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„Einen starken Charakter, eine glückliche Ehe oder einen tiefen Glauben kann man nicht ohne Selbstverleugnung aufbauen.“ Predigt bei der 14. Wallfahrt der Männer mit ihren Familien in Międzyrzecz/Polen. Von Gerhard Kardinal Müller
Międzyrzecz-Rom (kath.net/pl) kath.net dokumentiert die Predigt von Gerhard Kardinal Müller bei der Männerwallfahrt in Międzyrzecz (Bistum Zielona Góra-Gorzów [Grünberg-Landsberg]) am 12.09.2026 in voller Länge in kath.net-Übersetzung:
Hochwürdigster Bischof Tadeusz [Lityński], liebe Mitbrüder im Priesteramt, liebe Männer, liebe Pilger, geliebte Brüder und Schwestern in Christus, dem Herrn,
Wir stehen heute an der Schwelle des Heiligtums von Międzyrzecz, einem Ort, der durch das Blut der ersten Märtyrer Polens geheiligt ist. Wir sind nicht als Touristen hierhergekommen, sondern als Gläubige, die von den Heiligen Benedikt, Johannes, Matthäus, Isaak und Christian lernen wollen, was wahre Treue, Mut und Verantwortung eines Mannes bedeuten.
Die Welt versucht heute, Männlichkeit neu zu definieren. Oft wird uns eingeredet, Stärke bedeute Herrschaft und Erfolg sei allein eine Frage des Kontostands. Unsere Märtyrer zeigen uns ein ganz anderes Vorbild. Ihre Männlichkeit zeigte sich in der Bereitschaft, das Heilige bis zuletzt zu verteidigen. Sie flohen nicht, als die Gefahr nahte. Sie standen Schulter an Schulter und brachten Frieden und Glauben zu einem Volk, das Christus gerade erst kennenlernte. Im Kontext des Martyriums der fünf polnischen Brüder sprach Johannes Paul II. während seiner Pilgerreise nach Gorzów die Frage der Würde des Gewissens an:
„Ist die Würde des Gewissens nicht wichtiger als jegliche äußeren Vorteile? Die polnischen Märtyrerbrüder, derer wir heute gedenken – der heilige Adalbert, der heilige Stanislaus, der heilige Andreas Bobola, der heilige Maximilian Maria Kolbe sowie die Märtyrer aller Zeiten –, sie alle zeugen vom Vorrang des Gewissens und seiner unzerstörbaren Würde, vom Vorrang des Geistes vor dem Leib, vom Vorrang der Ewigkeit vor der Zeitlichkeit. Was hier zu Beginn des christlichen Jahrtausends zur Zeit Bolesławs des Tapferen geschah, fand im Laufe der Geschichte vielfach Widerhall – auch in der Geschichte unseres Jahrhunderts. Wie viele Menschen gab es in diesem Jahrhundert – Männer und Frauen –, die Christus heldenhaft vor den Menschen bekannten. Wir glauben, dass der Tod, den sie aus Treue zum Gewissen und aus Treue zu Christus erlitten haben, in den Herzen der Gläubigen Antwort finden wird und dass ihr Zeugnis die Schwachen und Kleinmütigen stärken wird.“
Wie aktuell sind die Worte des heiligen Johannes Paul II. auch heute noch, da wir in diesem Jahr den 1060. Jahrestag der Taufe Polens begehen. Vor mehr als tausend Jahren traf Fürst Mieszko I. eine mutige, strategische Entscheidung. Er ging ein Wagnis ein, legte die alten Götzen ab und führte das polnische Volk in die christliche Welt. Die Taufe war für ihn kein flüchtiger Impuls, sondern das Fundament, auf dem er den Staat aufbaute. Die fünf Märtyrerbrüder, zu denen wir heute pilgern, kamen nur kurze Zeit später in dieses Land, um diese Entscheidung Mieszkos mit ihrem eigenen Blut zu besiegeln. Sie haben gezeigt, dass Glaube nicht nur aus schönen Worten besteht, sondern aus der Bereitschaft, das Leben für Christus hinzugeben.
Zweitens gedenken wir heute genau des 600. Jahrestages des Besuchs von König Władysław Jagiełło in Międzyrzecz; er traf im Juli des Jahres 1426 auf der dortigen Burg ein. Denkt darüber nach, Brüder. Der große König, der Sieger von Grunwald, regierte das Land nicht vom sicheren, fernen Wawel aus. Er bereiste persönlich die Grenzfestungen. Er kam hierher, an die westlichen Grenzen des Königreichs, um den Zustand der Mauern zu prüfen, die Verteidigung zu stärken und den hiesigen Handwerkern und Rittern in die Augen zu blicken. Die Bewohner dieser Gebiete leisteten ihm damals den Treueeid – eine feierliche Huldigung. Der König zeigte, worin männliche Führung besteht: in der Präsenz dort, wo sich das Schicksal und die Sicherheit des ihm anvertrauten Volkes entscheiden.
Wenn wir diese drei Fäden miteinander verknüpfen – die Entscheidung Mieszkos, das Blut der Märtyrer und die Verantwortung König Jagiełłas –, so ergibt sich daraus ein einziges, kraftvolles Bild wahrer Männlichkeit. Ein wahrer Mann ist derjenige, der auf einem festen Fundament baut, für höhere Werte zu leiden vermag und persönlich über die Grenzen seines Reiches wacht.
Das Charisma der Heiligkeit der Märtyrer von Międzyrzecz hat seinen Ursprung in der Regel des heiligen Romuald, genauer gesagt in der monastischen Reform der Regel des heiligen Benedikt. Romuald versucht, zwei bis dahin unterschiedliche Weisen der Verwirklichung der monastischen Berufung miteinander zu verbinden: das Eremitenleben und das Gemeinschaftsleben. Im zehnten und elften Jahrhundert war das Eremitenleben weit verbreitet, doch gab es viele Einsiedler, die weder an einen Gehorsam noch an eine Ordensregel gebunden waren. Romuald ermutigte gerade diese Eremiten, sich zu kleinen brüderlichen Gemeinschaften zusammenzuschließen, und gab ihnen eine Regel. Die Regel des heiligen Romuald ist unter dem Begriff *triplex bonum* bekannt – das dreifache Gut oder der dreifache Nutzen. Sie diente den „Fünf Brüdern“ als Inspiration auf ihrem Weg zur Heiligkeit.
Der Ausdruck *triplex bonum* (oder *tripla commoda*) wurde erstmals von dem heiligen Bruno von Querfurt verwendet, als er in der *Vita der fünf Brüder* das Ordensleben der Mönche beschrieb. Dieser Begriff bezeichnet auf symbolische Weise die drei Dimensionen des Lebens nach der Regel Romualds: Gemeinschaft, Einsamkeit und das *evangelium paganorum* (das Evangelium für die Heiden). Man findet ihn im zweiten Kapitel der *Vita der fünf Brüder*; dort stellt Bruno dem jungen Kaiser Otto III. den Plan vor, einige der eifrigsten Schüler des heiligen Romuald als Missionare nach Polen zu entsenden, damit sie dort ein Kloster errichten – an einem Ort, „wo ein schöner Wald sich als Einsiedelei eignen würde, auf christlichem Boden, aber in der Nähe der Heiden“. Im Werk des heiligen Bruno lesen wir:
„Daraus sollten den Suchenden des Weges des Herrn dreifache Vorteile erwachsen: Für die aus der Welt kommenden Novizen sollte dort das ersehnte Kloster bereitstehen; für die Reifen, die nach dem lebendigen Gott dürsteten, eine vollkommene Einsiedelei; und jene, die sich von diesem Leben lösen und bei Christus sein wollten, sollten die Gelegenheit erhalten, den Heiden das Evangelium zu verkünden sowie den katholischen Glauben zu verbreiten und zu verteidigen.“
Die heiligen Märtyrer von Międzyrzecz waren keine Helden aus Legenden. Sie waren Menschen aus Fleisch und Blut, die bereit waren, alles hinter sich zu lassen, um etwas Bleibendes zu schaffen. Sie wurden in der Nacht, in der Stille ihres Klosters, ermordet. Doch ihr Blut wurde zum Fundament, auf dem das christliche Polen erwuchs. Dies ist eine Lehre für uns: Der wahre Sieg eines Mannes entsteht oft in der Stille, in der täglichen, beharrlichen Übernahme von Verantwortung für jene, die Gott unserer Obhut anvertraut hat.
Ein Mann braucht einen Weg, und die Pilgerreise ist ein ideales Sinnbild unseres Lebens. Indem wir diesen Weg gehen, lassen wir die Bequemlichkeit hinter uns. Müdigkeit, Schweiß und Schmerz erinnern uns daran, dass das Gute Anstrengung erfordert. Einen starken Charakter, eine glückliche Ehe oder einen tiefen Glauben kann man nicht ohne Selbstverleugnung aufbauen.
Mögen diese heiligen Patrone uns heute die Gnade eines männlichen Herzens erflehen – eines Herzens, das Mühen nicht scheut, das zu einer fordernden und opferbereiten Liebe fähig ist und das in Zeiten der Prüfung sagen kann: „Ich bin da, ich wache, ich werde nicht versagen.“
Brüder, wir werden gestärkt von hier zurückkehren. Möge das Zeugnis der fünf Märtyrerbrüder in unseren Häusern, an unseren Arbeitsplätzen und in unseren Pfarreien weiterleuchten. Seid tapfer, seid treu, seid Zeugen Christi!
Heilige Märtyrer von Międzyrzecz – bittet für uns! Amen.
Foto: Kardinal Müller bei dieser Wallfahrt (c) Krzysztof Król /Foto Gość
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