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Von der Freiheit der Vergebung: Von Archimandrit Andreas-Abraham Thiermeyer.
Linz (kath.net)
24. Sonntag im Jahreskreis A (Mt 18,21–35)
Liebe Schwestern und Brüder, es gibt Rechnungen, die in keinem Buch stehen und die wir doch jahrelang mit uns herumtragen: was jemand zu uns gesagt, uns angetan oder schuldig geblieben ist; eine Enttäuschung, eine Kränkung, ein Vertrauensbruch. Unsere Sprache verrät uns: „Mit dem habe ich noch eine Rechnung offen.“ Manchmal führen wir eine geheime Buchhaltung des Herzens. Wir wissen genau, wer uns Anerkennung, Dankbarkeit, Treue, Liebe oder eine Entschuldigung schuldig geblieben ist. Manche Wunde scheint verheilt und schmerzt doch wieder, sobald ein Name fällt. Genau dort, bei unseren offenen Rechnungen und verwundeten Herzen, beginnt das Evangelium.
1. „Wie oft muss ich vergeben?“
Petrus fragt Jesus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben? Bis zu siebenmal?“ Eigentlich ist Petrus großzügig. Doch dahinter steht die menschliche Frage: Wann ist es genug? Wann darf ich sagen: Jetzt reicht es?
Jesus antwortet: „Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“ Das heißt nicht: Führe eine Strichliste bis 490. Jesus sagt: Lass das Zählen sein. Denn solange ich zähle, rechne ich; und solange ich rechne, bleibt der andere mein Schuldner – und ich an ihn und das Geschehene gebunden.
Jesus möchte uns aus dieser Buchhaltung des Herzens herausführen. Nicht weil Schuld gleichgültig wäre, sondern weil Vergangenes nicht für immer Macht über unsere Gegenwart haben soll. Vergebung ist deshalb nicht zuerst Forderung, sondern Verheißung von Freiheit: Du musst nicht dein Leben lang tragen, was ein anderer dir aufgeladen hat.
2. Gott rechnet anders
Darum erzählt Jesus von einem Menschen, der seinem König zehntausend Talente schuldet – eine unvorstellbare Summe, die er niemals zurückzahlen kann. Trotzdem verspricht er: „Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.“ Doch dann geschieht das Unerwartete: „Der Herr hatte Mitleid mit ihm.“ Kein Zahlungsaufschub, keine Ratenzahlung. Er erlässt ihm die ganze Schuld.
Das ist die Mitte des Evangeliums. Bevor Jesus davon spricht, wie viel wir vergeben sollen, erzählt er davon, wie maßlos Gott vergibt. Wir meinen oft, zuerst unsere Bilanz ordnen, besser werden und unsere Vergangenheit reparieren zu müssen. Gewiss sollen wir wiedergutmachen, was wir können. Aber unsere tiefste Schuld können wir vor Gott nicht bezahlen – und müssen es auch nicht.
Wir leben aus Gnade.
Wir dürfen vor Gott Menschen mit Fehlern und Brüchen sein, die manches versäumt haben und manches nicht mehr zurückholen können. Wir müssen nicht erst beweisen, dass wir liebenswert sind. Gott sagt: Ich kenne dich – und halte dich dennoch fest.
Paulus bringt es auf den Punkt: „Ob wir leben oder ob wir sterben: Wir gehören dem Herrn.“ Das ist unser Trost. Wir gehören ihm – auch mit dem Unfertigen, Misslungenen und Schuldhaften unseres Lebens. Nicht unser Versagen und nicht einmal unser eigenes Urteil haben das letzte Wort. Wir gehören ihm. Deshalb dürfen wir neu anfangen.
3. „Dann brauchen wir Gott nicht mehr“ – eine Weisheit der Mönchsväter
Von Abba Sisoes, einem Vater der ägyptischen Wüste, wird erzählt: Ein Bruder kam zu ihm, dem schweres Unrecht widerfahren war. Voller Zorn sagte er: „Mein Bruder hat mir Unrecht getan. Ich will mich an ihm rächen.“ Sisoes antwortete: „Mein Sohn, tu es nicht. Überlass die Vergeltung Gott.“ Doch der Bruder blieb hart: „Ich werde keine Ruhe finden, bis ich mich gerächt habe.“
Da sagte Sisoes: „Dann lass uns beten.“ Beide standen auf, und Sisoes begann sinngemäß: „Gott, wir brauchen dich nicht mehr, damit du für uns sorgst – denn wir verschaffen uns selbst Recht.“ Da erschrak der Bruder: „Ich werde mich nicht an meinem Bruder rächen.“
Sisoes sagt nicht: Das Unrecht war keines. Er sagt auch nicht: Du darfst nicht verletzt sein. Er stellt die tiefere Frage: Wem überlässt du das letzte Urteil? Darin liegt große Entlastung. Ich muss nicht Richter über den anderen bleiben.
Ich darf sagen: Herr, du weißt, was geschehen ist. Du kennst meine Wunde, den anderen und auch mein Herz. Ich gebe das letzte Urteil aus meiner Hand und lege es in deine.
Das ist keine Kapitulation vor dem Unrecht, sondern Vertrauen: Herr, ich überlasse dir, was ich selbst nicht heilen kann.
4. Vergebung ist nicht Vergessen
Es gibt tiefe Verletzungen, zerbrochenes Vertrauen und Unrecht, das klar benannt werden muss. Manchmal sind Grenzen notwendig. Jesus verlangt nicht, Böses gut zu nennen.
Vergebung ist nicht Vergessen. Sie bedeutet auch nicht automatisch Versöhnung. Zur Versöhnung gehören zwei; den Weg der Vergebung kann einer allein beginnen. Zerstörtes Vertrauen muss nicht sofort wiederhergestellt sein. Manche Wunden brauchen lange, manche Narben bleiben. Aber eine Narbe kann aufhören zu bluten.
Vielleicht ist der erste Schritt nur das ehrliche Gebet: „Herr, ich kann diesem Menschen heute noch nicht vergeben. Aber ich möchte nicht für immer an meinen Groll gebunden bleiben. Hilf mir.“
Auch dieses Gebet hört Gott. Vielleicht ist schon der Wunsch, vergeben zu können, der Anfang. Vergebung kann ein langer Weg sein. Doch Gott geht ihn mit uns.
Denn Groll bindet uns gerade an den Menschen, von dem wir frei werden möchten. Der andere lebt vielleicht längst weiter, während ich innerlich noch immer den Prozess gegen ihn führe. Irgendwann entdecke ich: Der Gefangene bin auch ich.
Vergeben heißt deshalb: Ich verweigere dem Bösen das Recht, mein weiteres Leben zu bestimmen. Meine Wunde darf Teil meiner Geschichte bleiben – aber sie muss nicht die Mitte meines Lebens sein.
5. „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“
Darum nimmt der heilige Benedikt das Vaterunser so ernst. Er bestimmt, dass es am Ende von Laudes und Vesper vollständig gesprochen wird – wegen der „Dornen der Zwietracht“, die im gemeinschaftlichen Leben entstehen.
Denn auch im Kloster leben keine Engel, sondern Menschen mit ihren Schwächen und Verletzungen. Deshalb beten sie morgens und abends: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Benedikt erwartet nicht, dass am Abend alle Konflikte gelöst sind. Aber niemand soll mit seinem Groll allein in die Nacht gehen. Er darf ihn vor Gott tragen. Und am Morgen beginnt das Leben neu unter seiner Barmherzigkeit.
Eine christliche Gemeinschaft braucht keine Menschen, die niemals schuldig werden, sondern Menschen, die immer wieder neu anfangen können. Das gilt für Kloster und Ehe, Familie, Pfarrgemeinde und Kirche.
Das ist christliche Hoffnung: Bei Gott ist immer noch ein Anfang möglich.
6. Vielleicht trage ich selbst noch eine Rechnung
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht tragen auch wir heute eine solche Rechnung mit uns herum. Vielleicht steht darauf ein Name oder ein Ereignis. Vielleicht steht darauf aber auch unser eigener Name.
Denn manchmal können wir anderen leichter vergeben als uns selbst. Wir tragen alte Fehler, bereute Entscheidungen und Versäumtes mit uns herum: Hätte ich doch anders gehandelt. Vielleicht denken wir sogar: Gott mag mir vergeben haben – aber ich kann mir selbst nicht vergeben.
Dann gilt das Evangelium gerade auch uns. Wenn Gott die Schuld erlässt, dürfen wir sie nicht heimlich wieder auf unser Konto schreiben. Wir dürfen Gottes Urteil über uns ernster nehmen als unser eigenes. Sein Wort an den Menschen, der zu ihm zurückkehrt, lautet nicht: Für dich ist alles vorbei. Es lautet: Komm. Fang neu an. - Gottes Barmherzigkeit ist größer als unser Herz.
Darum hören wir Christus heute sagen: Lass das Zählen sein. Hör auf nachzurechnen, was der andere dir schuldet – aber auch, was du selbst Gott und den Menschen schuldig geblieben bist. Du musst deine Vergangenheit nicht schönreden und deine Wunden nicht verleugnen. Du musst heute noch nicht können, wozu dein Herz Zeit braucht. Aber du musst nicht für immer Gefangener deiner Vergangenheit bleiben.
Vielleicht können wir heute nur beten: Herr, du kennst meine offene Rechnung, meine Verletzung und meine eigene Schuld. Ich kann noch nicht alles loslassen, aber ich möchte es lernen. Nimm das letzte Urteil aus meinen Händen. Bewahre mich vor Hass. Heile, was verwundet ist. Vergib, was schuldig geworden ist. Und mach mein Herz wieder frei.
Vielleicht beginnt Vergebung so: nicht mit einem großen Gefühl, sondern mit einer kleinen geöffneten Tür. Durch sie kann Gott eintreten. Dann kann aus Groll Freiheit werden, aus einer alten Rechnung ein Gebet, aus schmerzhafter Erinnerung vielleicht noch nicht Vergessen – aber Frieden.
Denn wir leben nicht von unseren Abrechnungen. Wir leben von seiner Barmherzigkeit.
Und über unserem Leben steht der tröstliche Satz des Apostels: „Ob wir leben oder ob wir sterben: Wir gehören dem Herrn.“
Wir gehören ihm – mit unserer Schuld und unseren Wunden, unseren offenen Rechnungen und unserem noch unvollkommenen Vergeben. Deshalb dürfen wir alles, was wir nicht lösen können, in seine Hände legen: den Menschen, der uns verletzt hat, unsere eigene Schuld, unsere Vergangenheit, unsere Wunden – und uns selbst.
Denn seine Hände rechnen nicht ab. Sie tragen.
Sie vergeben, was wir nicht ungeschehen machen können.
Sie heilen, was wir selbst nicht heilen können.
Und wo wir keinen Weg mehr sehen, öffnen sie einen neuen Anfang. Amen.
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