
Aktuelles | Chronik | Deutschland | Österreich | Schweiz | Kommentar | Interview | Weltkirche | Prolife | Familie | Jugend | Spirituelles | Kultur | Buchtipp

vor 2 Stunden in Kommentar, keine Lesermeinung
Artikel versenden | Tippfehler melden
Bischof Gerhard Feige hält wenig von Evangelisierungsstrategien und warnt vor der AfD. In einem Diasporabistum mit kaum drei Prozent Katholiken wirkt der Verzicht auf missionarischen Anspruch widersprüchlich. Der Montagskick von Peter Winneller
Linz (kath.net/rn)
Kurz bevor sich Jesus von seinen Jüngern im Matthäus-Evangelium verabschiedet, sagt er zu ihnen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28,18b ff.) Die Anordnung ist eindeutig. Alle Völker, alles lehren, alles halten. Kein Ausweichen, keine falsche Toleranz und keine Ausnahme.
Szenenwechsel. Magdeburg im Jahr 2026 A. D. Gerhard Feige, Bischof eines winzigen Diasporabistums, darf sich kurz vor seiner Pensionierung noch einmal ganz groß in der Herder-Korrespondenz (HK) äußern. Das Blatt hat eine verbreitete Auflage von 7500 Exemplaren und erreicht mithin einen eher überschaubaren Leserkreis. Das Interview geht über vier Seiten und dreht sich, so die HK in der Einleitung, um die alte und gegenwärtige Kirche, die spezifische Situation in Ostdeutschland „und die AfD“. Gerade letzterer Aspekt wirkt etwas putzig angesichts der Tatsache, dass die katholische Kirche in Sachsen-Anhalt knapp drei Prozent der Bevölkerung ausmacht und selbst eine ökumenische Breitseite gegen die AfD nur lächerliche 13 Prozent Kirchenmitglieder erreichen würde. Untersuchungen zeigen zudem, dass sich Katholiken von ihren Hirten politisch nicht gängeln lassen. Bundesweit wählen 26 Prozent der Katholiken AfD.
In Deutschland darf man sowohl als Bischof als auch als gewöhnlicher Katholik ohne nennenswerte Folgen öffentlich jeden Irrtum in Fragen des Glaubens und der Sitten vertreten. Man sollte sich allerdings tunlichst hüten, sich für eine von den Hirten für verboten erklärte, in Deutschland aber zur Wahl zugelassene Partei auszusprechen oder für diese zu kandidieren. Der kirchliche Job ist schneller weg, als man AfD sagen kann. Das gilt in ökumenischer Verbundenheit. Die katholische Kirche wie auch die Landeskirchen in Deutschland gehen, das muss man zugeben, Arm in Arm den Weg in die absolute Bedeutungslosigkeit.
Die Fragen im HK-Interview stellte Annika Schmitz. Zum Mitgliederrückgang merkte sie an, manche Amtskollegen Feiges reagierten darauf mit dem Aufruf zur Evangelisierung. Sie fragte: „Was halten Sie als Bischof einer Diaspora-Diözese davon?“
Feige antwortete, er sei sehr skeptisch gegenüber Strategien und Methoden, mit denen Menschen bewusst überzeugt werden sollten. Die Religionssoziologen hätten uns ernüchtert. Gesellschaftliche Entwicklungen wie Säkularisierung, Pluralisierung und Individualisierung schritten voran. Methoden zur Evangelisierung schienen ihm „kaum die richtige Antwort auf diese komplizierten Phänomene zu sein“. Damit erteilte der Bischof von Magdeburg Mt 28,18 ff. eine klare Absage. Das fiel auch Schmitz auf: „In den Evangelien steht der Auftrag, die Frohe Botschaft in die Welt zu tragen.“
Darauf erwiderte Feige, es gehe nicht darum, Menschen das Evangelium überzustülpen (sic!). Die heutige Zeit, so der scheidende Magdeburger Oberhirte, fordere uns heraus, möglichst authentisch und diakonisch Kirche zu sein. Damit stellt der Bischof kirchliche Verkündigung und kirchliches Handeln auf den Kopf. Christen sind caritativ um Christi willen. Es ist die Gottesliebe, aus der die Nächstenliebe hervorgeht, weil sie dem Christen den Nächsten als Abbild Gottes vor Augen stellt. Ein Nichtchrist kann dies in den allermeisten Fällen so gar nicht erkennen.
Feige stellt dem wichtigen karitativ-sozialen Dienst eine kulturelle Diakonie zur Seite. Diese sei gefragt, wenn Menschen Formen bräuchten, bei großen Katastrophen ebenso wie im alltäglichen Leben und überall dort, wo sie auf der Suche seien. Als Beispiel verweist Feige auf das Angebot zur Feier der Lebenswende. An diesem umstrittenen kirchlichen Angebot nehmen im Bistum Magdeburg in manchen Jahren rund 1.000 Jugendliche teil. Das Absurde daran ist, dass die Jugendlichen mit der Kirche in Kontakt kommen, ohne auch nur die geringste Kenntnis von deren innerem Kern zu erhalten. Sie erleben eine Kirche, die ihnen eine Initiationsfeier anbietet, die ebenso voraussetzungs- wie folgenlos ist.
Was bleibt, ist der schale Nachgeschmack, dass hier ein Bischof das Hohe Lied der Säkularisierung singt und deren Unwiderruflichkeit unausgesprochen voraussetzt. Dabei ist, schaut man nach Frankreich oder Skandinavien, die Talsohle der Säkularität inzwischen so weit erreicht, dass man den Wendepunkt erkennen oder zumindest erahnen kann.
Keine Frage, die Kirche in ihrer gegenwärtigen Gestalt in Deutschland ist dem Untergang geweiht. Das heißt nicht, dass die Kirche untergehen wird. Ihr ist in Petrus, dem Fels, auf dem die Kirche gebaut ist, Bestand verheißen. Feiges großer Irrtum besteht darin, zu glauben, sein Bistum sei kein Missionsgebiet. Ein katholischer Bischof in einer Region mit drei Prozent Katholiken sollte nicht von Diakonie faseln und die große Politik im Blick haben. Er sollte kleine Brötchen backen und Missionsklöster und -stationen gründen.
Die große Politik macht dem kleinen Bistum allerdings schwer zu schaffen. Sollte die AfD in der kommenden Woche die Wahl in Sachsen-Anhalt so gewinnen, dass sie die Regierung stellen kann, drohen dem katholischen Bistum und der Landeskirche massive finanzielle Einschnitte. Ob diese rechtlich haltbar sein werden, darüber gibt es reichlich Literatur und Diskussionen. Fakt ist, dass man nicht einen Fehdehandschuh nach dem anderen werfen und gegen eine Partei ätzen und giften kann, ohne Konsequenzen auszulösen.
Positiv anzumerken ist, dass langsam wieder etwas Gelassenheit einsetzt. Auf die Frage, ob es Pläne gebe, wie das Bistum nach der Landtagswahl mit den Konsequenzen einer möglichen AfD-Regierung umgehen wolle, bringt Feige zunächst seine Hoffnung auf eine sozialistische Allparteienregierung zum Ausdruck. Danach wird es realistischer. Man werde sehen müssen, welche ihrer Ideen die AfD überhaupt umsetzen könne und welche Bereiche betroffen sein würden. Er wolle nicht, dass wir wie das Kaninchen auf die Schlange starren. Man könne sich nicht vorbereiten. „Wir werden damit umgehen, wenn es so weit kommen sollte.“ Da klingt etwas Realismus mit, der in den vergangenen Monaten abhandengekommen zu sein schien.
Das Interview umfasst weitere Punkte, die hier keine Berücksichtigung finden können. Es geht um die Alte Kirche, um Feiges Dissertation über einen Häretiker, um den Zustand der Theologie an deutschen Fakultäten und einiges mehr, was in einer Gesamtschau den Rahmen sprengen würde.
Dass ein katholischer Bischof die Heilsnotwendigkeit der Kirche bestreitet, ist inzwischen der gruselige Normalfall. Die katholische Kirche hat den Satz „Kein Heil außerhalb der Kirche“ nie aufgegeben. Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Lehre nicht verworfen, sondern für unsere Zeit sprachlich präzisiert. Die Kirche ist heilsnotwendig, weil Christus, der einzige Mittler des Heils, in seinem Leib, der Kirche, gegenwärtig ist. Wer erkennt, dass die katholische Kirche von Gott durch Christus als notwendig gegründet wurde, sich dieser erkannten Wahrheit aber verweigert, kann nach katholischer Lehre nicht gerettet werden.
Zugleich bedeutet dieser Satz nicht, dass jeder Mensch außerhalb der sichtbaren katholischen Kirche verloren wäre. Menschen, die Christus und seine Kirche ohne eigene Schuld nicht kennen, können durch Gottes Gnade gerettet werden, wenn sie Gott aufrichtig suchen und nach ihrem Gewissen handeln. Gerade deshalb verträgt diese Lehre keine grobe Vereinfachung. Sie hält zwei Wahrheiten zusammen: die reale Heilsnotwendigkeit der Kirche und die Freiheit Gottes, Menschen auf Wegen zum Heil zu führen, die er allein kennt.
Das Interview mit dem scheidenden Bischof von Magdeburg zeigt deutlich die Wurzeln der deutschen Kirchenkrise, die sich auch in einer Krise des Episkopats manifestiert. Die Mutlosigkeit, den Menschen das Evangelium erst gar nicht zumuten zu wollen, ist eines der Probleme. Die Caritas, die eine recht ordentliche Gelddruckmaschine ist, über die Verkündigung zu stellen, ist eine nachvollziehbare Versuchung, aber am Ende ein destruktiver Irrweg.
Sich parteipolitisch dermaßen weit aus dem Fenster zu hängen, macht aus dem unangreifbaren Bischof Gerhard den streitbaren Bürger Feige. Das ist unnötig und nimmt dem Hirten die nötige Autorität und Ernsthaftigkeit. Es gibt gute Gründe, gegen Inhalte der AfD zu streiten. Es gibt mindestens ebenso viele Gründe, gegen Inhalte der Grünen, der Linken, der Sozialdemokraten und ehrlicherweise auch der CDU zu streiten. Die Fokussierung auf eine Partei als Endgegner beraubt einen Bischof seiner Möglichkeit, alle unrechten Positionen zu brandmarken.
Ein Katholik, der wählen muss, steht heute vor dem Dilemma, dass es keine einzige maßgebliche politische Kraft in Deutschland gibt, für die man sich über jeden Zweifel erhaben und ohne Gewissensnot entscheiden könnte. Bei knapp drei Prozent Bevölkerungsanteil wirkt das Aufplustern des Episkopalgefieders ohnehin eher lächerlich. Eine gute sachliche Argumentation könnte hingegen auch Nichtchristen beeindrucken. Ein Bischof sollte die Lehre der Kirche, in politischen Fragen die kirchliche Sozialethik, umfassend und nachvollziehbar darlegen und die Entscheidung in der Wahlkabine dem mündigen Katholiken überlassen.
Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal!
Um selbst Kommentare verfassen zu können nützen sie bitte die Desktop-Version.

© 2026 kath.net | Impressum | Datenschutz