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Papst betet die Vesper mit Menschen des geweihten Lebens in Uruguay - „Die Treue zu unserer Berufung erfordert, dass wir immer wieder zu Jesus Christus zurückkehren; dass wir ihn zu unserem Schatz machen, zu dem, dem wir nacheifern wollen“ - VIDEO
Montevideo (kath.net/pl) kath.net dokumentiert die Predigt von Papst Leo XIV. in der Metropolitankathedrale der Unbefleckten Empfängnis und der Heiligen Philippus und Jakobus (Montevideo) am Freitag, 6. November 2026, in voller Länge:
Liebe Brüder und Schwestern in Jesus Christus,
es ist mir eine Freude, mit euch das Abendgebet in dieser Kathedrale zu feiern, die so viele Erinnerungen an das Leben ihres Volkes bewahrt. Dazu gehört auch das Taufbecken, in dem José Gervasio Artigas getauft wurde – ein Zeichen für den fruchtbaren Beitrag der Kirche zum Wohl des Landes. Dort begann für ihn ein neues Leben als Kind Gottes. Dieselbe Gnade steht auch am Anfang unserer eigenen Geschichte. Durch die Taufe hat Christus uns an seinem Leben teilhaben lassen und er lädt uns ein, ihm immer ähnlicher zu werden, bis wir lernen, so zu sehen, zu hören und zu lieben wie er.
Der Psalm, den wir gerade gesungen haben, enthält eine überraschende Warnung. Nach der Beschreibung der Götzen aus Gold und Silber, die Werke von Menschenhand sind, heißt es dort: »Ihnen werden gleich, die sie machen, alle, die auf sie vertrauen« (Ps 135,18). Die Menschen machten diese Bildnisse und wurden ihnen schließlich ähnlich. So ist es mit dem menschlichen Herz: Nach und nach nimmt es die Gestalt dessen an, was es liebt und worauf es sein Vertrauen setzt. Deshalb sagt uns Jesus: »Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz« (Mt 6,21).
Auch wir, die wir unser Leben dem Herrn geschenkt haben, müssen uns fragen, wo unser Herz ist. Manchmal bleibt es vielleicht einem Werk verhaftet, das wir als unser eigenes betrachten, der Anerkennung, die wir erhalten, oder der ruhigen Gewissheit, alles unter Kontrolle zu haben. Und ohne es zu merken, beginnen wir, andere aus einer Perspektive zu betrachten, die auf diesen Sorgen beruht. Die Treue zu unserer Berufung erfordert, dass wir immer wieder zu Jesus Christus zurückkehren; dass wir ihn zu unserem Schatz machen, zu dem, dem wir nacheifern wollen.
Die Götzen, so heißt es weiter im Psalm, »haben einen Mund und reden nicht, sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht« (135,16-17). Sie sind aus Gold und Silber, aber es fehlt ihnen das Leben. Wie anders ist doch der Gott, auf den wir unser Vertrauen gesetzt haben! Er sieht das Leid seines Volkes und hört sein lautes Rufen. So offenbarte er es Mose am brennenden Dornbusch: »Ich habe das Elend meines Volkes […] gesehen und ihre laute Klage […] habe ich gehört« (Ex 3,7).
Und als der Sohn Gottes Mensch wurde, zeigte sich dieses göttliche Mitfühlen in einem menschlichen Antlitz, in Augen, Ohren und Händen wie den unseren. Jesus richtete seinen Blick auf Zachäus, der sich zwischen den Ästen eines Baumes versteckt hatte (vgl. Lk 19,5). Er hörte Bartimäus, als viele ihn zum Schweigen bringen wollten (vgl. Mk 10,48-49). Er streckte die Hand aus, um einen Aussätzigen zu berühren (vgl. Mk 1,41), und segnete die Kinder, die zu ihm kamen (vgl. Mk 10,16). Aus seinem Mund kam das Wort, das Dämonen austrieb (vgl. Mk 1,25-26), und vom Kreuz herab die Bitte um Vergebung für seine Peiniger (vgl. Lk 23,34). So ist unser Gott. In Jesus haben wir erfahren, wie er uns ansieht und wie sehr er uns liebt (vgl. Joh 14,9).
Liebe Brüder, diese Liebe Christi wollte auch durch euch so viele Menschen erreichen. Eure Augen haben ganze Generationen aufwachsen sehen und Tränen entdeckt, die sonst unbemerkt blieben. Eure Ohren haben vertrauensvolle Worte gehört, die schwer auszusprechen waren. Wie viele Menschen haben voller Furcht den Beichtstuhl betreten und sind voller Freude wieder herausgekommen, weil sie Vergebung erfahren haben! Dasselbe gilt für eure Hände: Sie haben so oft den Leib Christi emporgehoben, sie haben den Kranken geholfen, sie haben eine Mahlzeit zubereitet oder jemanden gestützt, der nicht mehr allein gehen konnte. Diese Hände, die durch das Charisma eurer Ordensgemeinschaften so vielen Menschen die Güte Gottes nahegebracht haben. Manche sind gezeichnet von Alter und Arbeit. Wie schön sind solche Hände, die Gutes tuend gealtert sind!
Der Herr bewirkt eine Verwandlung in demjenigen, der ihm nahe bleibt. Die Kurzlesung hat uns daran erinnert, dass die Prüfung unseres Glaubens Geduld bewirkt (vgl. Jak 1,3). Die Ähnlichkeit mit Christus reift auch in den Schwierigkeiten: wenn die Arbeit fruchtlos erscheint, wenn die Kräfte nachlassen, wenn man von vorne beginnen muss. Die Beständigkeit hinterlässt Spuren. Im Laufe der Jahre kann ein Blick barmherziger werden, können Hände dienstbereiter werden und ein Wort trostreicher. Bitten wir, dass wir in allen Prüfungen stets mit Jesus verbunden bleiben und wir in der Liebe zu ihm wachsen!
Unter den Gewölben dieser Kathedrale ruht der selige Jacinto Vera. In diesem Grab warten auf die Auferstehung seine Füße, die die Straßen Uruguays durchwanderten, um seinem Volk das Evangelium zu bringen; seine Hände, die segneten, den Armen halfen und die Sakramente spendeten; seine Ohren, die unzählige vertrauensvolle Worte aufnahmen, und seine Augen, die diejenigen erblickten, die Hilfe brauchten. Eine Ordensschwester, die ihn jahrelang begleitet hatte, bezeugte in Erinnerung an seine einfache Art zu sprechen und auch an seinen Gang: »Schon vom Äußeren her schien es, als befände er sich immer im Gebet» (Positio, I,154). Die Beziehung zu Gott hatte sein Gesicht, seine Gesten und seine Art, unter den Menschen zu sein, geprägt. Wer sich ihm näherte, spürte etwas von der Güte Christi, noch bevor er ein Wort seiner Predigt hörte.
Liebe Brüder und Schwestern, dies ist eines der Geheimnisse der Evangelisierung: ihm ähnlich zu sein, den wir verkünden. In diesem Land, wo viele unserer Zeitgenossen Jesus Christus kaum kennen und so viele junge Menschen fernab vom kirchlichen Leben aufgewachsen sind, hat dieses Zeugnis eine besondere Kraft. Mögen sie sich, wenn sie uns beobachten, wie wir auf andere blicken, wie wir zuhören oder wie wir uns den Leidenden zuwenden, die Frage stellen: Woher kommt diese Liebe? Und wenn wir ihnen von Jesus erzählen, so möge das dazu führen, dass sie denselben Herrn entdecken, dessen Güte sie – trotz unserer Armut – durch uns bereits anfänglich erfahren haben.
Dieser Wunsch, dass andere Jesus kennenlernen und ihm nachfolgen, fand auch im Gebet um Berufungen einen Ausdruck. Als das interdiözesane Priesterseminar im Jahr 2024 keine neuen Kandidaten hatte, begannen viele Gläubige, sich zu Gebets- und Fastentagen zu versammeln, um den Herrn zu bitten, Arbeiter in seine Ernte zu senden (vgl. Mt 9,38). Seitdem haben sie treu weiter darum gebetet, dass Menschen seinen Ruf hören. Und heute sind wir dankbar, dass mehrere junge Menschen ihren Weg im Priesterseminar und im geweihten Leben begonnen haben und nun hier unter uns sitzen. Was für eine Freude zu wissen, dass weiterhin großherzige Antworten auf die Liebe Christi entstehen! Ich danke von ganzem Herzen all jenen, die dieses Gebet unterstützt haben, und ermutige sie, darin nicht nachzulassen. Seht in diesen Früchten den Beweis dafür, dass unser Gott das Gebet seines Volkes erhört.
Ich würde mir wünschen, dass diese Erfahrung aus Uruguay in der gesamten Kirche ein Echo findet. Von dieser Kathedrale in Montevideo aus lade ich meine Mitbrüder im Bischofsamt in aller Welt ein, in ihren Diözesen Gebets- und Fastentage für mehr Berufungen zum Priestertum und zum geweihten Leben anzuregen. Pfarreien, Familien und Ordensgemeinschaften mögen sich zu diesem Gebet zusammenfinden. Das Beispiel dieses Landes ermutige auch andere dazu, mit demselben Vertrauen zu bitten!
Liebe Seminaristen, Novizen und Novizinnen, schaut auf diejenigen, die vor euch den Weg der Hingabe gegangen sind: auf ihre gezeichneten Hände, ihre beharrliche Liebe, ihre Art, mit Jesus umzugehen. Lernt von ihnen diese Vertrautheit mit dem Herrn. Und diejenigen, die schon seit vielen Jahren im pastoralen Dienst oder im geweihten Leben stehen, bitte ich, immer wieder zum Wesentlichen zurückzukehren. Bewahrt die Stille des Gebets, das Hören auf das Wort Gottes, die Begegnung mit Christus in der Eucharistie. In dieser Vertrautheit erneuert sich die Liebe, die euch dazu bewegt hat, ihm euer Leben zu übergeben, und unser Herz nimmt immer mehr die Gestalt seines Herzens an.
Es gibt noch ein Bild aus dem Psalm, an das ich erinnern möchte. Von jenen Götzen heißt es: »Auch ist kein Atem in ihrem Mund« (135,17). Der auferstandene Herr hingegen hauchte seine Jünger an und sprach zu ihnen: »Empfangt den Heiligen Geist!« (Joh 20,22). Derselbe Geist haucht diesem Staub, aus dem wir bestehen (vgl. Gen 2,7), Leben ein und vereint uns zu einem einzigen Leib. Lasst euch von ihm leiten und tut alles vereint durch das Band der Liebe, vor allem wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet (vgl. Jak 1,2). Auch wenn euch oft viele Kilometer trennen, unterstützt euch gegenseitig und bleibt stets in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri, der ebenfalls die Unterstützung durch eure Gebete braucht.
In Kürze werden wir das Magnifikat singen. Im Schoß der allerseligsten Jungfrau Maria bildeten sich jene Augen voller Barmherzigkeit, jene Ohren, die unsere Bitten erhören, und jene Hände, die sich rettend ausstrecken. Möge Unsere Liebe Frau von den Dreiunddreißig uns helfen, dass unser Herz ihrem Sohn nahe bleibt, auf dass wir in der Stunde, in der sich unsere Augen für immer schließen, die Stimme des Herrn hören dürfen, die uns beim Namen ruft, und wir uns vertrauensvoll seinen Händen überlassen können. Amen.
Video: Diese Vesperfeier in voller Länge:
Foto aus dieser Veranstaltung (c) Vatican Media
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