklich gegenwärtig.
Diese eucharistische Ekklesiologie ist in der ostkirchlichen Tradition besonders deutlich bewahrt, besitzt aber ebenso eine feste Grundlage in der katholischen Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils. Sie verbindet Universalität und Ortskirchlichkeit: Die eine Kirche Christi existiert nicht unabhängig von den Ortskirchen; zugleich ist keine Ortskirche Kirche in selbstgenügsamer Isolation.
Damit werden beide Extreme korrigiert. Die Ortskirche ist keine Filiale einer römischen Zentralverwaltung, aber ebenso wenig eine autonome religiöse Gemeinschaft, die Lehre und Ordnung unabhängig von der Gesamtkirche bestimmen könnte.
Katholizität bedeutet Communio. Daraus erwächst Synodalität. Weil keine Ortskirche für sich allein die ganze Kirche ist, stehen die Bischöfe miteinander in Gemeinschaft. Und weil der Bischof nicht außerhalb seiner Kirche steht, sondern ihr sakramentaler Vorsteher ist, hört er auf Presbyterium, Diakone, Ordensleute und Gläubige. Synodalität beginnt deshalb nicht mit Gremien, sondern mit Communio.
2. Die alte Grundregel: der Eine mit den Vielen
Eine besonders hilfreiche Orientierung bietet der 34. Apostolische Kanon. Seine ekklesiologische Grundintuition besteht in wechselseitiger Bindung: Die Bischöfe einer Region sollen den Ersten – den protos – anerkennen und wichtige Angelegenheiten nicht ohne ihn entscheiden; zugleich soll der Erste nichts von allgemeiner Bedeutung ohne die anderen Bischöfe tun.
Das ist ein ausgewogenes Modell kirchlicher Autorität: nicht der Eine ohne die Vielen, ebenso wenig die Vielen ohne den Einen, sondern der Eine mit den Vielen – und die Vielen mit dem Einen.
Diese Reziprozität könnte eine gemeinsame ekklesiologische Grundregel für Ost und West bilden. Das gemeinsame Erbe des ersten Jahrtausends liefert keinen fertigen Verfassungsplan, wohl aber ein Beziehungsmodell: Primat existiert innerhalb der Communio; Synodalität braucht einen Dienst an ihrer Einheit.
Daraus ergibt sich die zentrale Formel: Kein Primat ohne Synodalität – keine Synodalität ohne Primat.
3. Gestufte Synodalität statt permanenter Synodalisierung
Aus dieser Grundstruktur folgt eine praktische Konsequenz: Nicht jede Frage gehört auf die Ebene der Gesamtkirche. Eine übermäßig universalisierte Synodalität könnte paradoxerweise neue Zentralisierung erzeugen, wenn immer mehr Beratungen, Berichte und Entscheidungen auf die universale Ebene gezogen werden.
Traditionsgemäßer wäre eine gestufte Ordnung kirchlicher Verantwortung: Ortskirche – Kirchenprovinz beziehungsweise Metropolie – Patriarchat oder größere Kirchenregion – Universalkirche. Diese Ebenen sind nicht bloße Verwaltungsstufen; jede besitzt ihre eigene ekklesiale Verantwortung.
Auf der Ebene der Ortskirche trägt der Bischof die sakramentale Leitungsverantwortung. Doch er soll nicht isoliert handeln. Presbyterium, Diakone, Ordensleute, Theologen und Laien müssen wirkliche Möglichkeiten besitzen, Erfahrungen, Sachkenntnis, Charismen und den Glaubenssinn des Gottesvolkes einzubringen. Das verlangt eine Kultur verbindlichen Hörens, ohne aus der Diözese ein kirchliches Parlament zu machen.
Entscheidend bleibt die Unterscheidung zwischen Konsultation – Beratung – geistlicher Unterscheidung – Entscheidung. Diese Vorgänge gehören zusammen, sind aber nicht identisch. Der Bischof darf Beratung nicht zur Formalität degradieren; umgekehrt begründet das Recht, gehört zu werden, keine vom Bischofsamt unabhängige Leitungsgewalt.
Darin liegt eine katholisch wie orthodox anschlussfähige Balance: wirkliche Teilhabe ohne Nivellierung der Dienste.
4. Die vergessene Zwischenebene: Metropolie und Kirchenprovinz
Eine besonders realistische Reform bestünde in der Wiederbelebung einer Struktur, die nicht neu erfunden werden müsste: der Metropolie beziehungsweise Kirchenprovinz. In der Alten Kirche war regionale Synodalität selbstverständlich. Die Bischöfe einer Region versammelten sich regelmäßig unter ihrem Metropoliten und behandelten zahlreiche Angelegenheiten, ohne sie auf die gesamtkirchliche Ebene zu verlagern.
Im lateinischen Westen ist diese Ebene kirchenrechtlich erhalten, praktisch jedoch weithin geschwächt. Ihre Stärkung könnte wirkliche Dezentralisierung ermöglichen, ohne die Einheit der Kirche zu gefährden.
Provinzialsynoden könnten etwa Fragen gemeinsamer Pastoral, Priesterausbildung, Katechese, kirchlicher Disziplin und regionaler Herausforderungen beraten und – innerhalb klar bestimmter Kompetenzen – entscheiden. Das wäre keine Modernisierung nach politischen Vorbildern, sondern die Wiedergewinnung einer altkirchlichen Form von Synodalität.
Damit ließe sich zugleich die häufige Alternative zwischen dem einzelnen Diözesanbischof einerseits und nationalen oder römischen Strukturen andererseits überwinden. Die Tradition kennt eine starke kirchliche Ebene dazwischen.
5. Patriarchate als lebendige ekklesiologische Wirklichkeit
Noch deutlicher zeigt sich diese Möglichkeit bei den Patriarchaten. Gerade die katholischen Ostkirchen machen innerhalb der katholischen Communio sichtbar, dass Einheit mit dem Bischof von Rom und weitreichende synodale Eigenverantwortung miteinander vereinbar sind.
Das Zweite Vatikanische Konzil versteht die patriarchale Ordnung nicht als historisches Relikt. Orientalium Ecclesiarum würdigt ausdrücklich die überlieferten Rechte und Privilegien der Patriarchate und fordert ihre angemessene Wiederherstellung. Die ist leider noch nicht zufriedenstellend realisiert. Hier liegt ein ökumenisch noch keineswegs ausgeschöpftes Potential.
Die katholischen Ostkirchen sollten nicht als bloße Ausnahmen innerhalb einer grundsätzlich lateinisch-zentralistischen Gesamtordnung verstanden werden. Ihre Verfassung besitzt vielmehr ekklesiologische Zeichenfunktion: Einheit mit Rom muss weder Latinisierung noch administrative Uniformität bedeuten. Universale Communio verlangt nicht, dass jede bedeutsame kirchliche Entscheidung in Rom getroffen wird.
Für eine künftige Wiederherstellung der Gemeinschaft mit den orthodoxen Kirchen wäre dies grundlegend. Eine orthodoxe Patriarchalkirche müsste ihre Liturgie, Theologie, Spiritualität, kanonische Tradition und synodale Selbstregierung bewahren können. Kirchliche Einheit wäre dann Einheit von Kirchen, nicht Vereinheitlichung der Kirchen.
6. Der universale Primat: real, aber nicht zentralistisch
Damit erreicht die Frage ihren schwierigsten Punkt: den universalen Primat des Bischofs von Rom.
Eine ökumenisch tragfähige Lösung kann weder darin bestehen, den Petrusdienst auf einen Ehrenvorsitz zu reduzieren, noch darin, die historisch gewachsene zentralisierte Leitungsstruktur der lateinischen Kirche auf die gesamte Christenheit zu übertragen.
Die entscheidende Formel könnte lauten: ein realer Primat ohne administrative Zentralisierung.
Der Bischof von Rom wäre wirklicher protos der universalen Communio: sichtbares Zeichen und Diener der Einheit, Hüter der apostolischen Gemeinschaft, Vermittler in schweren Konflikten, Initiator gesamtkirchlicher Beratung und – wo die Einheit des Glaubens oder der Kirchen ernsthaft gefährdet ist – Träger wirklicher Verantwortung für die Gesamtkirche. Ein solcher Primat wäre weit mehr als ein Ehrenvorsitz, ohne deshalb die gewöhnliche Verwaltung sämtlicher Ortskirchen an sich zu ziehen.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen universaler Verantwortung und universaler Administration. Der Papst muss nicht jede Angelegenheit selbst entscheiden, um einen wirklichen Primat auszuüben. Seine universale Verantwortung könnte sich gerade darin bewähren, die legitime Eigenverantwortung der anderen kirchlichen Ebenen zu schützen.
Die gewöhnliche Leitung der Diözese liegt beim Ortsbischof; gemeinsame Angelegenheiten einer Kirchenprovinz bei deren Bischöfen unter dem Metropoliten; die Angelegenheiten einer Patriarchalkirche bei Patriarch und Synode. Die universale Ebene wird vor allem dort notwendig, wo die Gemeinschaft der Kirchen, die Einheit des Glaubens oder fundamentale Fragen kirchlicher Ordnung betroffen sind. Der Primat würde dadurch nicht schwächer, sondern ekklesialer.
7. Der Petrusdienst als subsidiärer Dienst an der Einheit
Hier kann das Prinzip der Subsidiarität hilfreich sein, sofern es nicht einfach aus der politischen Soziallehre auf die Kirche übertragen wird. Ekklesiale Subsidiarität bedeutet keine Konkurrenz verschiedener Machtzentren, sondern dass jede kirchliche Ebene jene Verantwortung wahrnimmt, die ihr aufgrund ihrer sakramentalen und kanonischen Stellung zukommt.
Was der Ortsbischof verantworten kann, muss nicht der Metropolit entscheiden. Was die Kirchenprovinz tragen kann, muss nicht die Bischofskonferenz übernehmen. Was eine Patriarchalsynode verantworten kann, muss nicht Rom regeln. Umgekehrt darf das, was die Einheit der Gesamtkirche berührt, nicht ausschließlich regional entschieden werden.
So verstanden wäre der Petrusdienst gerade dadurch universal, dass er die geordnete Communio des Ganzen gewährleistet, nicht dadurch, dass er möglichst viele Einzelentscheidungen an sich zieht.
Ein starker Primat wäre daher ein Primat, der nicht alles selbst entscheidet, sondern dafür Sorge trägt, dass jede Kirche und jede kirchliche Ebene ihre eigene Verantwortung innerhalb der gemeinsamen apostolischen Einheit wahrnehmen kann.
8. Die universale Synodalität institutionell neu denken
Eine solche communiale Ausübung des Primats müsste institutionell sichtbar werden. Es genügt nicht, Synodalität lediglich als geistliche Haltung zu beschreiben.
Langfristig wäre deshalb ein regelmäßig tagender Rat der Patriarchen und Primates in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom denkbar. Er wäre weder eine zweite römische Kurie noch ein kirchlicher Senat nach politischem Vorbild. Seine Aufgabe bestünde darin, die Gemeinschaft der großen kirchlichen Traditionen und Regionen auf universaler Ebene sichtbar zu machen und den Petrusdienst regulär synodal einzubetten.
Bei Fragen gesamtkirchlicher Bedeutung wäre die Beratung in diesem Kreis nicht Ausnahme, sondern Normalfall. Daneben bliebe das ökumenische Konzil beziehungsweise eine gesamtkirchliche Synode die außerordentliche Form gemeinsamer Entscheidung in Fragen höchsten Ranges.
Dafür bedürfte es einer möglichst klaren kanonischen Bestimmung: Was kann der Erste in eigener Verantwortung tun? Was soll er nur nach Beratung tun? Was kann ausschließlich synodal oder konziliar entschieden werden? Und welche Fragen gehören überhaupt nicht auf die universale Ebene?
Eine solche Präzisierung wäre ökumenisch vermutlich fruchtbarer als eine immer weitere Ausdehnung des unscharfen Begriffs „Synodalität“.
9. Auch die Orthodoxie steht vor einer Aufgabe
Eine gemeinsame Perspektive darf Veränderungen nicht ausschließlich von Rom erwarten. Auch die orthodoxen Kirchen stehen vor einer ungelösten Frage: Wie kann die universale Einheit der Kirche sichtbar und handlungsfähig werden, wenn die Autokephalie der einzelnen Kirchen keine hinreichend wirksame universale Instanz kennt?
Jüngere innerorthodoxe, oft Nationalkirchen-Konflikte, zeigen, dass Synodalität allein die Einheit nicht garantiert. Konkurrierende Jurisdiktionen können entstehen, Patriarchate die eucharistische Gemeinschaft miteinander abbrechen, Fragen der Autokephalie langwierige Konflikte hervorrufen und selbst die Einberufung einer gesamtorthodoxen Synode erschweren.
Deshalb muss auch die Orthodoxie fragen: Braucht universale Synodalität einen wirklichen universalen protos? Das erste Jahrtausend beantwortet diese Frage nicht in der Gestalt der späteren katholischen Primatsdogmatik. Es bezeugt jedoch einen realen Vorrang Roms innerhalb der kirchlichen taxis. Gerade deshalb steht das Verhältnis von Primat und Synodalität auf universaler Ebene im Zentrum des katholisch-orthodoxen Dialogs.
Der Westen könnte vom Osten lernen: Universalität bedeutet nicht Zentralisierung.
Der Osten könnte vom Westen neu bedenken: Synodalität braucht einen wirksamen Dienst an der universalen Einheit.
Beide Traditionen müssten dafür ihre Identität nicht aufgeben. Vielmehr könnten sie einander an Dimensionen erinnern, die ihrem gemeinsamen kirchlichen Erbe angehören.
10. Das Gottesvolk: wirkliche Teilhabe ohne Parlamentarisierung
Eine stärker episkopal und communial verstandene Synodalität darf nicht in eine bloße „Bischofskirche“ führen. Auch das wäre eine Verkürzung.
Die Kirche ist das ganze Volk Gottes. Der Heilige Geist wirkt in allen Getauften. Der sensus fidei fidelium, die Charismen, das monastische Zeugnis, theologische Erkenntnis und die Glaubenserfahrung christlicher Familien und Gemeinden gehören zur Unterscheidung der Kirche. Deshalb braucht es institutionalisierte Formen wirklichen Hörens.
Der sensus fidelium darf jedoch nicht mit Meinungsforschung verwechselt werden. Er ist nicht die Summe dessen, was Katholiken zu einem bestimmten Zeitpunkt mehrheitlich denken, sondern der Glaubenssinn eines Volkes, das aus Schrift, Überlieferung, Liturgie, Sakramenten und Gebet lebt.
Synodales Hören muss deshalb zugleich horizontal und diachron sein: Die Kirche hört auf die Menschen ihrer Zeit und auf die Apostel; auf neue Erfahrungen und auf die Kirchenväter; auf die Fragen der Gegenwart und auf die Konzilien; auf Menschen an den Rändern und auf die Heiligen. Sie hört auf die viva vox des gegenwärtigen Gottesvolkes und zugleich auf das Gedächtnis der ganzen Kirche.
Eine wirklich katholische Synode besteht daher niemals nur aus den gerade Anwesenden. Zur Synode gehören gewissermaßen auch jene, die vor uns waren.
11. Die Eucharistie als Urbild synodaler Communio
Hier liegt vielleicht der tiefste Beitrag der ostkirchlichen Tradition zur gegenwärtigen Debatte. Das Urbild kirchlicher Synodalität ist nicht die Sitzung, sondern die Eucharistie.
In ihr wird sichtbar, was Kirche ist: viele Glieder und ein Leib, verschiedene Dienste und eine Feier, ein Vorsteher und ein versammeltes Gottesvolk, Verschiedenheit und Communio. Nicht alle tun dasselbe, aber niemand ist überflüssig. Der Vorsteher feiert nicht ohne die Gemeinde; die Gemeinde konstituiert sich nicht ohne sakramentale Ordnung; alle empfangen, was keiner selbst hervorbringt. Gerade die byzantinische Liturgie zeigt anschaulich, dass Einheit nicht Gleichförmigkeit und Teilhabe nicht Rollenidentität bedeutet. Unterschiedliche Dienste bilden eine geistliche Symphonie.
Synodalität wäre dann nicht primär Verteilung von Entscheidungsrechten, sondern geordnetes Zusammenwirken verschiedener Ämter, Charismen und Berufungen im gemeinsamen Hören auf Christus. Sie wäre weder Demokratisierung der Hierarchie noch bloße Konsultation eines selbstgenügsamen Amtes, sondern Ausdruck einer Kirche, in der niemand für sich allein Kirche ist.
Darin liegt die Stärke des eucharistischen Modells: Der Bischof steht der Eucharistie vor, aber nicht als Privatperson; das Volk antwortet, betet und empfängt, ohne die Aufgabe des Vorstehers zu übernehmen. Verschiedenheit wird nicht beseitigt, sondern auf ihr gemeinsames Zentrum hingeordnet: Christus.
Eine aus der Tradition erneuerte Synodalität müsste daher wesentlich eucharistisch, pneumatologisch und doxologisch sein. Synoden sollten nicht lediglich mit einem Gottesdienst eröffnet werden, während anschließend nach einer davon unabhängigen Verfahrenslogik gearbeitet wird. Gebet, Schrift, Überlieferung und Eucharistie müssten vielmehr die innere Gestalt des Beratens prägen.
Die entscheidende Frage wäre dann nicht: Welche Position setzt sich durch? Auch nicht nur: Worauf können wir uns einigen? Sondern: Was sagt der Geist den Kirchen – und was verlangt die Treue zu Christus in dieser konkreten Situation?
Damit erhält auch Konsens eine andere Bedeutung. Kirchlicher Konsens ist mehr als die größtmögliche Schnittmenge verschiedener Interessen. Er bezeichnet den Versuch, jene Übereinstimmung zu finden, in der die Kirche den empfangenen Glauben unter neuen geschichtlichen Bedingungen gemeinsam und treu bezeugen kann.
12. Nicht alles ist in gleicher Weise synodal entscheidbar
Eine praktikable Synodalität braucht eine weitere Klärung: Nicht jede kirchliche Frage besitzt denselben theologischen Rang. Zu unterscheiden ist zwischen dem empfangenen Glaubensgut, seiner legitimen lehrmäßigen Entfaltung, kirchlicher Disziplin, pastoralen Ordnungen und konkreten administrativen Entscheidungen.
Das depositum fidei steht der Kirche voraus. Sie empfängt, bewahrt, legt aus und verkündet es; sie verfügt darüber jedoch nicht wie ein Parlament über eine Gesetzesvorlage.
Anders verhält es sich mit zahlreichen kirchenrechtlichen, disziplinären und pastoralen Fragen. Hier kennt die Kirchengeschichte unterschiedliche Formen. Ortskirchen und Synoden können deshalb legitime Verantwortung wahrnehmen und verschiedene Lösungen entwickeln, sofern die Einheit des Glaubens und der sakramentalen Communio gewahrt bleibt.
Diese Unterscheidung kann manche gegenwärtige Kontroverse entschärfen. Sowohl die Vorstellung, alles könne synodal neu entschieden werden, als auch die gegenteilige Annahme, nahezu nichts dürfe verändert werden, verfehlen die wirkliche Tradition.
Tradition ist weder permanente Neuerfindung noch museale Unveränderlichkeit. Sie ist Treue in lebendiger Überlieferung. Gerade die Ostkirchen zeigen, dass starke Traditionsbindung mit erheblicher Vielfalt kirchlicher Ordnungen, liturgischer Formen und disziplinärer Regelungen vereinbar ist. Einheit verlangt nicht überall Uniformität.
13. Rezeption: ein weithin vergessenes Element
Rezeption ist keine nachträgliche Volksabstimmung, sondern ein geistlicher und geschichtlicher Vorgang. Eine Entscheidung bewährt sich in der Communio der Kirche: in ihrer Übereinstimmung mit Schrift und Tradition, in Liturgie und Glaubensleben der Ortskirchen und nicht zuletzt in ihren geistlichen Früchten. Damit tritt eine Dimension hervor, die modernen Entscheidungsmodellen weithin fremd ist: die Zeit.
Nicht jede Frage muss sofort abschließend beantwortet, nicht jeder Konflikt durch Mehrheitsentscheid beendet werden. Manche kirchlichen Fragen brauchen Gebet, theologische Klärung, Erprobung und Rezeption – gelegentlich auch die Geduld, Spannungen auszuhalten. Die Alte Kirche kannte solche langen Prozesse. Gerade die großen christologischen Auseinandersetzungen zeigen, dass Konzilsbeschlüsse entscheidend sein konnten, ihre kirchliche Annahme und Durchsetzung aber Jahrzehnte beanspruchte.
Eine erneuerte Synodalität müsste deshalb auch die geistliche Tugend der Geduld wiederentdecken. Sie vertraut darauf, dass Wahrheit sich nicht durch Beschleunigung gewinnt, sondern im gemeinsamen Hören, Prüfen und Leben ihre kirchliche Tragfähigkeit erweist.
14. Ein praktikabler Weg: Konsultation – Unterscheidung – Beratung – Entscheidung – Rezeption
Aus diesen Überlegungen ergibt sich ein praktikables Modell, das die Beteiligung des ganzen Gottesvolkes mit der besonderen Verantwortung des apostolischen Amtes verbindet.
Am Anfang steht die Konsultation. Die Kirche hört auf Priester und Diakone, Ordensleute und Theologen, Familien, Gemeinden und Bewegungen, auf Menschen an den Rändern und auf jene, deren Stimme im kirchlichen Alltag kaum wahrgenommen wird. Dabei geht es nicht um demoskopische Mehrheiten, sondern darum, Wirklichkeit wahrzunehmen, Erfahrungen ernst zu nehmen und Charismen zu erkennen.
Darauf folgt die geistliche und theologische Unterscheidung. Das Gehörte wird nicht unmittelbar in Forderungen oder Beschlüsse übersetzt, sondern an Schrift, Tradition, Liturgie, Lehramt und Glauben der Kirche geprüft. Nicht jede Erfahrung wird dadurch zur Norm; wohl aber kann jede ernstzunehmende Erfahrung zu einem Ort werden, an dem die Kirche genauer zu hören lernt.
Erst dann folgt die synodale Beratung der Bischöfe. Sie beraten nicht als Interessenvertreter ihrer Regionen oder kirchenpolitischer Gruppen, sondern als Träger apostolischer Verantwortung und Vorsteher ihrer Ortskirchen. In ihre Beratung bringen sie zugleich ein, was sie aus ihren Kirchen gehört und geprüft haben.
Darauf folgt die Entscheidung durch die jeweils zuständige kirchliche Autorität: den Ortsbischof, die regionale Synode, Patriarch und Synode, ein Konzil oder – auf universaler Ebene entsprechend seiner Verantwortung – den Bischof von Rom in Gemeinschaft mit dem Episkopat.
Schließlich folgt die Rezeption. Eine Entscheidung muss in das Leben der Kirche eingehen: Sie muss verkündet, erklärt, liturgisch und pastoral aufgenommen und an ihren geistlichen Früchten geprüft werden.
So entsteht keine Konkurrenz zwischen Gottesvolk, Bischöfen und Primat. Jeder trägt innerhalb desselben kirchlichen Vorgangs eine eigene Verantwortung. Synodalität bedeutet nicht Verwischung der Zuständigkeiten, sondern deren communiales Zusammenwirken.
15. Synodalität muss missionarisch überprüfbar bleiben
Synodalität besitzt keinen Selbstzweck. Eine Kirche kann hervorragend organisiert, partizipativ und kommunikativ sein und dennoch ihre eigentliche Sendung verfehlen.
Deshalb muss jede synodale Reform nach ihren geistlichen und missionarischen Früchten beurteilt werden: Führt sie tiefer zu Christus? Stärkt sie den Glauben? Fördert sie Eucharistie und sakramentales Leben? Hilft sie den Gemeinden, das Evangelium glaubwürdiger zu verkünden? Fördert sie Berufungen und Charismen? Dient sie der Einheit? Befähigt sie Christen, ihren Glauben in Familie, Beruf, Kultur und Gesellschaft zu leben?
Diese Fragen sind keine nachträgliche Erfolgskontrolle. Sie gehören zum theologischen Wesen der Kirche. Denn die Kirche existiert nicht, um ihre eigenen Beteiligungsstrukturen zu vervollkommnen. Sie existiert, um das Evangelium zu verkünden, die Sakramente zu feiern, Menschen in die Gemeinschaft mit Gott zu führen und Zeichen des kommenden Reiches Gottes zu sein.
Eine gute synodale Ordnung müsste deshalb dazu beitragen, dass weniger kirchliche Energie auf Strukturen und mehr auf Evangelisierung, geistliches Leben und Mission verwendet werden kann.
16. Was der Westen vom Osten – und der Osten vom Westen lernen könnte
Damit zeichnet sich eine Perspektive ab, in der Ost und West einander nicht als konkurrierende Modelle gegenüberstehen, sondern sich gegenseitig korrigieren und ergänzen können.
Der Westen könnte vom Osten neu lernen, dass die Ortskirche wirkliche Kirche und nicht lediglich Verwaltungseinheit einer universalen Institution ist; dass der Bischof sakramentaler Vorsteher seiner Kirche und nicht Delegierter einer Zentrale ist; dass regionale und patriarchale Synodalität zur normalen Gestalt kirchlichen Lebens gehören; dass Liturgie und Eucharistie der eigentliche Ort sind, von dem her Communio verstanden werden muss; und dass Einheit keine Uniformität voraussetzt.
Der Osten könnte seinerseits neu bedenken, ob die universale Communio der Kirchen ohne einen wirksamen universalen Dienst an der Einheit dauerhaft auskommt. Die Spannungen zwischen autokephalen Kirchen zeigen zumindest, dass regionale Synodalität allein nicht jede gesamtkirchliche Frage lösen kann.
Der Westen müsste daher einen weniger zentralistischen Primat denken; der Osten müsste sich der Frage eines wirksameren universalen Primats stellen. Gerade hier könnten beide Bewegungen einander begegnen – nicht, indem Rom aufhört, Rom zu sein, oder die orthodoxen Patriarchate ihre synodalen Traditionen aufgeben, sondern indem gemeinsam gefragt wird, welche Ausübungsform von Primat und Synodalität der Tradition der ungeteilten Kirche am ehesten entspricht.
Die ökumenische Perspektive bestünde daher nicht darin, dass eine Seite das Modell der anderen übernimmt. Beide wären vielmehr bereit, die eigene geschichtliche Entwicklung im Licht des gemeinsamen Erbes zu prüfen.
17. Eine mögliche gemeinsame Grundformel
Das Ziel wäre nicht eine neue universale Kirchenverfassung, die am Schreibtisch entworfen und anschließend allen Kirchen auferlegt wird. Eine solche Vorstellung widerspräche gerade dem Geist dessen, was erreicht werden soll. Notwendig wäre zunächst ein gemeinsames ekklesiologisches Grundverständnis.
Es könnte lauten: Die Kirche ist eine Communio von Ortskirchen, die denselben apostolischen Glauben bekennen, aus derselben Eucharistie leben, von Bischöfen in apostolischer Sukzession geleitet werden, auf regionaler und universaler Ebene synodal miteinander verbunden sind und einen Dienst des Primats kennen, der die Einheit dieser Communio sichtbar macht und ihr dient.
Eine solche Formel nimmt wesentliche Überzeugungen beider Traditionen auf. Für die katholische Kirche bedeutete sie keine Preisgabe des Petrusamtes; für die orthodoxen Kirchen keine Unterwerfung ihrer Patriarchate und autokephalen Kirchen unter eine römische Zentralverwaltung. Für beide Seiten bedeutete sie jedoch die Bereitschaft, geschichtlich gewachsene Strukturen daran zu prüfen, ob sie tatsächlich der Communio dienen.
Die konkrete kanonische Ausgestaltung müsste behutsam und schrittweise erfolgen. Zweitausendjährige Entwicklungen lassen sich nicht durch ein einziges Organisationsmodell überwinden. Entscheidend wäre zunächst, eine gemeinsame Richtung wiederzugewinnen.
18. Die entscheidende Perspektive: synodale Communio statt Synodalismus
Vielleicht sollte deshalb weniger von einer immer weiter zu „synodalisierenden“ Kirche gesprochen werden. Der Begriff kann den Eindruck erwecken, als müsse die Kirche durch einen fortdauernden Prozess erst zu etwas werden, was sie bisher nicht gewesen sei.
Treffender wäre die Rede von einer synodal lebenden Communio. Denn die Kirche war von ihren Anfängen her zugleich synodal und hierarchisch, charismatisch und institutionell, lokal und universal, episkopal und gemeinschaftlich. Auf keines dieser Elemente kann sie verzichten, ohne ihre Gestalt zu verkürzen. Die gegenwärtige Aufgabe besteht deshalb nicht darin, eines davon zum beherrschenden Prinzip der gesamten Ekklesiologie zu machen, sondern sie neu und ausgewogen einander zuzuordnen:
Synodalität ohne Primat kann fragmentieren.
Primat ohne Synodalität kann zentralisieren.
Teilhabe ohne Ämterdifferenzierung kann nivellieren.
Amt ohne Hören kann sich isolieren.
Tradition ohne lebendige Rezeption kann erstarren.
Erneuerung ohne Tradition verliert ihre Identität.
Die Alternative zu den gegenwärtigen Polarisierungen liegt deshalb weder in restaurativem Zentralismus noch in einer parlamentarisierten Kirche. Sie liegt in einer eucharistischen, apostolischen, synodalen und primatial verbundenen Communio.
In ihr können viele Stimmen gehört werden, ohne dass die Wahrheit zur Abstimmung steht. Autorität kann wirklich entscheiden, ohne sich von der Gemeinschaft zu isolieren. Ortskirchen können Eigenverantwortung besitzen, ohne sich voneinander zu lösen. Der Primat kann stark sein, gerade weil er nicht alles an sich zieht. Und das ganze Gottesvolk kann wirklich teilnehmen, ohne dass die Verschiedenheit der Charismen und sakramentalen Dienste eingeebnet wird.
Damit führt die Frage nach der Synodalität schließlich über sich selbst hinaus. Die Kirche braucht nicht in erster Linie mehr Synodalität. Sie braucht tiefere Kirchlichkeit. Diese beginnt dort, wo Ost und West sich in ihrem ältesten gemeinsamen Erbe wiedererkennen: um den Altar versammelt, unter dem Wort Gottes, verbunden im apostolischen Glauben, verschieden in ihren Diensten und Traditionen und doch gemeinsam auf den einen Herrn hörend.
Dann kann die alte Grundregel ihre ganze Kraft neu entfalten:
Der Eine nicht ohne die Vielen.
Die Vielen nicht ohne den Einen.
Und weder der Eine noch die Vielen ohne Christus.
Darin liegt keine Rückkehr in das erste Jahrtausend. Es ist vielmehr der Versuch, aus der gemeinsamen kirchlichen Erfahrung der ungeteilten Kirche eine Gestalt der Communio zu gewinnen, die auch für das dritte Jahrtausend tragfähig ist.
Leitende Folgerung zu III
Eine aus der gemeinsamen Tradition von Ost und West erneuerte Synodalität ist weder Parlamentarisierung noch permanente Synodalisierung der Kirche. Ihr Grundmodell ist die eucharistische Communio: Ortskirche, regionale Synode, Patriarchat und Universalkirche tragen auf ihrer jeweiligen Ebene wirkliche Verantwortung und bleiben zugleich aufeinander verwiesen. Das Gottesvolk wird gehört, das apostolische Amt trägt seine besondere Verantwortung, und der universale Primat dient real und wirksam der Einheit, ohne die legitime Eigenverantwortung der Kirchen an sich zu ziehen.
Daraus ergibt sich eine ökumenisch tragfähige Grundperspektive: Einheit ohne Zentralismus, Synodalität ohne Parlamentarismus, Primat ohne Isolation und Teilhabe ohne Auflösung der sakramentalen Dienste. Der Westen kann vom Osten die stärkere Eigenverantwortung der Ortskirchen und synodalen Strukturen neu lernen; der Osten kann die Notwendigkeit eines wirksamen universalen Einheitsdienstes neu bedenken. Beides gehört zusammen: Kein Primat ohne Synodalität – keine Synodalität ohne Primat.
Das entscheidende Ziel ist daher nicht mehr Synodalität als Selbstzweck, sondern tiefere Kirchlichkeit: eine synodal und primatial gelebte Communio, deren Mitte Christus, deren Maßstab die apostolische Tradition und deren Frucht die Einheit und missionarische Sendung der Kirche ist. Der Eine nicht ohne die Vielen, die Vielen nicht ohne den Einen – und weder der Eine noch die Vielen ohne Christus.
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Bilbo B. vor 2 Stunden: Ausgezeichnezer Artikel zu einer richtigen Synodalität aus der Tradition!
M. E. haben wir es hier mit einem ausgezeichneten und ausgewogenen Artikel des Archimandriten Dr. Thiermeyer zu einer richtig verstandenen Synodalität - gerade auch aus der Tradition der Gesamtkirche über Räume und Zeiten hinweg - zu tun: Katholische Synodalität und neoprotestantischer Synodalismus sind nun mal nicht dasselbe.
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