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„‚Bei dir muss ich mich nicht verstellen.‘ Wer diesen Satz sagen kann, hat etwas Kostbares gefunden: einen Menschen, vor dem auch das Schwierige zur Sprache kommen darf.“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
Eichstätt (kath.net/pl) Im Licht der Liebe (Mt 22,34–40) - Predigt zum 30. Sonntag im Jahreskreis A (Weltmissionssonntag)
1 Das größte Gebot
Liebe Schwestern und Brüder,
„Bei dir muss ich mich nicht verstellen.“ Wer diesen Satz sagen kann, hat etwas Kostbares gefunden: einen Menschen, vor dem auch das Schwierige zur Sprache kommen darf. Die Sorge, die man sonst überspielt. Die Hoffnung, die man kaum noch auszusprechen wagt. Es tut gut, so angesehen zu werden. Ein solcher Blick kann uns den Mut zurückgeben, den nächsten Schritt zu tun.
Das heutige Evangelium führt uns an die Quelle einer solchen Liebe. Ein Gesetzeslehrer stellt Jesus auf die Probe: Welches Gebot ist das größte? In dieser Frage liegt auch eine Frage unseres Lebens: Was gibt unserem Glauben und Handeln seine Mitte? Jesus führt uns zur Liebe.
2 Gott lieben
Zuerst nennt Jesus die Liebe zu Gott. Mit Worten aus der Heiligen Schrift Israels fordert er uns auf, Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit dem ganzen Denken zu lieben.
Aber weshalb möchte Gott eigentlich von uns geliebt werden?
Der heilige Irenäus von Lyon hat darüber einen wunderbaren Gedanken aufgeschrieben: Gott braucht unseren Dienst nicht, um selbst reicher zu werden. Er ruft uns zu sich, weil er uns an seinem Leben teilhaben lassen möchte. Irenäus vergleicht das mit dem Licht: „Dem Licht zu folgen heißt, Licht zu empfangen“ (Gegen die Häresien IV,14,1). Wer ins Licht tritt, macht die Sonne nicht heller. Er selbst wird hell.
So dürfen wir Gottes Einladung hören: Komm zu mir. Lass dich von meiner Gegenwart berühren. Du sollst leben.
Gott lieben beginnt damit, dass wir uns ihm zuwenden. Ein wenig still werden. Ihm einen Dank sagen. Vor ihm aussprechen, was uns bedrängt. Auch die Klage gehört in diese Beziehung. Wer fragt: „Gott, wo bist du?“, hält ihm sein verwundetes Herz hin. Und Gott kann auch dort wohnen.
„Mit ganzem Herzen“: Dazu gehört unser Herz, wie es heute ist. Mit seiner Freude und seiner Müdigkeit, mit seinem Vertrauen und seinen offenen Fragen. Wir dürfen die ungelösten Dinge unseres Lebens vor Gott tragen. Vielleicht ist heute dieses schlichte Gebet unsere ganze Liebe: Herr, ich bin da. Bleibe du bei mir.
Wie verlässlich diese Nähe ist, zeigt uns Jesus. Er geht hinein in unsere Angst, in die Verlassenheit, bis in den Tod. Der Auferstandene trägt die Wunden seiner Liebe. Deshalb dürfen wir auch die verwundeten Stellen unseres Lebens seiner Gegenwart anvertrauen. Gerade dort kann Heilung beginnen.
3 Den Nächsten lieben
Jesus fügt ein zweites Gebot hinzu und stellt es dem ersten gleich: den Nächsten lieben wie sich selbst. Er verbindet beides untrennbar. Die Liebe zu Gott soll unseren Umgang mit Menschen durchdringen.
Der Mönch und Kirchenvater Maximus der Bekenner schreibt, die vollkommene Liebe halte sich an das Menschsein, das uns allen gemeinsam ist. Darum, so sagt er, „liebt sie alle Menschen gleichermaßen“ (Vierhundert Kapitel über die Liebe I,71). Er denkt ausdrücklich auch an schwierige Menschen. Die Liebe hofft darauf, dass aus Feinden Freunde werden können.
Das ist anspruchsvoll. Wir wissen, wie schnell ein Mensch für uns festgelegt ist: der ewige Nörgler, die Unzuverlässige, der, mit dem ohnehin kein Gespräch möglich ist. Maximus lädt uns ein, tiefer zu schauen. Auch dieser Mensch hat eine Geschichte. Auch er kennt Angst und Sehnsucht. Auch sein Leben ist Gott kostbar.
Vielleicht beginnt Nächstenliebe für uns in dieser Woche damit, jemanden wieder ausreden zu lassen. Einen Angehörigen zu fragen, was ihn wirklich beschäftigt. Oder nach einem Streit zu sagen: Dieser Satz von mir hat dich verletzt. Es tut mir leid.
Solche Schritte können etwas lösen, das lange festgefahren war. Liebe braucht dabei Wahrhaftigkeit. Sie kann Unrecht benennen und Grenzen setzen. Sie sucht das Gute für den anderen und achtet seine Würde.
4 Wie dich selbst
Zum zweiten Gebot gehören auch diese Worte: „wie dich selbst“.
Auch ich bin ein Mensch, dessen Leben Gott kostbar ist. Wie hart gehen wir manchmal mit uns selbst um! Ein Fehler liegt Jahre zurück, und innerlich sprechen wir immer noch das Urteil darüber. Vielleicht dürfen wir heute beginnen, Gottes Barmherzigkeit auch für uns gelten zu lassen. Verantwortung übernehmen, um Vergebung bitten, Wiedergutmachung versuchen – und dann auch einen neuen Anfang wagen.
Wer selbst Barmherzigkeit empfängt, kann anderen leichter Raum zum Leben geben.
5 Daran hängt alles
Am Ende sagt Jesus: An diesen beiden Geboten hängen das ganze Gesetz und die Propheten. Die Liebe gibt allem seine Richtung. An ihr soll sich zeigen, wie wir Gottes Wort verstehen, beten und miteinander umgehen.
Der Weltmissionssonntag weitet unseren Blick über die vertraute Umgebung hinaus. Menschen überall auf der Erde sollen erfahren dürfen, dass sie von Gott geliebt sind: durch die Verkündigung des Evangeliums und durch Hilfe, die ihre Not ernst nimmt. Mit unserem Gebet und unseren Gaben unterstützen wir diesen Dienst. Zugleich dürfen wir von Christinnen und Christen anderer Länder ihren Glaubensmut und ihre Freude am Evangelium empfangen. Wir gehören zusammen.
Gleich feiern wir Eucharistie. Christus schenkt uns sich selbst. Er legt seine Liebe in unsere bedürftigen Herzen. Aus dieser Gabe dürfen wir leben.
Nehmen wir einen Menschen mit in dieses Gebet, bei dem uns die Liebe gerade schwerfällt. Bitten wir leise: Herr, lass mich ihn in deinem Licht sehen. Zeige mir den nächsten möglichen Schritt.
Und lassen wir uns selbst von Christus ansehen. Mit allem, was gelungen ist. Mit allem, misslungen ist und was weh tut. In seinem Blick liegt Zukunft. Er traut seiner Liebe zu, auch in uns Neues zu schaffen.
Wir dürfen mit Hoffnung heimgehen: Gott bleibt uns zugewandt. Seine Liebe kann in unserem Leben weiterwachsen – und durch uns einen anderen Menschen erreichen.
Amen.
Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
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