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„Die trügerische Taktik der stillen Revolution“

vor 13 Stunden in Kommentar, 4 Lesermeinungen
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Niederländischer Weihbischof Rob Mutsaerts: „Das Christentum entstand nicht deshalb, weil zwölf Apostel beschlossen hätten, sich besser an den römischen Zeitgeist anzupassen. Sie verkündeten etwas, das … dafür wurden sie getötet“.


’s-Hertogenbosch (kath.net/Blog „Paarse pepers“) kath.net dokumentiert den Blogbeitrag von Weihbischof Rob Mutsaerts (Niederländisches Bistum ’s-Hertogenbosch) in voller Länge in eigener Übersetzung:

Im Laufe von zweitausend Jahren hat die katholische Kirche so ziemlich alles erlebt, was einer Institution widerfahren kann: schlechte Päpste, korrupte Bischöfe, Häresien, Schismen, Revolutionen, Verfolgungen, verfallene Klöster, einen zügellosen Klerus sowie Theologen, die derart darauf bedacht waren, originell zu sein, dass am Ende nur sie selbst verstanden, was sie eigentlich meinten.

Und doch besteht die Kirche fort. Das liegt nicht daran, dass Katholiken immer vernünftig gewesen wären – das wäre eine ziemlich gewagte historische Hypothese. Die Kirche hat überlebt, weil sich immer wieder ein bemerkenswertes Phänomen zeigte: Sobald sich der Rauch verzogen hatte, die internen Kämpfe abgeklungen waren und die intellektuellen Akrobatikstücke ein Ende fanden, erwies sich die katholische Orthodoxie als erstaunlich beständig. Arius verschwand in der Versenkung; Nicäa blieb bestehen. Die Katharer verschwanden; das Glaubensbekenntnis blieb. Jansenismus, Modernismus und Dutzende anderer Strömungen traten als die „Zukunft“ auf – nur um letztlich als bloße Fußnoten zu enden. Der Katholizismus kennt einen recht einfachen Prüfstein: die Kontinuität. Daher rührt die Bedeutung der Tradition – jenes Glaubensgutes, das über die Jahrhunderte hinweg weitergegeben wurde.

Das bedeutet nicht, dass sich niemals etwas ändern darf. Die Liturgie hat sich weiterentwickelt, das Kirchenrecht hat sich gewandelt, kirchliche Disziplinarordnungen wurden angepasst und theologische Formulierungen verfeinert. Eine Eiche sieht nach fünfhundert Jahren anders aus als zu der Zeit, als sie noch eine Eichel war. Doch wenn aus einer Eichel plötzlich eine Tulpe sprießt, dann ist „Entwicklung“ nicht mehr der treffende Begriff. Genau hier liegt der Kern der gegenwärtigen Krise innerhalb der Kirche. Denn es findet kein spektakulärer Sturm auf den Vatikan statt; vielmehr bleibt die Lehre dem Anschein nach unverändert. Die moderne kirchliche Formel lautet in etwa so: „Natürlich ändert sich die Lehre nicht, aber unser pastoraler Ansatz muss sich ändern.“ Das klingt beruhigend – bis die pastorale Praxis über Jahre hinweg genau das Gegenteil von dem vermittelt, was die Lehre eigentlich besagt, die doch angeblich unverändert geblieben ist.

Nehmen wir zum Beispiel Deutschland. Der „Synodale Weg“ beschränkte sich nicht darauf, administrative Reformen oder eine bessere Kontrolle bischöflicher Macht zu erörtern. Auf seiner offiziellen Agenda standen Themen wie Sexualität, Homosexualität, die Rolle der Frau in kirchlichen Ämtern sowie die Struktur kirchlicher Autorität. Im Jahr 2023 verabschiedete der Synodale Weg sogar einen Beschluss, der offizielle Segensfeiern – unter anderem für gleichgeschlechtliche Paare und wiederverheiratete Geschiedene – forderte, inklusive noch zu entwickelnder liturgischer Formen.


Auch in Rom erkannte man die Problematik. Im Jahr 2022 stellte der Heilige Stuhl ausdrücklich fest, dass dem deutschen Synodalen Weg die Befugnis fehle, neue Leitungsstrukturen oder neue Ausrichtungen in Glaubens- und Moralfragen einzuführen. Er warnte davor, dass ein solches Vorgehen eine „Wunde in der kirchlichen Gemeinschaft“ und eine Gefahr für die Einheit der Kirche darstellen könnte. Das ist eine schwerwiegende Aussage. Wenn Rom es für notwendig hält, einen von Bischöfen geleiteten Prozess öffentlich davor zu warnen, eine neue Moral einzuführen, dann wird deutlich, dass es in dieser Debatte um weit mehr geht als nur um den Zeitpunkt einer heiligen Messe.

Unterdessen geht der Prozess weiter. Im April 2025 veröffentlichten Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) Leitlinien, die ausdrücklich dazu ermutigen, wiederverheirateten Geschiedenen, Paaren jeglicher sexueller Orientierung sowie Menschen in anderen, von der Kirche nicht anerkannten Beziehungen Segen zu spenden. Dabei wird stets betont: „Es ist nicht so, dass die alte Lehre falsch wäre; vielmehr begleiten wir die Menschen.“ Es gehe nicht um eine „Änderung der Moral“, sondern um „pastorale Nähe“. Wer Einwände erhebt, wird schnell in die eigentümliche Rolle eines Pharisäers gedrängt. Dem Reformer wird Liebe zugeschrieben, während dem rechtgläubigen Katholiken scheinbar nichts bleibt als ein Regelwerk. Rhetorisch ist das überaus geschickt.

Dasselbe Problem zeigte sich im Zusammenhang mit „Fiducia supplicans“. Das Dokument aus dem Jahr 2023 hält formell und ausdrücklich an der katholischen Lehre über die Ehe fest. Es stellt sogar klar, dass gleichgeschlechtliche Verbindungen nicht mit der Ehe verwechselt werden dürfen und dass die entsprechenden Segnungen keine liturgische, eheähnliche Form annehmen sollten. Gleichzeitig erlaubt es jedoch die spontane Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Man müsste schon überaus naiv sein, um zu glauben, dass symbolische Handlungen keine Botschaft vermitteln. Einen Tag nach der Veröffentlichung des Dokuments segnete der amerikanische Jesuit James Martin in New York ein gleichgeschlechtliches Ehepaar – in Anwesenheit der Presse. Formal könnte man argumentieren, dass hier keine Ehe geschlossen wurde. Dem Augenschein nach jedoch sah die halbe Welt zwei Männer – die als Ehepaar zusammenleben –, die gemeinsam den Segen eines katholischen Priesters empfingen.

Und hier zeigt sich erneut jene sonderbare Unterscheidung: „Was ihr seht, ist nicht das, was wir meinen.“ Auf lange Sicht ist dies eine schwierige pastorale Strategie. Schließlich besteht die sakramentale Sprache der Kirche gerade aus sichtbaren Zeichen. Wenn man jahrelang lehrt, dass Gesten eine Bedeutung in sich tragen, ist es schwer, plötzlich zu behaupten, ein kirchlicher Segen sei ausschließlich durch die Fußnoten eines römischen Dokuments zu verstehen.

Dann ist da noch der Antwerpener Bischof Johan Bonny. Im März 2026 erklärte er, er wolle bis 2028 verheiratete Männer in Antwerpen zu Priestern weihen – und zwar nach einer extrem kurzen Vorbereitungszeit, während das Priesteramt eigentlich eine deutlich längere Ausbildung erfordert. Er formulierte es sogar so, dass sich für ihn die Frage nicht mehr stelle, „ob“ dies geschehen werde, sondern „wann“. Kandidaten werden bereits vorbereitet, obwohl die eigentlichen Weihen noch die Genehmigung aus Rom erfordern würden. Genau das ist bezeichnend für den neuen Stil kirchlicher Führung: Zuerst weckt man Erwartungen, dann etabliert man die Praxis, und schließlich bittet man Rom darum, die bereits geschaffene Realität zu legitimieren. Die Frage lautet nicht: „Was erlaubt die Kirche?“, sondern: „Was können wir jetzt tun, sodass es für die Kirche später schwierig wird, dies wieder rückgängig zu machen?“ Das ist keine Synodalität; das ist eine Theologie der vollendeten Tatsachen.

Damit kommen wir zu Papst Franziskus. Sein Pontifikat hat eine Kultur gefördert, in der Mehrdeutigkeiten auffallend oft in eine progressive Richtung interpretiert wurden. Das Muster blieb dabei stets ähnlich: Die Lehre bleibt zwar unangetastet, doch der Einzelfall sei komplex; die Normen gelten weiterhin, doch es bedürfe der Unterscheidung; die Lehre sei klar, doch ihre pastorale Anwendung könne variieren. Daran ist an sich nichts Unkatholisches. Schon Thomas von Aquin wusste, dass „prudentia“ (Klugheit) auf konkrete Umstände angewandt werden muss. Doch wenn so gut wie jede Ausnahme in dieselbe Richtung weist, darf man sich zu Recht fragen, ob es sich überhaupt noch um Ausnahmen handelt.

Es gibt Grund zur Sorge. Warum? Ein Blick in die Kirchengeschichte genügt. Kirchliche Umbrüche beginnen selten mit der Ankündigung: „Ab Montag schaffen wir zweitausend Jahre katholischer Tradition ab.“ Es geschieht anders. Zuerst heißt es, eine Lehre werde „missverstanden“. Dann wird argumentiert, die verwendete Terminologie sei „verletzend“. Zunächst wird behauptet, niemand wolle die Lehre ändern; vielmehr werde ein „pastoraler Freiraum“ benötigt. Daraufhin entstehen lokale Experimente. Diese Experimente werden zur festen Praxis. Diese Praxis weckt Erwartungen. Aus diesen Erwartungen entwickelt sich eine „gelebte Realität“. Schließlich werden diejenigen, die die ursprüngliche Lehre verteidigen, gefragt, warum sie so starr an einer Formulierung festhalten, die inzwischen veraltet sei. Das ist die stille Revolution!

Es handelt sich nicht um die Leugnung eines Dogmas, sondern um dessen schleichende Auflösung. Man sagt nicht: „Das ist nicht mehr wahr“, sondern: „Wir müssen heute differenzierter darüber sprechen.“ Man sagt nicht: „Das sechste Gebot gilt nicht mehr“, sondern: „Wir dürfen die Menschen nicht mit Regeln belasten.“ Man sagt nicht: „Das Priestertum wandelt sich“, sondern: „Die Bedürfnisse der örtlichen Gemeinschaft erfordern neue Formen.“ Auf diese Weise kann eine Lehre zwar formal noch jahrelang im Katechismus stehen, während sie in der pastoralen Praxis längst keine Bedeutung mehr hat.

Zuweilen muss die Kirche eine neue Sprache finden, um dieselbe Wahrheit verständlich zu verkünden. Doch gerade deshalb lautet die entscheidende Frage nicht einfach: „Ändert sich etwas?“, sondern: „Ist das, was sich ändert, als organische Weiterentwicklung des Vorangegangenen erkennbar – oder stellt es einen Bruch mit dem Bisherigen dar?“ Deshalb ist Kontinuität nicht bloß ein Steckenpferd für Nostalgiker; sie ist ein grundlegendes katholisches Kriterium. Die katholische Frage lautet niemals nur: „Ist das freundlich?“, „Ist das inklusiv?“ oder „Funktioniert das aus pastoraler Sicht?“ Die entscheidende Frage bleibt: Ist dies derselbe Glaube, den wir empfangen haben? Der Glaube des Paulus, des Augustinus, des Thomas, von Trient, von Newman, von Johannes Paul II. und von Benedikt XVI.?

Die vielleicht größte Ironie der gegenwärtigen Situation besteht darin, dass seit sechzig Jahren progressive Reformen mit dem Argument vorangetrieben werden, sie seien notwendig, um die Kirche für den modernen Menschen attraktiver zu machen. Doch in stark säkularisierten Ländern leeren sich die Kirchen. Es mag sein, dass moderne Menschen nicht sonderlich beeindruckt sind von einer Kirche, die ihnen das erzählt, was sie bereits am Vortag in der Zeitung gelesen haben. Warum sollte jemand an einem Sonntagmorgen früh aufstehen, um in einer Kirche genau jene Moral zu hören, der er am Vorabend bereits kostenlos in einer Talkshow hätte begegnen können? Wenn man nach einiger Zeit feststellt, dass niemand mehr da ist, könnte man annehmen, man habe die „prophetische Vorhut“ erreicht. Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit: Man ist schlichtweg falsch abgebogen.

Die Kirche besitzt nur ein einziges, wahrhaft revolutionäres Produkt: das Evangelium. Und dieses Produkt lässt sich – leider – nicht so zurechtschneiden, dass es den Vorstellungen einer Marketingabteilung entspricht. Das Christentum entstand nicht deshalb, weil zwölf Apostel beschlossen hätten, sich besser an den römischen Zeitgeist anzupassen. Sie verkündeten etwas, das ihre Zeitgenossen bisweilen als schön, zuweilen als wahnsinnig und mitunter als anstößig empfanden. Dafür wurden sie nicht an einen synodalen Diskussionstisch eingeladen; dafür wurden sie getötet.

+Rob Mutsaerts
6. Oktober 2026

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Lesermeinungen

Mensch#17 vor 8 Stunden: Wie gut kann dieser Weihbischof Deutsch?

Da wären bei uns in Deutschland doch auch einige Bistümer neu zu besetzen, manche gleich, manch schon bald. Und da fragt man sich ganz unwillkürlich, ob dieser Weihbischof auch im Deutschen gut unterwegs wäre .... da könnte man vielleicht ... (Also Bürgermeister und Oberbürgermeister könnte er nach EU-Recht werden!) ... ob es möglich wäre, ihn als Bischof in Deutschland zu bekommen ... ;-)

Man wird sich doch wohl noch etwas wünschen dürfen!

Ihr heiligen Patrone Europas und unsere Diözesen, bittet für uns!

Peter2021 vor 9 Stunden: Hervorragend

Der Teufel will eine "Kirche" ohne Sakramente - also ohne Gott.

Der hl. Pierre-Julien Eymard, der Apostel der Eucharistie, sagte: "Ich habe oft darüber nachgedacht, welches Heilmittel die allgemeine Gleichgültigkeit heilen könnte, die sich in besorgniserregender Weise der Katholiken bemächtigt hat, und ich finde nur ein einziges: die Eucharistie, die Liebe zum eucharistischen Jesus. Der Verlust des Glaubens kommt vom Verlust der Liebe."

"Unsere Gesellschaft geht zugrunde, weil sie kein Zentrum der Wahrheit und der Nächstenliebe mehr hat, aber sie wird eine kraftvolle Erneuerung erleben, sobald sich alle Mitglieder um das Leben versammeln, um Jesus in der Eucharistie. Gehen Sie zurück zur Quelle, zu Jesus. Vor allem zu Jesus in der Eucharistie. Man mache es sich bewusst: Ob eine Gesellschaft wächst oder zerfällt, hängt damit zusammen, wie es in ihr um den Kult der göttlichen Eucharistie steht. Möge es also kommen, dieses Reich der Eucharistie!"

www.youtube.com/watch?v=BdpF_nt1ysY

modernchrist vor 9 Stunden: Grandioser Beitrag mit vielen Beispielen!

Hier sieht man zusätzlich die Gefährlichkeit des "Geistes" der Synodalität, den man forsch und naiv permanent fordert und rief. Wer redet denn da dauernd "synodal" mit in vielen Gremien, durch deren Dschungel man sich kämpfen muss? Allein schon der Frankfurter Holzweg: Ich möchte wissen, wann die Leute dort das letzte Mal persönlich beim Beichten waren! Ohne wirklich persönliches Praktizieren der Katholizität sollte man gar kein Stimmrecht in solchen Synodalgremien haben. Wer für sich selber so Manches schon ad-acta-gelegt hat, der will doch für alle dies ermöglichen. Er will Mehrheiten suchen für seine Reformen, Strategien planen für seine Revolution, seine Transformationen, seinen "Umbau" der Kirche!

Parcival vor 10 Stunden: Die gefährliche Selbstermächtigung der Ränder

Eine brillante Analyse! Besonders nachdenkenswert ist die zunehmende Selbstermächtigung innerkirchl. Gruppierungen. Links wird die pastorale Praxis zum Korrektiv der Lehre erhoben, rechts die eigene Traditionsauslegung zum Maßstab für die Legitimität des Lehramts. Beides folgt letztlich derselben Logik: Nicht mehr die Kirche beurteilt die eigene Position, sondern die eigene Position beurteilt die Kirche. Darin liegt m. E. die eigentliche ekklesiologische Brisanz. Die Mitte ist kein ideolog. Standort, sondern die verbindliche Communio im apostol. Glauben. Wer sie verlässt, entfernt sich nicht zwangsläufig sofort von jeder Glaubenswahrheit, wohl aber von jener kirchl. Instanz, die deren authentische Auslegung gewährleistet. Die Kirchengesch. zeigt, wohin solche Eigendynamiken führen können. Danke für diesen Denkanstoß!

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