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Europas Zukunft im Licht des Evangeliums

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Leo XIV.: Abschluss in Metz. Recht, Gerechtigkeit und Frieden als Weg von der persönlichen zur gemeinschaftlichen Bekehrung. Die geistigen Grundlagen Europas und die Aufgabe der Versöhnung. Von Armin Schwibach


Metz (kath.net/as) Abschluss der Reise nach Frankreich. In seiner Predigt bei der Heiligen Messe im Metzer Dom Sankt Stephan stellte Papst Leo XIV. die Eucharistiefeier in den Zusammenhang mit dem Weg der diözesanen Gemeinschaft von Metz und mit der Geschichte Europas. An einem Ort, der an der Mosel über Jahrhunderte hinweg ein Kreuzungspunkt der Völker gewesen war und zugleich eine schmerzvolle Grenze Europas dargestellt hatte, sah er die Verheißung Gottes in besonderer Weise gegenwärtig. Die biblischen Bilder aus der ersten Lesung – Wüste, Garten und Haus – dienten ihm dabei als Leitbilder für Recht, Gerechtigkeit und Frieden.

Ausgehend von Jesaja erklärte Leo XIV., in der Wüste, dem „Ort des Wesentlichen und der Stille“, halte das Recht Einzug. Gemeint sei das Gesetz, „das dem Menschen hilft, auf dem Weg des Guten zu wandeln“. Dieses Bild erinnere an die Bedeutung des Wesentlichen und der Einfachheit, die dazu befähigten, den Dingen den richtigen Wert beizumessen und zugleich „zu Entsagung und Opferbereitschaft“ anzuleiten.

Demgegenüber beschrieb der Papst den Garten als den Ort der Schönheit. Wenn die Wüste der Ort des Wesentlichen sei, dann sei der Garten der Ort, an dem Wasser fließe, Samen aufbrächen, Triebe sprössen und Blumen ihre jeweils eigene Schönheit entfalteten. Darin sah Leo XIV. ein Bild für die Wirkung eines gerechten Lebens, das dem Menschen ermögliche, „sich voll und ganz zu entfalten“, indem er frei den Plänen Gottes folge.

Das dritte Bild war für ihn das Haus als „Ort des Friedens“. Während in der Wüste und im Garten das Wirken Gottes vorherrsche, das Keimen und Wachsen bewirke, verlange der Bau eines Hauses einen unmittelbaren Beitrag des Menschen: Kräfte und Fähigkeiten müssten eingesetzt und gemeinsam müsse gearbeitet werden. Der Friede sei zwar ein Geschenk Gottes, erfordere aber eine Antwort des Menschen „in gemeinsamer Anstrengung“. Das Haus sei zudem mehr als ein Bauwerk aus Steinen. Es sei ein Ort menschlicher Gegenwart und Liebe. In einer von Begrenztheit geprägten Welt könne Eintracht nur in einer Liebe aufgebaut werden, die Freuden und Leiden teile, ermutige und vergebe, „ohne Berechnung und ohne Grenzen, wie in einer Familie“.

Von diesen drei Bildern führte Leo XIV. zum Evangelium von der Feindesliebe. Jesus zeige, wie die Wüste in eine Oase verwandelt, Gärten angelegt und Häuser gebaut werden könnten. Der Weg führe über Vergebung, Barmherzigkeit und Großmut. Der Papst zitierte die Worte der Bergpredigt: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin! Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel! Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm!“. Diese Worte könnten manchen als Schwäche oder als Kapitulation vor dem Bösen erscheinen, doch Leo XIV. stellte dieser Deutung Fragen nach den Folgen von Rache, Vergeltung und Ablehnung entgegen. Es sei zu fragen, was solche Haltungen „in der Welt und in uns selbst“ bewirkten und welche Zukunft für die Menschheit aus Beziehungen und Systemen hervorgehen könne, die von der daraus entstehenden „gnadenlosen Logik“ bestimmt würden.


Gerade Metz und das Département Mosel verband der Papst mit der Erfahrung von Bruderkriegen und Versöhnung. Die Menschen dieses Landes wüssten, dass es nicht wahr sei, „dass derjenige, der Rache übt, stärker ist als derjenige, der vergibt“. Ebenso sei es nicht wahr, „dass derjenige, der nicht nachgibt, stärker ist als derjenige, der Versöhnung sucht“. Und ebenso wenig sei derjenige stärker, „der mit einem Knall die Tür hinter sich zuschlägt“, als jener, der sich der Anstrengung stelle, gemeinsam voranzugehen. Metz und das Département Mosel bezeugten der Welt, dass Versöhnung nur möglich sei, wenn der Mut vorhanden sei, „die Kette des Grolls zu durchbrechen“. Dies erfordere Stärke und Ausgeglichenheit, damit der Mensch sich nicht vom Bösen überwältigen lasse, gerade wenn er tiefe Wunden erlitten habe. Angesichts von Ungerechtigkeit bestehe der Weg zur Erlösung des Menschen in der Liebe, die sich des anderen annehme und Vertrauen zu schenken versuche, „ganz gleich unter welchen Umständen und selbst angesichts schwer akzeptierbarer Haltungen“. Damit verband Leo XIV. die drei Begriffe des Jesaja – Gesetz, Gerechtigkeit und Frieden – mit einem Weg der Bekehrung. Dieser beginne beim Einzelnen und werde zunehmend zu einem gemeinschaftlichen Weg. Ziel sei eine Zivilisation, „die den Menschen und seinen Schöpfer achtet“.

An dieser Stelle griff der Papst auf den heiligen Augustinus zurück, dessen Denken für seine Predigt einen weiteren Bezugspunkt bildete. Augustinus habe den Frieden der himmlischen Stadt als eine harmonische Gemeinschaft verstanden, in der die Menschen sich an Gott und in ihm auch aneinander erfreuten. Zugleich habe er vom Frieden unter den Menschen als Frucht einer tranquillitas ordinis gesprochen, in der jeder im anderen „eine einzigartige und heilige Würde und Rolle anerkennt und achtet“.

Von Metz aus richtete Leo XIV. den Blick anschließend auf die Entstehung Europas. Es sei an diesem Ort daran zu erinnern, dass auf diesen Werten im Lauf der Jahrhunderte Europa mit seinem geistigen und moralischen Erbe aufgebaut worden sei, „noch vor seinem wirtschaftlichen und politischen Erbe“. Johannes Paul II. habe dies bei der Europa-Feier in Santiago de Compostela am 9. November 1982 in Erinnerung gerufen. Die Wurzeln Europas lägen im Leben und Wirken von Männern und Frauen, die die Lehren des Evangeliums gelebt, verkündet und weitergegeben hätten. Als Zeugnis dafür nannte Leo XIV. den geistigen, kulturellen, landwirtschaftlichen und handwerklichen Beitrag des Mönchtums zur Geschichte des Kontinents. Hinzu kam für ihn das Wirken von Heiligen wie Chrodegang, den er als „den unermüdlichen Hirten dieser Gemeinschaft“ bezeichnete. Gerade hier in Metz habe Chrodegang mit der Regel der Kanoniker der kirchlichen Gemeinschaft eine sichtbare Gestalt verliehen. Aus dieser Überlieferung seien nach den Worten des Papstes moralische Grundsätze hervorgegangen, die die Welt, in der die Menschen lebten, geprägt hätten. Dazu zählten „der Vorrang der Person und die Heiligkeit und Unantastbarkeit des menschlichen Lebens in all seinen Phasen und unter allen Umständen“, der Schutz der Freiheit des Einzelnen, „die vorrangige Bedeutung der Familie als Fundament der Gesellschaft“, die Sorge für Arme und Bedürftige, die Aufnahme des Fremden sowie die Achtung vor älteren Menschen.

Die Ortskirche von Metz trage aufgrund ihres besonderen Status das Erbe eines Dialogs zwischen Zivilgesellschaft und Glauben. Sie habe deshalb die Verantwortung, „ein lebendiges Laboratorium dieser Treue“ zu sein. Die Treue zu diesen Grundpfeilern sei auch für die vorausgegangenen Generationen nicht leicht gewesen. Dennoch hätten die Vorfahren sie „mit Treue und Beharrlichkeit als Schätze“ hinterlassen. Die Aufgabe der Gegenwart bestehe darin, diese Schätze an kommende Generationen weiterzugeben, bereichert durch die eigenen Erfahrungen, Bemühungen und Geschichten. Als sichtbares Bild dieser Überlieferung stellte Leo XIV. den Metzer Dom selbst vor Augen. Die Kathedrale werde wegen ihrer 6.500 Quadratmeter großen Buntglasfenster, die mit historischen Darstellungen versehen seien, als „Laterne des lieben Gottes“ bezeichnet. Die Baumeister hätten offenbar die Mauern, die dennoch solide geblieben seien, auf ein Minimum reduzieren wollen, damit das Licht in Fülle zu den Gläubigen gelangen könne. Wer den Dom betrete, tauche durch den Widerschein tausender Farben in eine „äußerst reichhaltige biblia pauperum“ ein, die eine Quelle des Gebets und der Betrachtung sei. Zu den historischen Glasmalereien sei in jüngerer Zeit das Werk Marc Chagalls hinzugetreten. Die Arbeiten des jüdischen Malers, die in die Mauern der Kathedrale eingefasst seien, verwandelten die „Laterne des lieben Gottes“ in ein Symbol der Ökumene und des interreligiösen Dialogs. In diesem Zusammenhang deutete Leo XIV. die Kathedrale als Bild für Europas Zukunft. Das Licht Gottes lösche die Besonderheiten nicht aus, sondern verbinde unterschiedliche Geschichten und Kulturen zu einem „einzigen, wunderbaren Mosaik des Friedens“. Gerade angesichts neuer Spaltungen und Konflikte sei dieser Frieden notwendig. Aus den Glasfenstern lasse sich lernen, dass Europas Zukunft nicht in der Vereinheitlichung liege, sondern „in der Harmonie der Unterschiede“, in der die Wunde der Vergangenheit zu einer Öffnung werde, durch die Licht hindurchscheinen könne.

Von der Kathedrale schlug Leo XIV. schließlich den Bogen zur kirchlichen Identität. Auch die Kirche bediene sich Strukturen, die nur insofern Sinn hätten, als sie dazu dienten, der Welt das Licht des Evangeliums zu bringen. Ohne die Glasmalereien wären die Fenster des Metzer Doms lediglich Räume, die vom Licht durchflutet würden. Mit den Buntglasfenstern würden sie zu Büchern, die Menschen zusammenführten und an Geschichten „voller Heldentum, des Guten, der Barmherzigkeit, der Liebe und der moralischen Schönheit“ erinnerten. Von diesen Geschichten müssten die Christen ihrerseits „großzügige und mutige Zeugen“ sein.

Zum Abschluss seiner fünften Apostolischen Auslandsreise nach Frankreich verband Leo XIV. diese Betrachtungen mit einem Wunsch für die Kirche von Metz. Er teilte ihn „voller Dankbarkeit und Zuversicht“ mit der Gemeinschaft und vertraute sie den Gebeten der Jungfrau Maria und der Schutzheiligen an. Die Gemeinschaft von Metz sei dazu berufen, „ein Leuchtfeuer der Hoffnung für dieses Land, für Europa und für die Welt zu sein“.

 


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