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Wo der Mensch nicht berechenbar ist

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Leo XIV.: Kunst, Wahrheit und die ‚ontologische‘ Differenz zur künstlichen Intelligenz. Den Algorithmen fehlt der Funke des Menschlichen. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) Papst Leo XIV. stellte die Kunst in den Zusammenhang der Suche des Menschen nach Wahrheit, Schönheit und Sinn. Bei der Begegnung am 2. Oktober 2026 mit Künstlern und Kuratoren im Rahmen der vom Dikasterium für Kultur und Bildung veranstalteten Veranstaltung „Die Kunst des Möglichen: zusammenweben“ dankte er zunächst für die Zusammenarbeit mit dem Heiligen Stuhl, insbesondere für die Gestaltung des Pavillons bei der Biennale von Venedig und für die Projekte zeitgenössischer Kunst des Dikasteriums für Kultur und Bildung. Zugleich richtete er den Blick auf eine Frage, die durch die Entwicklung der künstlichen Intelligenz eine neue Bedeutung gewonnen habe: Was unterscheidet menschliche Kunst von dem, was Maschinen hervorbringen könnten?

Leo XIV. begann mit einem „Danke“. Er dankte den Künstlern und Kuratoren für ihre Zusammenarbeit mit dem Heiligen Stuhl und für das Vertrauen, „mit der Kirche auch auf neuen Wegen“ gemeinsam unterwegs zu sein. Als Beispiel nannte er den Pavillon, der im Frauengefängnis auf der Insel Giudecca eingerichtet und von Papst Franziskus besucht worden war. Dort habe sich gezeigt, dass es nicht darum gegangen sei, „die Kunst ins Gefängnis zu bringen“. Vielmehr habe das Gefängnis selbst mit seiner oft verdrängten Wahrheit der Kunst und allen Beteiligten etwas lehren können. Der Papst verband diese Erfahrung mit einer Aussage über die Würde des Menschen: „Denn der Mensch ist allein aufgrund der Tatsache, dass er existiert und die Ewigkeit zum Ziel hat, ‚würdig‘, und er ist immer größer als seine Zerbrechlichkeit oder seine Fehler“. Die Kunst habe damit eine Wirklichkeit berührt, die nicht auf Leistung, gesellschaftlichen Status oder Fehlerlosigkeit reduziert werden könne.

Anschließend griff Leo XIV. das Motto des diesjährigen venezianischen Pavillons auf, das von der heiligen Hildegard von Bingen inspiriert worden war: „The Ear is the Eye of the Soul - Das Ohr ist das Auge der Seele“. Die Kunst könne wie eine Antenne die großen Fragen des menschlichen Herzens auffangen. Manchmal nähmen diese Fragen die Gestalt eines Schreis an, häufiger aber die eines Flüsterns. Die Kunst mache sie „hörbar, sichtbar, mitteilbar“. Hier setzte Leo XIV. bei Augustinus an. Der heilige Augustinus habe ein bleibendes Zeugnis von der Unruhe des menschlichen Herzens auf seiner Suche nach der Wahrheit hinterlassen. Wenn Kunst authentisch sei, werde auch sie von dieser Unruhe bewegt. Deshalb habe die Kirche die Kunst niemals als etwas Nebensächliches betrachtet. Sie sei vielmehr ein grundlegender Ort des Hörens, an dem sich die Kirche über die Hoffnungen und Verwundungen des Menschen, über seinen Durst nach Schönheit, Gerechtigkeit und Frieden und über seine Suche nach Sinn belehren lasse.


Damit gelangte die Ansprache zu einem zentralen Begriff: der Suche. Leo XIV. stellte die Kunst den Suchmaschinen des digitalen Zeitalters gegenüber. Die Menschen lebten „im Zeitalter der Suchmaschinen“, die innerhalb einer Sekunde Tausende von Antworten liefern könnten. Doch diese Systeme gäben das zurück, was bereits existiere, und neigten dazu, dem Menschen das anzubieten, was er bereits wolle. Die Gefahr der Gegenwart bestehe deshalb nicht mehr nur in der Zensur. Sie liege auch in der „Verflachung“. Nicht allein das auferlegte Schweigen könne das Hören verhindern, sondern auch ein Übermaß an Lärm. Leo XIV. formulierte deshalb eine Unterscheidung zwischen technischer Suche und künstlerischer Suche: „Die Kunst ist eine andere Art von ‚Suchmaschine‘. Sie arbeitet nicht durch Indexierung, sondern durch Befragung“.

Die künstlerische Frage erschöpfe sich demnach nicht in der Suche nach einer bereits vorhandenen Information. Sie sei vielmehr „eine gespannte Aufmerksamkeit“, die sich nicht mit der bloßen Summe der Tatsachen zufriedengebe. Die Kunst höre nicht auf, tiefer zu graben und nach dem Zusammenhang zu suchen, der die Dinge miteinander verbinde. Darin sah Leo XIV. eine Aufgabe der Künstler in einer Kultur, die zunehmend von Geschwindigkeit, Konsum und technischer Vermittlung geprägt werde. Wenn die Kunst der Verflachung widerstehe, den Blick verlangsame und dazu zwinge, vor dem zu verweilen, „was sich nicht konsumieren lässt“, werde sie „eine Form kultureller und geistlicher Erneuerung“.

Diese Überlegung führte den Papst zu Paul VI. Leo XIV. erinnerte an dessen Ansprache bei der Messe mit den Künstlern am 7. Mai 1964. Paul VI. habe damals erklärt: „Wir brauchen euch. Unser Dienst braucht eure Mitarbeit. Denn, wie ihr wisst, besteht unser Dienst darin, die Welt des Geistes, des Unsichtbaren, des Unaussprechlichen, Gottes, zu verkünden und zugänglich, verständlich, ja ergreifend zu machen. Und bei diesem Vorgang, der die unsichtbare Welt in zugängliche, verständliche Formeln überträgt, seid ihr Meister“. An diese Worte schloss Leo XIV. seine eigene Feststellung an: „Auch ich sage euch heute: Die Kirche braucht euch“. Diese Aussage erhielt ihren besonderen Akzent durch den Hinweis auf die künstliche Intelligenz. Gerade in einer Epoche, in der Maschinen Bilder, Texte, Musik und andere Formen kultureller Produktion erzeugen könnten, werde die Unterscheidung zwischen menschlicher Kunst und maschinell hervorgebrachten Ergebnissen dringlich.

Dabei ging Leo XIV. über eine rein ästhetische Betrachtung hinaus. Er sprach ausdrücklich von einem „ontologischen“ Unterschied: „Es gibt einen ontologischen Unterschied, noch vor dem ästhetischen, zwischen der Kunst und dem, was eine Maschine durch statistische Berechnung auf der Grundlage von Millionen fremder Bilder hervorbringen kann“. So war die Frage nicht mehr nur, ob ein von einer Maschine erzeugtes Werk schön, überzeugend oder technisch gelungen sei. Leo XIV. verlegte die Unterscheidung auf eine tiefere Ebene: auf den Ursprung des Hervorgebrachten und damit auf die Frage nach dem Menschen selbst. Seine Formulierung lautete: „Den Algorithmen fehlt der Funke des Menschlichen.“ Diesen Gedanken verband der Papst mit seiner Enzyklika Magnifica humanitas: „Kultur und Kunst hüten, wenn sie authentisch sind, diesen Funken und verhindern damit die Normalisierung des Bösen“ (MH 122). Der „Funke des Menschlichen“ erschien damit als etwas, das nicht einfach mit der Menge verfügbarer Daten, der Rechenleistung eines Systems oder der statistischen Verarbeitung vorhandener Muster gleichgesetzt werden könne. Aus dieser anthropologischen Unterscheidung leitete Leo XIV. eine Aufgabe für Kirche, Künstler und kulturelle Institutionen ab. Die Kirche wolle mit ihnen „ein Bündnis“ erneuern, „ein Bündnis, um das Menschliche zu bewahren“. Damit verband der Papst die Kunst nicht mit einem abgeschlossenen Sonderbereich der Kultur, sondern mit der Frage nach dem Menschen und seiner Zukunft.

Leo XIV. erinnerte in diesem Zusammenhang an seine Ansprache bei der UNESCO in Paris. Dort habe er formuliert: „Die Förderung von Bildung, Wissenschaft und Kultur ist in der Tat unmöglich ohne die Förderung des Lebens von Mann und Frau, die deren Protagonisten sind“. Bildung, Wissenschaft und Kultur seien damit nicht von dem Menschen zu trennen, der sie hervorbringe, empfange und weitergebe.

Am Ende richtete Leo XIV. seine Worte unmittelbar an die Künstler und Kuratoren. Die Kirche betrachte sie „mit Wertschätzung, mit Dankbarkeit und mit Hoffnung“. Sie brauche sie und wolle mit ihnen gemeinsam unterwegs sein. Der letzte Gedanke der Ansprache führte nochmals zur Bewahrung des Menschen zurück: „Denn gemeinsam können wir die herrliche Menschlichkeit bewahren, die uns anvertraut worden ist“.

Foto (c) Vatican Media

 


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