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Predigt zum Sonntagsevangelium von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
Liebe Eichstätt (kath.net) Predigt zum 22. Sonntag im Jahreskreis A (Mt 16,21-27)
Liebe Schwestern und Brüder, manchmal liegen im Glauben Bekenntnis und Missverständnis erschreckend nahe beieinander. Noch eben hat Petrus zu Jesus gesagt: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Jesus nennt ihn den Felsen. Und wenig später muss derselbe Petrus hören: „Tritt hinter mich, du Satan!“
Was ist geschehen? Petrus glaubt an Jesus – aber den Weg dieses Messias hat er sich anders vorgestellt: Gottes Macht ohne Ohnmacht, Sieg ohne Hingabe, Ostern – möglichst ohne Karfreitag. Wer könnte ihm das verdenken? Auch wir möchten glauben und zugleich bewahrt bleiben. Wir bitten um Gesundheit, Frieden und Gelingen, um Schutz für die Menschen, die wir lieben. Das dürfen wir. Selbst Jesus betet am Ölberg: „Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber.“
Christlicher Glaube bedeutet nicht, das Leiden zu suchen oder zu lieben. Doch Jesus fügt hinzu: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Hier beginnt Nachfolge. Und hier wächst jene Hoffnung, die tiefer reicht als unsere Angst.
1. „Hinter mich!“ – wieder in die Spur Christi
Das harte Wort Jesu an Petrus birgt etwas Tröstliches. Wörtlich sagt Jesus nicht einfach: „Verschwinde!“ Er sagt: „Hinter mich!“ Petrus wird nicht fortgeschickt. Er soll seinen Platz wiederfinden. Der Platz des Jüngers ist nicht vor Christus, um ihm den Weg vorzuschreiben. Sein Platz ist hinter ihm. Christus geht voraus.
Wie oft möchten auch wir Gott sagen, wie unser Weg aussehen sollte: Herr, dies darf geschehen – aber jenes nicht. Dies kann ich tragen – aber das nicht. Und Christus antwortet: „Hinter mich!“ Bleib in meiner Spur. Vertrau mir. Du musst den ganzen Weg nicht kennen. Es genügt, dass du den kennst, der vor dir geht.
Die Regel des heiligen Benedikt beginnt mit einem einzigen großen geistlichen Wort: „Höre!“ Und gegen Ende verdichtet Benedikt den ganzen Weg des Mönches in den Satz: „Christus sollen sie überhaupt nichts vorziehen.“ Das ist Nachfolge: hören, vertrauen, hinter Christus bleiben. Nicht weil wir wissen, was morgen kommt, sondern weil wir wissen, wer mit uns geht.
2. Sich selbst verleugnen heißt: frei werden
Dann sagt Jesus: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst.“ Das bedeutet keine Selbstverachtung. Es heißt nicht, das eigene Leben geringzuschätzen. Es bedeutet vielmehr: Ich muss nicht der Mittelpunkt meiner Welt bleiben. Ich muss nicht immer recht behalten, nicht jeden Kampf gewinnen, nicht von allen anerkannt werden. Ich muss mein Leben nicht ängstlich festhalten.
Die alten Mönchsväter gingen in die Wüste, weil sie diese innere Freiheit suchten: ein Herz, das nicht von jedem Wunsch und jeder Angst beherrscht wird. Der heilige Antonius der Große bringt es auf eine einfache Mitte: Vom Nächsten kommen uns Leben und Tod. Am Bruder, an der Schwester zeigt sich, ob unser Herz weit oder eng wird.
Selbstverleugnung bedeutet deshalb nicht weniger Leben, sondern mehr Raum für Gott, mehr Raum für den anderen – ein weiteres Herz. Wer sich nicht ständig selbst behaupten muss, wird frei zum Lieben. Und wer liebt, berührt schon jetzt etwas von jenem Leben, das Christus „ewiges Leben“ nennt.
3. „Nimm dein Kreuz auf dich“ – aber suche es nicht
Dann kommt das schwierigste Wort: „Der nehme sein Kreuz auf sich.“ Wir müssen genau hinhören. Jesus sagt nicht: Suche dir ein Kreuz. Er sagt nicht: Erfinde Leiden. Und Krankheit, Ungerechtigkeit oder menschliche Grausamkeit werden durch das Evangelium nicht zu etwas Gutem.
Wir brauchen uns kein Kreuz zu zimmern. Aber es gibt das Kreuz, das eines Tages vor unserer Tür steht: Krankheit, Abschied von einem geliebten Menschen, Enttäuschung, Einsamkeit, das Scheitern eines Planes, das Nachlassen der Kräfte. Und manches Kreuz ist unscheinbar: treu bleiben; einen anderen ertragen; nicht bitter werden; vergeben; neu anfangen; dienen, obwohl niemand dankt; hoffen, obwohl wir noch nichts sehen.
Bernhard von Clairvaux beschreibt den geistlichen Weg als eine Schule der Liebe. Christus führt uns aus der Enge des eigenen Ich in die Weite einer Liebe, die Gott und den Menschen immer selbstloser lieben lernt. Vielleicht liegt darin ein Geheimnis des Kreuzes: Unser verschlossenes Ich wird aufgebrochen, damit unser Herz weiter werden kann. Das Kreuz ist deshalb nicht das Ende unserer Lebensmöglichkeiten. In der Hand Christi kann selbst das Verwundete zum Ort einer tieferen Liebe und Weite werden.
4. Das Kreuz ist nicht das letzte Wort
Hier dürfen wir den entscheidenden Satz des Evangeliums nicht überhören. Jesus sagt nicht nur, dass er leiden und getötet werden wird. Er sagt zugleich: „Am dritten Tag wird er auferweckt werden.“
Petrus hört das Leiden. Ostern hört er noch nicht. Vielleicht geht es uns ähnlich. Wenn Schweres in unser Leben tritt, sehen wir zunächst den Karfreitag: die Wunde, den Verlust, den Stein vor dem Grab. Den Ostermorgen sehen wir noch nicht. Doch gerade von diesem Morgen her lebt unser Glaube.
Christliche Hoffnung heißt nicht: Es wird schon irgendwie gutgehen. Sie reicht tiefer: Was auch geschieht – mein Leben ist in Christus geborgen. Und Christus ist auferstanden. Darum hat kein Karfreitag das letzte Wort. Kein Grab. Keine Träne. Nicht einmal der Tod.
Das letzte Wort Gottes über unser Leben heißt Auferstehung. Wir gehen durch das Dunkel einem Morgen entgegen. Denn der Gekreuzigte, dem wir folgen, ist der Auferstandene. Seine Wunden sind geblieben – aber sie sind verklärt. Sie erzählen vom Sieg einer Liebe, die stärker ist als der Tod.
Das ist unsere österliche Hoffnung: Was heute Wunde ist, darf in Gottes Licht verwandelt werden. Was wir verlieren, ist bei ihm nicht verloren. Wo wir nur ein Ende sehen, kann Gott einen neuen Anfang schenken.
5. „Wer sein Leben verliert, wird es finden“
Von Ostern her verstehen wir auch das große Wort Jesu: „Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ Das ist keine Drohung, sondern Verheißung. Jesus ruft uns nicht auf, das Leben geringzuschätzen. Er zeigt uns, wo es groß wird: wenn es sich verschenkt.
Eine Mutter, ein Vater, Menschen, die einen Kranken begleiten, kennen dieses Geheimnis. Wer treu bleibt, obwohl es schwerfällt; wer vergibt, obwohl es etwas kostet; wer sich verschenkt, ohne nach dem eigenen Gewinn zu fragen, ahnt etwas davon: Was aus Liebe gegeben wird, ist bei Gott niemals verloren.
Das ist die österliche Bewegung des Evangeliums: Aus Hingabe wächst Leben. Aus dem Weizenkorn wächst die Ähre. Durch das Kreuz führt der Weg zur Auferstehung.
Darum fragen wir nicht: Welches große Kreuz könnte ich tragen? Fragen wir: Herr, wo gehst du heute vor mir her? Was darf ich loslassen? Wem kann ich deine Liebe schenken? Wo rufst du mich, auch im Dunkel deiner Auferstehung zu vertrauen?
Und wenn der Weg schwer wird, hören wir Jesu Wort: „Hinter mich!“ Nicht: Geh weg. Sondern: Komm hinter mich. Bleib bei mir. Ich kenne diesen Weg. Ich bin ihn selbst gegangen – durch das Kreuz hindurch zum Leben.
Das ist die Mitte unserer Hoffnung. Christus sieht nicht vom sicheren Ufer zu, wie wir durch dunkles Wasser gehen. Er selbst ist hindurchgegangen. Er geht uns voraus. Vor uns geht der Gekreuzigte – und der Auferstandene. Darum ist Nachfolge anspruchsvoll, aber niemals hoffnungslos. Sie kostet etwas – und schenkt mehr. Sie führt durch das Kreuz – aber ihr Ziel ist nicht das Kreuz. Ihr Ziel ist Ostern. Ihr Ziel ist das Leben.
Darum dürfen wir Christus vertrauend folgen, frei und mit österlicher Freude: Er geht vor uns. Er bleibt bei uns. Er trägt uns, wenn unsere Kraft nicht reicht. Und er führt uns durch Kreuz und Tod hindurch – in sein Licht, in seine Freude, in sein Leben, in seine Auferstehung. Amen.
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