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Freikirche oder katholische Kirche? Überlegungen eines Konvertiten

vor 2 Stunden in Spirituelles, 3 Lesermeinungen
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Teil I: Die halbe Wahrheit ist nicht die ganze Wahrheit – Gastbeitrag von Michael W. Busch


Wien (kath.net) Bibeltreue und begeisternde Gemeinschaft prägen viele evangelikale Freikirchen. Doch führt dieser Weg auch zur Fülle der Heilsmittel, die Christus Seiner Kirche anvertraut hat? Ein Konvertit blickt dankbar auf seine freikirchliche Jugend zurück und beleuchtet die grundlegenden Unterschiede im Kirchen-, Sakraments- und Heilsverständnis.

Es ist schon erstaunlich: Während die katholische Kirche in unseren Breiten seit Jahrzehnten mit rückläufigen Mitgliederzahlen, Priestermangel, überalterten Gemeinden und einem teilweise erschreckenden Glaubensverlust zu kämpfen hat, erfreuen sich manche evangelikale Freikirchen eines regen Zulaufs. Ihre Gottesdienste sind gut besucht, die Predigten lebendig, die Musik mitreißend, die Gemeinschaften überschaubar und persönlich. Junge Menschen engagieren sich, lesen die Bibel, bekennen sich öffentlich zu Christus und scheuen sich nicht, ihren Glauben auch im gesellschaftlichen Alltag zu vertreten. Mancher katholische Pfarrer dürfte davon nur träumen.

Ich selbst (Jahrgang 1972) wuchs bis zu meinem zwölften Lebensjahr im pietistisch geprägten Siegerland, der Heimat Heinrich Jung-Stillings, auf und lernte dort die evangelikale Glaubenswelt gründlich kennen: In der Sonntagsschule, in der Jungschar, im Religionsunterricht, in den Gottesdiensten. Besonders erinnere ich mich an die vielen schönen und aufbauenden Lieder, die wir gemeinsam sangen (z.B. „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“, „Danke für diesen guten Morgen“, „Ins Wasser fällt ein Stein“). Es war eine schöne Zeit mit gläubigen Menschen, die ihren Glauben ernst nahmen, miteinander beteten, die Bibel studierten und sich um ein christliches Leben in einer heilen, wenn auch geschlossenen Welt bemühten. Ich möchte diese Erfahrungen echter Gemeinschaft nicht missen. Ebenso wenig möchte ich den aufrichtigen Christusglauben und das ernsthafte Streben nach persönlicher Vervollkommnung, das in vielen Freikirchen anzutreffen ist, geringschätzen. Nicht selten können wir Katholiken davon sogar etwas lernen. Gerade deshalb soll meine anschließende Kritik keine Abrechnung mit Menschen sein, denen ich viel verdanke und deren ernsthaftes Bemühen ich anerkenne. Sie richtet sich auf das, was ich im Verlauf der Jahrzehnte als theologische und spirituelle Begrenzung dieses Glaubensweges erkannt habe.

Heute bin ich zutiefst dankbar, katholisch zu sein. Meine Hinwendung zur katholischen Kirche war keine plötzliche Bekehrung, kein emotionales Damaskuserlebnis, sondern eher ein allmähliches Hineinwachsen, insbesondere während meiner Zeit in Süddeutschland, wohin meine Eltern umgezogen waren, und später während meines Doktorats in Erfurt. Dort schloss ich mich der Katholischen Hochschulgemeinde an, absolvierte ein Jahr lang beim damaligen Studentenpfarrer Christian Gellrich ein persönliches Katechumenat und erhielt von ihm schließlich 2004 meine Erstkommunion und Firmung. Je mehr ich mich mit dem katholischen Glauben beschäftigte, desto stärker wurde mir bewusst, welch ungeheurer geistlicher Reichtum sich hinter seinen Lehren, Sakramenten und jahrhundertealten Frömmigkeitsformen verbirgt. Schon früher hatte ich nie den Eindruck gehabt, dass die Grundrichtung des evangelikalen Glaubens, in dem ich aufgewachsen war, falsch gewesen wäre. Und dennoch spürte ich, zunächst eher unbestimmt, dass etwas fehlte. Heute würde ich sagen: Es fehlte die ganze Fülle. Es war gewissermaßen nur die halbe Miete, nur ein halber Regenbogen. Nicht zufällig bedeutet „katholisch“ dem Wortsinn nach „allumfassend“. Die katholische Kirche ist ihrem Selbstverständnis nach keine auf den überschaubaren Kreis einer örtlichen Kirchengemeinde beschränkte Glaubensgemeinschaft, sondern eine weltumspannende, alle Völker und Generationen verbindende Kirche, die den ganzen Reichtum des christlichen Glaubens in sich birgt.

Ich begann mich immer mehr zu fragen, ob das, was in evangelikalen Kreisen oft als Rückkehr zum ursprünglichen, unverfälschten Christentum verstanden wird, nicht eine weitreichende Reduktion des christlichen Glaubens darstellt. Eine Reduktion, bei der zwar wichtige Wahrheiten bewahrt, andere aber ausgeblendet, umgedeutet oder ausdrücklich verworfen werden. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Freikirchler gute Christen sein können. Selbstverständlich können sie das. Die Frage lautet vielmehr: Ist der freikirchliche Weg tatsächlich der Weg zur ganzen Fülle dessen, was Christus seiner Kirche anvertraut und verheißen hat? Oder verzichtet man auf diesem Weg auf Wesentliches, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein?

Der Stamm und die abgetrennten Äste
Die katholische Kirche erscheint mir wie ein mächtiger Baumstamm, dessen Wurzeln bis in die apostolische Zeit zurückreichen. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich zahlreiche Äste von diesem Stamm gelöst. Manche tragen zeitweise schöne Blüten und Früchte (man denke etwa an Nikolaus Ludwig von Zinzendorf oder die wunderbaren Kirchenlieder Paul Gerhardts), andere sind verdorrt, wieder andere haben sich vielfach weiter verzweigt. Nicht selten wurde dabei eine einzelne Wahrheit aus dem Gesamtzusammenhang herausgelöst und verabsolutiert. Die Bedeutung der Heiligen Schrift etwa. Die Notwendigkeit einer persönlichen Beziehung zu Christus. Die Forderung nach Umkehr und einem glaubwürdigen christlichen Lebenswandel. Alles zweifellos unverzichtbare Bestandteile des Glaubens. Eine Teilwahrheit wird jedoch nicht dadurch zur ganzen Wahrheit, dass man sie absolut setzt und alles andere für entbehrlich erklärt. Hier scheint mir ein grundlegendes Problem des freikirchlichen Christentums zu liegen. Die Bibel wird zur alleinigen verbindlichen Autorität erklärt, während die kirchliche Überlieferung, das Lehramt, die apostolische Sukzession und wesentliche Teile des sakramentalen Lebens verworfen werden.

Dabei stellt sich schon eine einfache Frage: Woher stammt eigentlich die Bibel, auf die man sich so ausschließlich beruft? Der neutestamentliche Kanon ist schließlich nicht fertig gebunden vom Himmel gefallen. Seine verbindliche Gestalt hat sich innerhalb der frühen Kirche herausgebildet. Es war die kirchliche Überlieferung, die die apostolischen Schriften bewahrte, prüfte und ihre Zusammengehörigkeit erkannte. Warum vertraut man dieser Überlieferung hinsichtlich der Zusammenstellung der Heiligen Schrift, verweigert ihr aber bei der Auslegung derselben Schrift die Autorität? Das Prinzip sola scriptura birgt einen eigentümlichen Widerspruch. Denn die Schrift legt sich nicht selbst aus. Wer entscheidet, ob eine Interpretation zutrifft? Der einzelne Gläubige? Der Pastor? Der Gemeindevorstand? Und was geschieht, wenn zwei Prediger unter Berufung auf dieselbe Bibel zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, indem der eine bestimmte Verse wörtlich auslegt, ein anderer allegorisch und wieder ein anderer aus dem historischen Kontext heraus interpretiert? Die Geschichte des Protestantismus und der Freikirchen ist nicht zuletzt eine Geschichte fortwährender Aufspaltungen. Neue Gemeinden entstehen, weil man sich über Glaubensfragen, Gottesdienstformen oder Leitungsstrukturen nicht einigen kann. Natürlich bestehen auch zwischen katholischen Christen erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Auch hier hat es Abspaltungen gegeben wie die der Altkatholiken oder zuletzt die der Piusbrüder. Die katholische Kirche verfügt hingegen über ein verbindliches Lehramt, das nicht bei jeder Meinungsverschiedenheit neu erfunden werden muss. Wer das Papsttum ablehnt, hat das Autoritätsproblem keineswegs gelöst. Er hat es lediglich verlagert. An die Stelle des Papstes tritt dann nicht selten der eigene Pastor, dessen oft zeitgeistige oder menschenwohlgefällige Bibelauslegung innerhalb der Gemeinde faktisch maßgeblich wird. Ausgerechnet jene, die sich von einer vermeintlich bevormundenden kirchlichen Autorität befreien wollen, können so in eine neue, bisweilen erheblich engere Abhängigkeit geraten.


Wer hat die Kirche gegründet?
Die Frage nach der Autorität führt unmittelbar zur Frage nach dem Wesen der Kirche. Christus hat nicht lediglich eine religiöse Bewegung ins Leben gerufen, deren Anhänger sich nach Belieben zu selbstständigen Gemeinden zusammenschließen sollten. Er hat seine Kirche gegründet und den Aposteln eine besondere Sendung übertragen. „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18). Warum sollte diese Aussage lediglich ein unverbindliches Bild für den persönlichen Glauben des Petrus sein? Warum erhält Petrus die Schlüssel des Himmelreiches? Warum spricht Christus vom Binden und Lösen? Die katholische Kirche sieht im Petrusamt ein sichtbares Prinzip ihrer Einheit. Und sie versteht die Bischöfe als Nachfolger der Apostel, denen durch die Weihe die besondere Vollmacht zur Leitung, Heiligung und Verkündigung anvertraut wird. Ein freikirchlicher Pastor mag ein ausgezeichneter Bibelkenner, ein begnadeter Prediger und ein vorbildlicher Christ sein. Seine persönliche Begabung ersetzt aber nicht die apostolische Sukzession. Die Berufung durch eine Gemeinde ist nicht dasselbe wie die sakramentale Weihe. Wer sich auf das ursprüngliche Christentum beruft, sollte bedenken, dass bereits die frühen Kirchenväter eine sakramental und hierarchisch geprägte Kirche bezeugen, die dem heutigen katholischen Kirchenverständnis in wesentlichen Punkten nähersteht als dem vieler evangelikaler Freikirchen.

Zwar berufen sich evangelikale Gemeinschaften auf das allgemeine Priestertum aller Gläubigen. Dieses kennt auch die katholische Kirche. Es hebt aber das besondere, sakramentale Priestertum nicht auf. Ohne gültige Weihe fehlt nach katholischem Verständnis die Vollmacht, das eucharistische Opfer in der Weise der katholischen Messe zu feiern und die eucharistische Wandlung zu vollziehen. Das betrifft auch evangelische Gemeinschaften, die das Abendmahl mit großer Ehrfurcht feiern und eine wirkliche Gegenwart Christi bekennen, etwa die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK). Ihr Verständnis verdient eine eigene Würdigung, ist aber nicht mit der katholischen Lehre von Weihe und Eucharistie identisch. Das ist keine Geringschätzung der betreffenden Personen, sondern eine fundamentale Unterscheidung zwischen menschlicher Beauftragung und sakramentaler Sendung. Die katholische Kirche ist eben nicht einfach eine religiöse Gemeinschaft unter vielen, deren Mitglieder zufällig bestimmte Glaubensüberzeugungen teilen. Sie versteht sich als geschichtliche Fortsetzung der von Christus gestifteten Kirche, die ihre apostolische Überlieferung und ihre Sakramente durch die Jahrhunderte bewahrt hat. Wenn diese Auffassung zutrifft, kann man die katholische Kirche nicht ohne weiteres gegen eine andere christliche Gemeinschaft austauschen, als wechselte man von einem Verein zu einem anderen, dessen Veranstaltungen einem besser gefallen.

Der Neue Bund ist mehr als ein persönliches Bekenntnis
Der amerikanische Konvertit und ehemalige presbyterianische Pastor Scott Hahn hat in seinen Schriften immer wieder auf die Bedeutung des Bundesgedankens hingewiesen. Ein Bund ist nach biblischem Verständnis mehr als ein Vertrag zwischen zwei voneinander unabhängigen Parteien. Er begründet eine dauerhafte Beziehung, eine Gemeinschaft, ja eine Familie. Der Neue Bund in Christus ist deshalb nicht einfach eine individuelle Vereinbarung zwischen dem einzelnen Gläubigen und seinem Erlöser. Er stiftet eine neue Gottesfamilie, eine durch Christi Blut gestiftete Verwandtschaft, deren Glieder miteinander verbunden sind und deren Leben sich in sichtbaren, von Christus eingesetzten Zeichen vollzieht. Schon im Alten Testament waren Bund und Opfer eng miteinander verbunden. Beim Paschafest genügte es nicht, das Lamm zu schlachten. Es musste auch gegessen werden. Christus ist das wahre Paschalamm des Neuen Bundes. Sein Opfer auf Golgotha wird in der Eucharistie nicht wiederholt, sondern sakramental gegenwärtig gesetzt. Wir empfangen nicht lediglich ein Symbol seines Leibes, sondern nach katholischem Glauben Christus selbst. Damit bekommt die Frage nach dem Abendmahl ein ganz anderes Gewicht. Es geht nicht um unterschiedliche religiöse Geschmacksrichtungen, sondern um das Zentrum des christlichen Gottesdienstes.

Brotbrechen oder Leib Christi?
In vielen evangelikalen Gemeinden wird das Abendmahl vornehmlich als Gedächtnismahl verstanden. Man bricht das Brot, erinnert sich an das Opfer Christi und bekennt die Gemeinschaft der Gläubigen. Doch was sagt Christus selbst? „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch“ (Joh 6,53). Und wenig später: „Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank“ (Joh 6,55). Diese Worte waren schon für die damaligen Zuhörer eine Zumutung. Viele seiner Jünger erklärten, diese Rede sei unerträglich, und wandten sich von ihm ab. Bemerkenswert ist nun, dass Christus ihnen nicht nachlief, um ein Missverständnis aufzuklären. Er erklärte nicht, alles sei lediglich bildlich gemeint gewesen. Stattdessen fragte er sogar die Zwölf: „Wollt auch ihr weggehen?“ (Joh 6,67). Warum sollte ausgerechnet hier, wo Christus seine Worte mit einer solchen Eindringlichkeit vorträgt, eine rein symbolische Interpretation die einzig richtige sein?

Natürlich kennt die Bibel bildhafte Redeweisen. Die katholische Eucharistielehre beruht indes nicht allein auf der Brotrede des Johannesevangeliums. Hinzu kommen die Einsetzungsworte beim Letzten Abendmahl, das Zeugnis des Apostels Paulus und die eucharistische Überlieferung der frühen Kirche. Schon der heilige Ignatius von Antiochien bezeugt zu Beginn des zweiten Jahrhunderts einen Glauben an die Eucharistie, der sich schwerlich auf ein bloßes Erinnerungszeichen reduzieren lässt. Die katholische Messe ist deshalb nicht einfach eine feierlichere Variante des freikirchlichen Gottesdienstes. Sie ist ihrem Wesen nach etwas anderes. Hier steht nicht die mehr oder weniger gelungene Predigt im Mittelpunkt, sondern das eucharistische Opfer Christi. Selbst wenn der Priester schlecht predigt, selbst wenn der Kirchenchor danebenliegt und die Gemeinde wenig Begeisterung zeigt, bleibt das sakramentale Geschehen davon unberührt. Christus ist gegenwärtig. Nicht weil wir ihn durch unsere Gefühle, unsere Musik oder unsere religiöse Begeisterung gewissermaßen herbeigerufen hätten, sondern weil er selbst seiner Kirche diese Gegenwart verheißen hat.

Hier liegt der klassische katholische Grundsatz ex opere operato: Die Sakramente wirken kraft des von Christus gestifteten sakramentalen Handelns und nicht aufgrund der besonderen Frömmigkeit oder Begabung des Priesters. Das bedeutet keineswegs, dass der persönliche Glaube und die innere Bereitschaft des Empfängers gleichgültig wären. Es bedeutet aber, dass die Gnade nicht von der Stimmung im Kirchenraum und nicht von der rhetorischen Leistung des Zelebranten abhängt. Brotbrechen als gemeinschaftliches Erinnerungsmahl und der Empfang des Leibes Christi in der Eucharistie sind aus katholischer Sicht nicht einfach zwei Varianten desselben Vorgangs. Der Unterschied ist wie Himmel und Erde. In der konsekrierten Hostie steigt Christus selbst zu uns hinab, tritt in uns ein, in unsere Herzenskammer. Seine Gegenwart soll unser Denken, Fühlen, Wollen und Handeln durchdringen, uns wandeln und ihm selbst ähnlicher machen.

Wenn der Gottesdienst zur Veranstaltung wird
Kürzlich hörte ich mir eine Predigt aus einem evangelikal geprägten Gemeindekontext an. Sie war rhetorisch durchaus geschickt aufgebaut, lebensnah und verständlich, ja irgendwie leutselig. Der Prediger versuchte sichtbar, Nähe zu seiner Gemeinde herzustellen. Dennoch hatte ich über weite Strecken den Eindruck, einem Vortrag oder Seminar beizuwohnen. Das ist zunächst keine Kritik an der Person des Predigers. Gute Verkündigung braucht Vorbereitung, sprachliche Begabung und die Fähigkeit, Menschen zu erreichen. Auch in der katholischen Kirche könnte man sich diesbezüglich bisweilen mehr Mühe geben. Wenn der Gottesdienst im Wesentlichen aus Predigt, Musik und Gemeinschaftserlebnis besteht, verschiebt sich zwangsläufig sein Schwerpunkt. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf den Menschen, der spricht, auf die Band, die spielt, und auf die Gefühle, die dabei entstehen. Der Gottesdienst droht zum religiösen Erlebnisangebot zu werden.

Was aber geschieht, wenn die Musik nicht berührt, die Predigt langweilt und die erwartete Begeisterung ausbleibt? Ist dann auch die Begegnung mit Gott misslungen? In der katholischen Messe steht nicht die Leistung des Menschen, sondern das Handeln Christi im Mittelpunkt. Dazu gehört auch die Ehrfurcht, die sich nicht allein innerlich vollzieht, sondern auch im körperlichen Verhalten Ausdruck findet. Wir knien nieder, bekreuzigen uns, verneigen uns vor dem Allerheiligsten. Wir schweigen, beten und beten an. „Vor dem Namen Jesu soll jedes Knie sich beugen“ (Phil 2,10). Der Mensch ist schließlich keine körperlose Seele. Was er glaubt, soll sich auch in seiner äußeren Haltung ausdrücken. Wenn in manchen modernen Gottesdiensten der Eindruck eines Konzert- oder Hörsaales entsteht, wenn Beifall, Unterhaltung und lockere Geselligkeit das Geschehen prägen, stellt sich mir die Frage, ob hier noch ausreichend bewusst ist, vor wem wir eigentlich stehen. Es geht nicht darum, jede freudige Glaubensäußerung zu verdächtigen. Doch Ehrfurcht ist mehr als Begeisterung. Sie entspringt dem Bewusstsein, dem unendlich heiligen Gott gegenüberzutreten. Wo dieses Bewusstsein schwindet, kann der außeralltägliche Gottesdienst zum alltäglichen Menschendienst herabsinken. Leider wäre es allerdings Selbsttäuschung, diese Kritik nur an Freikirchen zu richten. Die Gefühlszentriertheit, die anthropozentrische Predigt und die liturgische Profanisierung, die „Häresie der Formlosigkeit“ (Martin Mosebach) haben längst auch in vielen katholischen Pfarrgemeinden Einzug gehalten. Diese schleichende Protestantisierung des Katholizismus ist umso bedauerlicher, als dadurch ausgerechnet das verdunkelt wird, was die katholische Messfeier unverwechselbar macht. Hoffnung macht mir, dass manche jüngere Priester wieder größeren Wert auf Tradition, Sakralität und Ehrfurcht legen.

Bekehrt – und damit gerettet?
Ein weiterer fundamentaler Unterschied betrifft das Verständnis von Bekehrung, Rechtfertigung und Heil. Im evangelikalen Raum wird häufig großer Wert auf die persönliche Entscheidung für Christus gelegt. Man spricht ein Übergabegebet, bekennt öffentlich seinen Glauben oder lässt sich als Erwachsener taufen. In vielen baptistisch geprägten Freikirchen wird zudem die Kindertaufe abgelehnt und die bewusste Glaubensentscheidung zur Voraussetzung der Taufe gemacht. Die katholische Sicht setzt einen anderen Akzent: Die Taufe ist zuerst Geschenk und Handeln Gottes, nicht die Auszeichnung für eine bereits vollbrachte menschliche Entscheidung. Das Kind kann die Gnade nicht verdienen; es darf sie empfangen.

Wie problematisch die starke Konzentration auf einen bestimmten Augenblick der Bekehrung werden kann, habe ich schon als etwa Zehn- oder Elfjähriger erfahren. Damals nahm ich in Albshausen bei Wetzlar an einer einwöchigen Glaubensrüste für Kinder und Jugendliche teil, die mir bis heute in bedrückender Erinnerung geblieben ist. Wir aßen, beteten, sangen und unternahmen gemeinsam etwas. Man war praktisch nie allein. Im Mittelpunkt standen die Bibellektüre und die religiöse Unterweisung. Wer die meisten Bibelverse auswendig hersagen oder eine bestimmte Schriftstelle am schnellsten aufschlagen konnte, erhielt eine Belohnung. Über allem lag ein eigentümlicher Druck, der mich zunehmend verunsicherte. Aus heutiger Sicht hatte diese Woche für mich beinahe etwas von einer Gehirnwäsche: Die nahezu ununterbrochene Gemeinschaft, die intensive religiöse Unterweisung und die wiederholte Beschwörung des ewigen Heils oder der Verdammnis ließen kaum Raum, sich innerlich zu distanzieren oder das Gehörte in Ruhe zu verarbeiten. Solchen Glaubensrüsten folgten später Zeltmissionen und weitere Jugendfreizeiten, die auch der Festigung innergemeinschaftlicher Bindungen dienten und bei denen nicht selten spätere Ehen innerhalb des eigenen Glaubensmilieus angebahnt wurden. An diesen Veranstaltungen nahm ich allerdings wegen unseres Umzugs nicht mehr teil.

Besonders eindringlich erinnere ich mich an einen älteren „Versammlungsbruder“, der uns vom Buch des Lebens erzählte. Am Ende unseres irdischen Daseins, so erklärte er, werde dieses Buch aufgeschlagen. Nur wer darin verzeichnet sei, dürfe in den Himmel eingehen. Unser Name aber werde erst dann mit goldenen Lettern eingetragen, wenn wir uns persönlich und öffentlich zu Christus bekehrten. „Willst du, dass dein Name dort steht? Dann bekehr dich! Sag ja zu Christus!“ Diese Aufforderung wurde uns Kindern mit solchem Nachdruck vorgetragen, dass ich mich zunehmend bedrängt fühlte. Die Angst, womöglich nicht gerettet zu werden, stand unausgesprochen im Raum.

In einer Nacht erlebte ich die Bekehrung eines Jungen aus meiner Schlafstube mit. Wir mussten alle aufstehen, uns im Kreis zusammensetzen und jeder ein freies Gebet für den Neubekehrten sprechen. Die erfreuliche Nachricht wurde anschließend den verantwortlichen Brüdern mitgeteilt, und am nächsten Tag wurde der Junge öffentlich für seine Entscheidung gelobt. Mich ließ dieses Erlebnis mit einem merkwürdig beklemmenden Gefühl zurück. Ich selbst brachte die verlangte Bekehrung nicht über mich. Nicht etwa, weil ich Christus abgelehnt hätte. Im Gegenteil: Ich glaubte doch bereits an Gott und an Jesus Christus! Warum sollte ich nun einen bestimmten, öffentlich vollzogenen Akt benötigen, um von Gott angenommen zu werden? War mein bisheriger Glaube denn nichts wert? Sollte ich ohne dieses Bekenntnis tatsächlich zu den Verworfenen gehören?

Rückblickend erscheint mir diese Form religiöser Unterweisung höchst problematisch. Wo Kinder durch die Angst vor der ewigen Verdammnis zu einem öffentlich erwarteten Bekenntnis gedrängt werden, droht die freie Glaubensentscheidung zur religiösen Anpassungsleistung zu werden. Was als persönliche Hinwendung zu Christus gedacht ist, kann dann unversehens den Charakter eines sozialen Bewährungsrituals annehmen. Gerade hier zeigt sich für mich die befreiende Tiefe des katholischen Taufverständnisses: Am Anfang steht nicht meine religiöse Leistung, nicht mein öffentlich bekundeter Entschluss, sondern die unverdiente Gnade Gottes, die mir bereits geschenkt wird, bevor ich sie überhaupt bewusst erfassen kann.

Die Bekehrung als bewusste Entscheidung, sein Leben Christus zu übergeben, kann selbstverständlich den Beginn eines tiefgreifenden geistlichen und segensreichen Wandels markieren. Doch damit ist der Mensch nicht automatisch am Ziel. In zahlreichen evangelikalen Strömungen wird die Überzeugung vertreten, ein einmal wirklich geretteter Christ könne sein Heil nicht mehr verlieren. Andere lehnen diese Vorstellung ausdrücklich ab. Dennoch bleibt die starke Konzentration auf den Zeitpunkt der persönlichen Bekehrung ein charakteristisches Merkmal vieler evangelikaler Gemeinschaften. Die katholische Kirche betrachtet die Umkehr dagegen als lebenslange Aufgabe. Auch nach der Taufe bleibt der von der Neigung zum Bösen gezeichnete Mensch verwundbar. Er kann schwer sündigen, sich von Gott entfernen und die heiligmachende Gnade verlieren. Ein öffentliches Christus-Bekenntnis ist daher keine Versicherungspolizze für das ewige Leben. Christus selbst warnt: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut“ (Mt 7,21). Was nützt es also, Christus mit den Lippen zu bekennen, wenn man im Alltag gegen seine Gebote verstößt? Was nützt die Erinnerung an ein bewegendes Bekehrungserlebnis vor zwanzig Jahren in einem Sesselkreis bei Nacht, wenn das eigene Leben inzwischen von Hochmut, Lieblosigkeit, Unkeuschheit oder Habgier bestimmt wird?

Der Mensch bleibt ein Sünder, der immer wieder der Gnade bedarf. Nicht die einmalige religiöse Entscheidung, sondern die Treue bis zum Ende ist entscheidend, wozu besonders die guten Werke zählen. „So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat“ (Jak 2,17). Gute Werke ersetzen die Gnade nicht; sie sind Frucht eines Glaubens, der in der Liebe wirksam wird. Daran muss sich jedes noch so nachdrückliche Christus-Bekenntnis messen lassen. Hildegard Burjan hat dies in treffliche Worte gefasst: „Ich weiß sicher, dass es nur ein wahres Glück gibt, und das ist die Liebe Gottes! Alles andere kann erfreuen, aber Wert hat es nur, wenn es aus dieser Liebe stammt und in ihr begründet ist.“ Aus der Liebe zu Gott erwächst unsere Liebe zu unseren Mitmenschen und uns selbst. Der Liebe zu Gott sollten unsere Handlungen und Leistungen entspringen. Das bedeutet freilich nicht, dass wir uns durch eigene Leistungen erlösen könnten. Das genaue Gegenteil ist wahr: Wir sind auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen, weil wir uns selbst nicht aus unserer Schuld befreien können.

Baron Münchhausen und die Beichte
Hier liegt für mich einer der tiefsten Unterschiede zwischen katholischem und evangelikalem Glaubensverständnis. Wenn ich gesündigt habe, kann ich selbstverständlich im stillen Gebet Gott um Vergebung bitten. Das ist notwendig und gut. Es macht allerdings einen erheblichen Unterschied, ob ich meine Schuld lediglich innerlich bereue oder ob ich sie im Sakrament der Beichte vor einem Priester hörbar ausspreche und im Anschluss die Lossprechung empfange, wenn ich sie bereue. Wie leicht ist es, sich selbst zu entschuldigen! Man denkt: Es tut mir leid, ich werde es künftig besser machen. Und schon geht man wieder zur Tagesordnung über. Aber haben wir unsere Schuld wirklich erkannt? Haben wir sie vollständig eingestanden? Oder haben wir uns nicht eher selbst beruhigt und die unangenehmen Seiten unseres Verhaltens verdrängt? Der Mensch ist ein Meister der Selbsttäuschung. Er kann sich seine eigenen Verfehlungen schönreden, seine Motive beschönigen und sich selbst für unschuldig erklären, auch wenn seine Umwelt dies völlig anders sehen mag. Entscheidend ist jedoch: Wir können uns nicht selbst die Absolution erteilen. Wir können uns ebenso wenig selbst erlösen, wie weiland Lügenbaron Münchhausen sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen konnte. In meiner freikirchlichen Jugend begegnete mir ein ganz anderes Bild der katholischen Beichte. Katholiken wurden, wenn man denn einmal über sie sprach, eher geringgeachtet. „Die sündigen gehörig beim Karneval, gehen anschließend zur Beichte, und dann ist alles wieder gut. Das kann’s doch wohl nicht sein!“, hieß es etwa. Die Beichte erschien in dieser Vorstellung als eine Art bequemer Freibrief zum Sündigen, bei dem man sich seiner Verfehlungen ohne ernsthafte innere Umkehr wieder entledigen konnte. Wie grundlegend dieses Bild das katholische Verständnis des Bußsakraments verfehlte, wurde mir erst später bewusst.

In der sakramentalen Beichte muss ich mich überwinden, meine Schuld auszusprechen. Ich muss sie einem Gegenüber offenbaren, das in diesem Augenblick nicht als Privatperson, sondern als geweihter Diener Christi handelt. Und schließlich höre ich die Worte: „Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. Und ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Das ist nicht eine bloß psychologische Entlastung. Es ist nach katholischem Glauben ein wirksamer Gnadenakt Christi selbst. „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten“ (Joh 20,23). Warum sollte Christus seinen Aposteln diese Vollmacht ausdrücklich übertragen haben, wenn sie für das Leben der Kirche keinerlei sakramentale Bedeutung besitzen sollte? Die Beichte ist kein Instrument religiöser Bevormundung, sondern ein Geschenk göttlicher Barmherzigkeit. Sie eröffnet dem gefallenen Menschen immer wieder einen Neuanfang. Auch die Krankensalbung gehört zu diesen konkreten Hilfen der Kirche. Gerade in schwerer Krankheit und im Angesicht des Todes bleibt der Mensch nicht auf seinen eigenen Glaubensmut verwiesen. Die Kirche tritt ihm mit Gebet, Salbung und sakramentaler Gnade zur Seite. Freikirchen kennen ebenfalls Krankengebet und bisweilen Salbungen; doch die katholische Sakramentalität erschließt hier eine eigene Dimension. Darin zeigt sich die Größe des katholischen Menschenbildes: Es kennt die Abgründe menschlicher Schwäche, aber es verzweifelt nicht an ihnen, sondern bietet Mittel der Heilung an. Doch die katholische Kirche reicht noch weit über diese sakramentalen Hilfen hinaus. Ihre Gemeinschaft umfasst nicht nur die Lebenden, sondern auch jene, die uns bereits in die Ewigkeit vorausgegangen sind.

- Teil 2 folgt - 


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Lesermeinungen

Ulrich Motte vor 34 Minuten: Es ist natürlich nicht möglich, im Rahmen eines Mails das zu beantwowten

Texte zum Thema liefern in deutscher Sprache Frage zum Beispiel James Mc Carthy "Das Evangelium nach Rom", Hans-Werner Deppe, Wolfgang Bühne, in ihren Büchern und Roland Sckerl auf seiner Internetseite. Von mir hier nur ein kurzes -zugespitztes- Stichwort: Dieser Text von der angeblichen Fülle kommt mir vor wie die Äußerung eines Mannes gegenüber einem Freikirchlicher, der sich auf die Bibel beruft in seinem Festhalten an der Einehe: Sie sind ja ein guter Ehemann, aber nur die Vielehe gibt ihnen die Fülle des Ehelebens... Ich gehe hier nicht ein auf meine Anfragen an den typisch siegerländischen Pietismus, dem der Autor zu entstammen scheint. Die neue konservative Evangelisch-Reformierte Gemeinde Siegen - Dillenburg will gerade dazu Alternative sein !

Parcival vor 51 Minuten: Die Treue zur Kirche ist Treue zu Christus

Für dieses Zeugnis danke ich. Ich erkenne Parallelen zu meinem eigenen Glaubensweg. Scott Hahn war auch mir eine Hilfe auf dem Weg in die Kath. Kirche. Wer die Zersplitterung des freikirchl. Milieus erfahren hat, nimmt den Wert der sichtbaren Einheit + der unverkürzten Glaubensüberlieferung umso deutlicher wahr. Umso befremdlicher ist der wachsende Ungehorsam gegenüber dem Hl. Vater + dem kirchl. Lehramt: in Teilen des Umfelds des überlieferten Ritus, bei Bestrebungen zur Aufweichung verbindlicher Lehre wie auch in der unkritischen Rezeption freikirchl. Gedankenguts. Deshalb trete ich ein für die Einheit der Kirche u. die Treue zum Nachfolger Petri. Die Kirche ist Christi Stiftung u. seine Braut, nicht das Produkt wechselnder theol. Präferenzen. Ihr gilt seine Verheißung (Mt 16,18). Fundiertes Glaubenswissen, dogmat. Klarheit, Kenntnis des Kirchenrechts + Gehorsam gegenüber dem Jurisdiktionsprimat des Papstes sind unverzichtbar, um nicht schleichend in Schisma oder Häresie abzuleiten.

gebsy vor 1 Stunden: Auch in katholischen Kreisen weit verbreitet

ist die Auffassung, dass CHRISTLICH zu sein, die richtige Ökumene fördert.

Vergelt's Gott!

"Wenn diese Auffassung zutrifft, kann man die katholische Kirche nicht ohne weiteres gegen eine andere christliche Gemeinschaft austauschen, als wechselte man von einem Verein zu einem anderen, dessen Veranstaltungen einem besser gefallen."

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